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Tierheime im Einsatz: Werden aus süßen Welpen "Kampfhunde"?

Katrin Steinert und Doris Schneider

Paulinchen und Bootsmann sind zwei süße Welpen. Sie kuscheln sich aneinander, tollen herum, spielen mit den bunten Kissen. Dass sie als Pitbull-Terrier auf der Liste gefährlicher Hunde stehen, hat sie vor Kurzem ins Koblenzer Tierheim gebracht. Die Welpen aus Bulgarien lebten auf Beton in einem Hinterhof und wurden beschlagnahmt. Ihre Besitzer hätten sie erst gar nicht ins Land bringen oder hier kaufen dürfen. Sogenannte Listenhunde dürfen nur in absoluten Ausnahmefällen gehalten werden. Die Rassen, die als gefährlich gelten, sollen perspektivisch aussterben. Auch in den Tierheimen in Mayen und Andernach werden sogenannte Listenhunde aufgenommen.

Paulinchen und Bootsmann, zwei Pitbull-Terrier-Welpen, wurden in einem Hinterhof gehalten. Noch sind sie niedlich, aber das kann sich ändern. Solche Hunde dürfen nur mit gesonderten Erlaubnis gehalten werden. Wenn sie beschlagnahmt werden, landen sie im Tierheim. Und dann?
Paulinchen und Bootsmann, zwei Pitbull-Terrier-Welpen, wurden in einem Hinterhof gehalten. Noch sind sie niedlich, aber das kann sich ändern. Solche Hunde dürfen nur mit gesonderten Erlaubnis gehalten werden. Wenn sie beschlagnahmt werden, landen sie im Tierheim. Und dann?

Eine von ihnen ist Dana. Die Pitbull-Mix-Hündin lebt seit 5 Jahren im Mayener Tierheim – und wurde bislang nicht vermittelt. Leiterin Ruth Drießen erzählt, dass die fuchsfarbene Hündin damals völlig verängstigt und menschenscheu zu ihnen kam. Ihr Halter hatte die rechtlich geforderten Auflagen nicht erfüllt, es fehlten entsprechende Nachweise, sagt Drießen. Dana kläffte alles an. Mit der Zeit fand die Hündin Vertrauen zu Menschen und hat seit mehr als einem Jahr einen Gassigänger, der sie nach Dienstschluss abholt, sie morgens wieder bringt, an Wochenenden und im Urlaub nimmt. Die beiden haben eine enge Bindung, deshalb soll Dana nicht mehr vermittelt werden, sondern als Gnadenbrothund im Tierheim bleiben, meint Drießen. „Wir hoffen, dass wir irgendwann eine Lösung finden, wie sie komplett mit ihm leben kann.“ Noch stehen berufliche Gründe im Weg.

Wer sich in Rheinland-Pfalz für einen Listenhund interessiert, kann legal nur einen Hund aus dem Tierheim holen. Die gefundenen oder beschlagnahmten Tiere, die falsch gehalten wurden oder bei deren Besitzern die entsprechenden Papiere fehlten, dürfen theoretisch vermittelt werden. Das ist praktisch aber gar nicht so einfach. Die Abgabe ist streng geregelt. Dazu gehört, dass Hund und potenzieller Halter amtlich nachweisen, dass sie dafür geeignet sind. Für Dana gab es beispielsweise viele Anrufer, aber laut Tierheim noch keinen, der tatsächlich infrage kam. „Immer gab es Dinge, die in der Konstellation Dana/Interessent nicht zu 100 Prozent passten“, heißt es im Onlinetagebuch des Tierheims.

Leiterin findet, dass Listenhunde zu Unrecht gebrandmarkt werden

Ruth Drießen will eine Lanze für die Listenhunde brechen: Sie findet, dass diese zu unrecht gebrandmarkt sind. Diese Tiere seien ganz familienfreundlich und verlässlich, wenn man richtig mit ihnen umgeht. Drießen betont: „Dana ist unsere Knutschkugel. Sie ist total lieb.“ Aber Dana brauche eben die entsprechende Umgebung und den entsprechenden Halter: beispielsweise dürften im Haushalt keine weiteren Hunde oder Kinder leben.

Pitbull-Mix-Hündin Dana lebt im Tierheim Mayen.
Pitbull-Mix-Hündin Dana lebt im Tierheim Mayen.
Foto: Tierheim Mayen

Die Vorsitzende des Andernacher Tierschutzvereins, Monika Hildebrand, versichert, dass jeder Hund gefährlich werden kann, wenn man ihn nicht richtig erzieht. „Sie können jeden Hund zum Killer ausbilden.“ Zwar sollten gefährliche Hunde im Blick behalten werden. „Aber das hat nichts mit der Rasse zu tun“, ist sie überzeugt. Jahrelang hat sie als Tierärztin in Bad Breisig gearbeitet und damals, als die Gesetze zu gefährlichen Hunden um die Jahrtausendwende erlassen wurden, erstmals verstärkt mit den Rassen zu tun gehabt. Monika Hildebrand nahm jede Woche rund drei bis vier Sachkundenachweise von Haltern ab, erzählt sie. Ihre Erfahrung: „99 Prozent der Hunde sind sympathisch.“ Zuletzt wurde in Andernach Anfang des Jahres ein Listenhund vermittelt. Er war noch jung und fand einen geeigneten Halter aus Nordrhein-Westfalen, sagt Hildebrand.

