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Mendig/Region

Tagesmütter wollen nicht nur Lückenbüßer sein: Betreuer in der Region tun sich zusammen

Katrin Steinert

Sie betreuen bis zu fünf Kinder zeitgleich, spielen und lernen mit ihnen, wickeln, kochen, trösten. Doch oft haben Tagesmütter und -väter das Gefühl, nur zweite Wahl, nur ein Lückenfüller zu sein. Sie fühlen sich vor allem von den meisten Jugendämtern und der Landesregierung im Stich gelassen, die sich den Kitaausbau auf die Fahne geschrieben haben.

Sie wollen keine Lückenfüller sein, sondern von den Jugendämtern unterstützt und wertgeschätzt werden: Isabella Besic (links) und Jutta Neideck (2. von links) sind Tagesmütter im Kreis Mayen-Koblenz. Sie betreuen Kinder in den Zuständigkeitsbezirken mehrere Jugendämter wie des Landkreises, Mayen und Andernach. Hier haben sie sich in Mendig zum Gespräch mit der RZ getroffen.
Sie wollen keine Lückenfüller sein, sondern von den Jugendämtern unterstützt und wertgeschätzt werden: Isabella Besic (links) und Jutta Neideck (2. von links) sind Tagesmütter im Kreis Mayen-Koblenz. Sie betreuen Kinder in den Zuständigkeitsbezirken mehrere Jugendämter wie des Landkreises, Mayen und Andernach. Hier haben sie sich in Mendig zum Gespräch mit der RZ getroffen.
Foto: Katrin Steinert

Vor Kurzem haben sich ein Dutzend Tagesmütter und -väter aus dem Kreis Mayen-Koblenz und der Region zusammengetan, um gemeinsam an der Situation und dem Image etwas zu ändern. Vorausgegangen war ein landesweites Auftakttreffen in Speyer: Die Tagesmütter und -väter wollen auch auf Landesebene mit einer Stimme sprechen.

Eine der Aktiven im Kreis MYK ist Jutta Neideck aus Mendig. Die 47-Jährige ist gelernte Kinderpflegerin und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Jungen und Mädchen. Seit drei Jahren betreut sie Kinder als Tagesmutter bei sich zu Hause. Neideck meint, dass Tagespfleger Einzelkämpfer sind. Es fehlt eine Lobby. „Wir haben uns jetzt regional vernetzt, um kreismäßig etwas zu bewegen“, erzählt die aufgeweckte Alleinlebende. Doch sie hat das Gefühl, dass das in den Rathäusern nicht gerne gesehen wird.

Um zu erfahren, wo den Tagespflegekräften der Schuh drückt, haben wir Jutta Neideck und zwei Mitstreiter in Mendig getroffen. Isabella Besic (46) arbeitet seit 21 Jahren als Tagesmutter in Mendig, Jörg Krüger (47) seit anderthalb Jahren in Mayen: Der ehemalige Lkw-Fahrer übernahm den Job von seiner Frau, als diese starb. Alle drei Tagespfleger betreuen Kinder aus unterschiedlichen Jugendamtsbezirken: Kreisjugendamt Mayen-Koblenz, Jugendämter Andernach, Mayen und Ahrweiler. Dies sind ihre Hauptkritikpunkte:

1 Fehlende Transparenz und Unterstützung: Jutta Neideck und Isabella Besic fühlen sich vor allem vom Kreisjugendamt alleingelassen. Isabella Besic ärgert sich maßlos: „Die halten den Deckel drauf.“ Sie wirft der Verwaltung vor, unorganisiert und schlecht erreichbar zu sein. „Die wissen nicht, wer wie viele Kinder hat, wer voll ist und so weiter.“ Zudem maße sich das Jugendamt an, Eltern eine seiner Meinung nach passende Tagesmutter rauszusuchen. „Früher hat das Jugendamt einfach eine Liste mit Tagesmüttern an die Eltern rausgegeben, und die haben sich dann selbst einige angeschaut.“

2 Vernetzung wird behindert: Jutta Neideck findet das Verhalten der Mitarbeiter im Kreisjugendamt unkooperativ. Sie hat beispielsweise versucht, sich mit anderen Tagesmüttern auszutauschen, und fragte dazu eine Liste beim Amt an. „Mir wurde gesagt, dass sie die Namen nicht rausgeben“, erklärt Neideck kopfschüttelnd. Auch ihr Vorschlag, dass sich die Tagesmütter im Landkreis alle drei Monate zum Austausch treffen könnten, abwechselnd in den Familienbildungsstätten in Andernach und Mayen, sei nicht umgesetzt worden. „Bis heute warte ich darauf, dass sich etwas tut. Ich selbst durfte nicht aktiv werden.“

