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    Senioren machen archäologisches Experiment: Ettringer Trio erforscht Getreidereibsteine

    Schon seit vielen Jahren fasziniert Karl-Heinz Schlüter die Archäologie. Der Ettringer hat sogar schon an Ausgrabungen teilgenommen. Auch mit 79 Jahren ist sein Interesse an der Vergangenheit ungebrochen. Ein Mysterium hat den Ruheständler jüngst aber besonders umgetrieben: Wie wurden die Getreidereibsteine früher in der Region genutzt und warum wurden diese nach einiger Zeit spitzer in ihrer Form? Zusammen mit Bekannten, einem Ehepaar aus Ettringen, hat Schlüter deshalb ein ungewöhnliches Selbstexperiment gewagt und Antworten erhalten.

    Waltraud Still aus Ettringen probierte selbst aus, wie das Mahlen des Getreides mit einem Reibstein aus Basalt vor mehreren Jahrtausenden abgelaufen sein muss. Foto: privat
    Waltraud Still aus Ettringen probierte selbst aus, wie das Mahlen des Getreides mit einem Reibstein aus Basalt vor mehreren Jahrtausenden abgelaufen sein muss.
    Foto: privat

    Ab circa 5400 vor Christus hat sich vom Nahen Osten aus eine einfache Landwirtschaft in Deutschland ausgebreitet, zu deren Produkten Getreide gehörte. „Dieses bedarf zu seiner optimalen Nutzung einer Nachbehandlung: Es muss gemahlen werden“, heißt es in dem Bericht, der im Anschluss an das Experiment verfasst wurde. Demnach hatten die Bauern bereits Reibsteine entwickelt, auf denen mittels eines weiteren Steines die Körner des Getreides gemahlen werden konnten. Die ersten solcher Steine, die in unserer Region aus Basalt waren, waren bootsförmig und wurden auf dem Boden benutzt.

    „Mit Beginn der Latène-Kultur, etwa ab 450 vor Christus, tauchten plötzlich Reibsteine auf, die wegen ihrer Form ,Napoleonshüte' genannt werden und die nicht mehr, wie bisher, einfach hingelegt werden konnten, da sie statt eines flachen Bodens eine lang gezogene Spitze aufwiesen.“ Aber wieso konnte sich die scheinbar unpraktische Form gegenüber dem seit Jahrtausenden erfolgreich genutzten ursprünglichen Reibstein durchsetzen? Diese Frage stellt Schlüter vor ein Rätsel. In der Fachwelt gibt es unterschiedliche, teils widersprüchliche Erklärungsansätze. Zudem macht er bei der Literatur zum Thema eine weitere Beobachtung: So wie die Arbeit mit den Steinen in einigen Veröffentlichungen abgebildet wird, wäre die körperliche Anstrengung groß gewesen. „Manche Dinge liest man und akzeptiert man. Manchmal stellt man aber fest, dass etwas nicht so gewesen sein kann“, sagt er dazu. Weil sich die „Napoleonshüte“ durchgesetzt haben, obwohl sie in der Herstellung teurer waren, mussten sie einen Vorteil bieten, der offensichtlich in der besonderen Form liegt.

    Die Neugierde Schlüters ist geweckt. Und schnell wird ihm klar: Ohne archäologische Experimente lassen sich keine Antworten finden. So kommen Hans-Albert Still und dessen Frau Waltraud ins Spiel. Still, der ebenfalls in Ettringen wohnt, kann auf eine umfangreiche Sammlung an Mühl- und Reibsteinen, sonstigen Basaltformationen und Werkzeuge aus früherer Zeit zurückgreifen. Diese hat er auf dem Winfeld und in der sonstigen Umgebung gefunden. Somit stehen genug Versuchsobjekte zur Verfügung. Weil die Arbeit des Mahlens zu jener Zeit von Frauen erledigt wurde, übernimmt Waltraud Still die Rolle der Probandin.

    Die ersten Versuche mit beiden Formen von Steinen zeigen, dass die Körner zerdrückt werden mussten, damit sie nicht davonrollen, sondern richtig gemahlen werden konnten. Es stellte sich auch heraus, dass der „Napoleonshut“ zur Aufhängung geeignet ist. „Darauf sind wir gekommen, weil der Stein sonst beim Arbeiten verrutscht“, erklärt Schlüter. Anders als beim Mahlvorgang im Knien mit den flachen Reibsteinen kann die Arbeitshöhe variiert werden. Außerdem kommt die Gruppe zu dem Ergebnis, dass „der Hauptvorteil eines aufgehängten ,Napoleonshutes' zu sein scheint, dass kein Mehl verloren geht.“ Unter ihm kann das gemahlene Getreide mit einem Fell oder Gefäß aufgefangen werden.

    Noch immer gibt es einiges zu erforschen. Weitere Versuche können sich die drei Ettringer unter anderem hinsichtlich der Aufhängung vorstellen. Denkbar wäre eine Aussparung für den Mehlstein in einem aufgespannten Leder. Ihr Experiment sehen sie als einen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte. „Wir wollten damit die Diskussion zum Thema wieder anstoßen. Ich hoffe auf Anregungen von anderen, die es auch schon ausprobiert haben oder noch werden“, erläutert Schlüter. Dann gibt es künftig vielleicht mehr Klarheit darüber, wie die Vorfahren gelebt haben.

    Wer Kontakt zu Karl-Heinz Schlüter aufnehmen möchte, erreicht ihn unter Tel. 02651/1860.

    Von unserer Redakteurin Anne Fuhrmann

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