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Cochem

1. Weltkrieg: Cochemer Prinz kehrte nicht aus Krieg zurück

Es sollte der Beginn der verlustreichsten Schlacht des 1. Weltkrieges werden: Am 1. Juli 1916 eröffneten die Westalliierten an der Somme eine Großoffensive gegen die deutschen Stellungen. Französische und britische Soldaten versuchten, die deutschen Schützengräben zu überwinden, nachdem bereits acht Tage lang die britische Artillerie die deutsche Frontlinie unter Beschuss genommen hatte. Mehr als vier Millionen Soldaten standen sich hier gegenüber, rund eine Million Soldaten mussten ihr Leben lassen.

Von unserem Mitarbeiter Dieter Junker

Einer von ihnen war der damals 23 Jahre alte Willy Hieronimi aus Cochem, der zu dieser Zeit als Unteroffizier und Offiziersanwärter im Zweiten Maschinengewehr-Kompanie-Reserve-Infanterie-Regiment 100 an der Westfront in der Nähe des französischen Ortes Montauban stationiert war. Der junge Cochemer sollte zu den ersten Gefallenen der Somme-Schlacht gehören.

Ein anderer Soldat, der mit Willy Hieronimi den damaligen britischen Angriff erlebte, erinnerte sich in einem Schreiben an die Mutter des Cochemers an diesen Tag: "Ihr Sohn an meinem Gewehr der Führer, bekam zuerst einen Streifschuss am Hals. Nicht desto weniger tat er seine Pflicht weiter, und wurde dann durch den bald eindringenden Feind durch einen sofort tödlichen Kopfschuss getroffen. Er hat nicht viel gelitten und hatte später ganz friedliche Gesichtszüge." Es war gegen am 1. Juli 1916 gegen 9 Uhr.

Rückblende, Februar 1914: In Cochem feiern die Menschen ausgelassen Karneval, zahlreiche Sitzungen sorgten für närrische Stimmung in der Stadt. Am 11. Februar ist der neue Karnevalsprinz proklamiert worden, er heißt Willy Hieronimi. In den folgenden 14 Tagen steht er im Mittelpunkt des närrischen Treibens. Zusammen mit seinem Gefolge besucht er die Sitzungen in der Moselstadt, am Fastnachtssamstag gibt es in Cochem einen Geisterzug, am Sonntag sind Sitzungen und Maskenbälle im Hotel Union und im Hotel Stadt Coblenz. Höhepunkt ist der Rosenmontagszug durch Cochem.

Die Cochemer Zeitung berichtet damals über ihn beim Rosenmontagszug: "Auf stolzer Höhe thronend, umgeben von seinem Mundschenk und Herold, mit zwei allerliebsten Pagen, auch war die Damenwelt vertreten und zwar durch je eine aus dem Orient und Occident ... Das bildete den Schluss und zwar einen recht würdigen des Ganzen." Und weiter hieß es: "Glück in der Auserwählung des Prinzen. Nun ist seine Herrschaft auch zu Ende ... Mit Zufriedenheit kann er auf eine glorreiche Vergänglichkeit zurückblicken, unter seiner Herrschaft haben wir eine recht fröhliche und vergnügte Carnevalszeit durchlebt... Jetzt ist wieder Aschermittwoch." Alles Ausdruck einer unbeschwerten Zeit im Februar 1914, in der es wohl kaum einen gegeben hat, der ahnte, dass nur sechs Monate später ein Weltenbrand ausbrechen würde, dem auch der Cochemer Karnevalsprinz zum Opfer fallen sollte.

Briefe zeigen Kriegsschrecken

Es sind viele Briefe von Willy Hieronimi erhalten geblieben, die diese beiden Jahre vom Kriegsausbruch bis zur Somme-Schlacht 1916 gut dokumentieren. Petra Lambertz aus Cochem, deren Großmutter die Schwester von Willy Hieronimi war, hat sie alle abgeschrieben. Es ist ein eindrückliches, aber auch beklemmendes zeitgeschichtliches Dokument. Lambertz ist es zu verdanken, dass der nur kurz währende kurze Lebensweg des Cochemers Willy Hieronimi nachgezeichnet werden kann.

Am 11. August 1914, wenige Tage nach Kriegsbeginn, hatte sich Willy Hieronimi freiwillig zur Armee gemeldet. Drei Tage später begann seine militärische Ausbildung in Koblenz-Kesselheim, Anfang Oktober folgte die Versetzung seines Regimentes in die Nähe von Brüssel, das damals schon von den Deutschen besetzt war. Zunächst wurde der junge Soldat hinter der Front eingesetzt, im Dezember 1914 wurde seine Einheit nach Beverloo verlegt, dort war Hieronimi als Entfernungsmesser tätig. Anfang Februar 1915 ging es zurück zum Flugfeld Brüssel, wo die Einheit englische Luftangriffe mit Maschinengewehren zu verteidigen hatte.