3 Mangelnder Vermittlungswille: Jutta Neideck fühlt sich auch bei der Vermittlung von Betreuungskindern abgewertet und im Stich gelassen. Als die 47-Jährige länger kein Kind vermittelt bekam, rief sie beim Kreisjugendamt an. „Ich bekam als Antwort, dass ich ja nur nachmittags arbeite.“ Vormittags ist sie in der Kinderbetreuung im Krankenhaus tätig. Tagesvater Jörg Krüger wird sauer, wenn er das vom Jugendamt hört: „Das ist doch völliger Schwachsinn. Ich kriege nachmittags zigfach zu.“

Der 47-jährige Mayener ist mit der Arbeit des Mayener Jugendamtes zufrieden, erzählt aber, dass auch das Andernacher Jugendamt nicht immer kooperativ handele. Er vermutet, dass dahinter ein System stecken könnte: „Die Kommunen haben Angst, dass sie ihre teuer gebauten Kitas nicht ausgelastet bekommen.“ Vor allem Andernach habe stark in die Kitas investiert. „Aber das Betreuungssystem funktioniert doch nicht alleine mit Kindergärten“, sagt er. Denn: Es gebe viele Eltern, deren Kinder frühmorgens und auch am Nachmittag betreut werden müssen, wenn die Kitas nicht geöffnet haben.

4 Fehlende offensive Werbung: Mehr Werbung für die Kindertagespflege. Das wünschen sich die Betreuer. Isabella Besic erzählt, dass viele Eltern gar nicht wissen, dass nicht nur die Betreuung in der Kita mitfinanziert wird, sondern eben auch in der Kindertagespflege. Sie stellt aber Vorbehalte bei den Eltern fest. „Eltern finden es komisch, beim Jugendamt für eine Tagesmutter anzurufen“, sagt sie. Viele befürchten, dass die Mitarbeiter bei den Eltern zu Hause vor der Tür stehen könnten und dort nach dem Rechten schauen wollten, meint Besic.

5 Zu schlechte Bezahlung: Die Tagespflegeleute finden, dass ihr Job generell zu schlecht bezahlt wird. Das Kreisjugendamt zahlt pro Kind 4,80 Euro in der Stunde. Davon sind 3 Euro Anerkennungsbeitrag, 1,80 Euro materieller Aufwand, rechnen die drei vor. Bei fünf Kindern mache das einen „Stundenlohn“ von 15 Euro, den sie noch versteuern müssen. Jörg Krüger sagt: „6 Euro pro Stunde fänden wir gerecht.“ Die Tagesmütter und -väter lassen sich von den Eltern meist etwas draufzahlen, um über die Runden zu kommen. Allerdings finden sie: Die Beitragsfreiheit für Kitaplätze ab dem zweiten Lebensjahr in Rheinland-Pfalz sollte auch für die Tagespflegeplätze gelten. Dann würden mehr Eltern die Tagespflege wählen, weil diese flexibler in den Betreuungszeiten ist, denken sie. Damit sich auf allen Ebenen etwas für die Tagespflegeleute tut, suchen sie weitere Mitstreiter.

  • Mehr Infos bei Jutta Neideck, Tel. 02652/4580, Isabella Besic, 02652/527847, und Jörg Krüger, Tel. 02651/491133.
Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

Warum es in RLP keine Großpflegestellen gibt

Die Tagespflege-Kräfte wünschen sich, dass in Rheinland-Pfalz die Großpflegestelle zugelassen wird – wie in einigen anderen Bundesländern, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Das bedeutete, dass sich zwei Betreuer zusammenschließen. Die Kinder sind dabei einer konkreten Person zugeordnet.

Die Tagespflegekräfte sehen darin einen Gewinn für alle Seiten, etwa die Vertretung bei Urlaub oder Krankheit – und den Austausch, sowie Aufsicht, etwa, wenn einer von beiden auf Toilette geht. Auf Nachfrage beim Landesbildungsministerium in Mainz teilt Pressesprecherin Sabine Schmidt mit, warum das Land gegen diese Betreuungsform ist: „Gerade die Begrenzung auf eine Gruppe von höchstens fünf Kindern ist das Merkmal der familiennahen Betreuung in der Kindertagespflege, in Abgrenzung zu einer womöglich doppelt so großen Gruppe, die dem Charakter einer Kita nahekommt.“ Das Land hält diese Abgrenzung der verschiedenen Angebotsformen mit Blick auf Qualität und Ausgestaltung der Betreuung für unverzichtbar, heißt es. „Letztlich hätte eine Großtagespflege einen schlechteren Personalschlüssel als eine Krippengruppe in der Kita.“ Zudem würde der familiäre Charakter verloren gehen, meint Pressesprecherin Schmidt. Es besteht trotzdem die Möglichkeit, sich zusammenzuschließen und einen Betrieb zu gründen. Allerdings wird dies dann nicht in der Bedarfsplanung des Landes gesehen und nicht entsprechend gefördert. „Diese Form der Betreuung benötigt in jedem Fall eine pädagogische Fachkraft (Erzieherin).“

Mayen-Andernach
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