Allerdings kommt es vor, dass Hunde nicht erzogen und falsch gehalten werden. Davon kann Rainer Wisser ein Lied singen. Er ist beim Koblenzer Ordnungsamt für die allgemeine Gefahrenabwehr und damit auch für gefährliche Hunde zuständig. Vor Kurzem wurde das Ordnungsamt nach einem Beißunfall in einer Familie gerufen. Es stellte sich heraus, dass es ein sogenannter Listenhund ist – und dass er brandgefährlich ist. „Dass da noch nichts passiert ist, ist ein Glück“, sagt Wisser. Die Familie hatte den Hund als Welpen und Schmusehund angeschafft, nun aber war er 50 Kilo schwer, saß beim Essen mit am Tisch, wurde verhätschelt – und fühlte sich als Chef von allem. Statt sich unterzuordnen, hatte er gelernt, dass alles nach seinem Willen läuft. Im Tierheim nahm er erst einmal alles auseinander, schildert Leiterin Kirstin Höfer. Er sei nun in einer Art Therapieeinrichtung, wo er soziales Verhalten lernen soll. Die Kosten tragen die Besitzer.

Tierschützer fordern: Jeder Halter sollte Eignung nachweisen

Um einen Listenhund aus einem Tierheim zu bekommen, müssen die Interessenten also Wissen und ihre Eignung nachweisen. Die Tierheimleiterinnen sowie die Tierschutzvereinsvorsitzende Monika Hildebrand fordern, dass es für jeden verpflichtend wird, der sich einen Hund anschaffen will. Monika Hildebrand aus Andernach erzählt: „Wir erleben tagtäglich, dass sich viele Leute nicht mit Hunden auskennen und deren Körpersprache nicht lesen können.“ Hunde seien zum Glück sehr intelligent und könnten oft auch unter widrigsten Bedingungen leben, weil sie sich anpassen können.

Paulinchen und Bootsmann aus dem Koblenzer Tierheim werden vermutlich keine großen Probleme bekommen, neue Herrchen und Frauchen zu finden. Denn sie sind noch klein und goldig. Und wie sie sind, wenn sie groß sind, darauf kann man im Moment noch gut Einfluss nehmen.

Von unseren Redakteurinnen Katrin Steinert und Doris Schneider

Beißstatistik 2017: Schäferhunde auffälliger als Listenhunde

Die Statistik der angezeigten Beißunfälle 2017 zeigt für Rheinland-Pfalz: Ingesamt wurden bei Angriffen durch Hunde 236 Menschen und 240 Hunde verletzt sowie 34 Hunde getötet. Dabei gehen nur wenige Vorfälle auf die in RLP als Listenhunde bestimmte Rassen zurück:

  • Staffordshire Bullterrier und -mix (0 angezeigte Angriffe)
  • Pitbull Terrier und -mix (0)
  • American Staffordshire Terrier (3-mal Menschen, 3-mal Hunde verletzt) und -mix (1 Hund getötet)
  • auffallend viele Unfälle wurden von Schäferhunden verursacht (27 Menschen und 31 Hunde verletzt, 5 Hunde getötet)
  • und von -mixes (12 Menschen und 16 Hunde verletzt, 1 Hund getötet)
  • auch Labradore griffen an (9 Menschen und 7 Hunde verletzt)
  • und -mixes (4 Menschen und 6 Hunde verletzt, 1 Hund getötet)
  • auch Rottweiler bissen zu (10 Menschen und 11 Hunde verletzt)
  • und -mixes (4 Menschen und 2 Hunde verletzt)
  • Die vollständige Statistik mit allen erfassten Angriffen ist hier abrufbar. kst

"Listenhunde" statt "Kampfhunde"

„Kampfhunde“ gibt es eigentlich nicht, wohl aber Hunde, die laut Landeshundegesetz in Rheinland-Pfalz als gefährlich gelten und nur unter ganz eingeschränkten Bedingungen gehalten werden dürfen (sogenannte Listenhunde).

Dazu gehören neben bissigen und aggressiven Hunden auch per se Hunde der Rassen American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier, Pitbulls sowie Hunde, die von einer dieser Rassen abstammen. Die Bestimmungen sind aber in allen Bundesländern uneinheitlich, was auch daran liegt, dass die Beurteilung der Tiere unterschiedlich ist: Viele Experten halten sie für aggressiver als andere Rassen, andere sagen allerdings, das ist nicht so. dos

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