Am 4. Juni 1915 wurde Willy Hieronimi zum Unteroffizier befördert. Nach der Auflösung seiner Feldartillerieeinheit vier Monate später kam er im Dezember 1915 zum Landsturm-Infanterie-Ersatz-Bataillon Diedenhofen, das die Zugstrecke bei Saarbrücken zu bewachen hatte, bis er im Januar 1916 zu einer Maschinengewehrabteilung wechselte. Am 17. Januar 1916 konnte er einen Tag lang seine Familie in Cochem besuchen, es sollte das letzte Mal sein, dass sie ihn zu Gesicht bekamen. Ende Februar 1916 wurde seine Einheit nach Bapaume in Frankreich verlegt, am Abend des 21. März 1916 erlebte er erstmals hautnah im Schützengraben die Schrecken des Krieges an der Stellungsfront im Westen.

Seine Feldpostbriefe sind Zeugnisse des Schreckens an der Front im Ersten Weltkrieg. So schreibt er am 11. Mai 1916: "... wir waren einmal zweieinhalb Stunden ununterbrochen mit 21-Zentimeter-Granaten beschossen worden und der zweite Eingang vom Unterstand war zusammengeschossen. Wir konnten nicht heraus, meine Leute heulten zum Teil, die Sache war unangenehm aber wir hatten fabelhaftes Glück die Schüsse gingen um einige Meter zu kurz oder zu weit." An Ostern 1916 hieß es: "Hoffentlich ist es uns vergönnt das nächstjährige Fest wieder gesund und munter zusammen in Frieden zu feiern."

Im März 1916 hatte sich Willy Hieronimi eine Glasplattenkamera zuschicken lassen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass es auch viele Fotos gibt, die die Front zeigen und Einblicke in den damaligen Stellungskrieg erlauben. Auch sie sind zeitgeschichtliche Dokumente.

Wenige Tage vor der Somme-Schlacht – Willy Hieronimi hatte an einem Offizierskurs teilgenommen – kehrte er zurück an die Front. Eine Woche vor Beginn der alliierten Offensive hatten die Briten mit einem einwöchigen Artilleriebeschuss der deutschen Stellungen den Angriff der Infanterie vorbereitet. In seinem letzten Schreiben am 29. Juni 1916 in die Heimat ist davon zu lesen: "Das englische Trommelfeuer hält nun fünf Tage an. Verschiedene Gasangriffe der Engländer sind hauptsächlich infolge ungünstiger Windverhältnisse gescheitert. Hier sieht's fürchterlich aus. Hoffentlich hat die Geschichte bald ein Ende." Zwei Tage später sollte das Leben von Hieronimi enden.

Ungewissheit bei der Familie

Lange blieb die Familie im Ungewissen, wie es Willy Hieronimi gehen würde. Ab Juli blieben die Briefe aus, was die Sorgen der Angehörigen natürlich vergrößerte. Briefe an die Front kamen wieder zurück an den Absender, erst später meldeten sich Soldaten aus der Einheit des Cochemers bei dessen Familie, berichteten von einer Verwundung, bis schließlich am 1. September 1916 die erschütternde Mitteilung aus einem britischen Gefangenenlager kam, dass Willy Hieronimi bereits am 1. Juli gefallen war. Aus England erhielt die Familie auch seine Erkennungsmarke zugesandt.

Für die Familie war der Tod von Willy Hieronimi ein großer Einschnitt, meint Petra Lambertz heute. Eigentlich hätte der Sohn das Familiengeschäft eines Tages übernehmen sollen, doch nach seinem Tod musste die jüngere Schwester in diese Lücke springen. Keine leichte Aufgabe für eine Frau in diesen Jahren, die dies aber dennoch mit großer Bravour erledigte. Lange suchten die Angehörigen nach einem Grab von Willy Hieronimi. "Es gab viele Anfragen an den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, die leider erfolglos blieben", erzählt Petra Lambertz. Die im Raum Montauban bestatteten deutschen Soldaten wurden nach Ende des Krieges auf große Soldatenfriedhöfe umgebettet. Petra Lambertz: "Wir wissen daher nicht, wo er nun ruht."

In Cochem findet sich heute sein Namen auf Gedenksteinen für die Weltkriegsgefallenen auf Friedhof und am Ruderhaus. Es sind die wenigen Spuren, die heute noch an einen jungen Cochemer Mann erinnern, der mit 21 Jahren Cochemer Karnevalsprinz war, dem die Welt offenstand und der nur zwei Jahre später einem grausamen Krieg zum Opfer fallen sollte.

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