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    Lonnig/KoblenzSchichtarbeit mit 56: Wie lange reicht die Kraft?

    Es ist Urlaubszeit bei Herbert Fröhnich. Eigentlich eine Zeit zum Regenerieren, Wohlfühlen und Ausschlafen. Doch so recht klappen will das bei dem gebürtigen Westerwälder nicht – wie an so vielen Tagen. Die Wechselschichtarbeit bei Aleris in Koblenz, wo er seit mittlerweile mehr als 17 Jahren als Qualitätsfachmann arbeitet, hat ihre Spuren hinterlassen. Die RZ hat mit ihm über ein Arbeitsleben in Schichtdiensten gesprochen.

    Das Bankdrücken ist die Leidenschaft von Herbert Fröhnich. Durch die Arbeit bei Aleris in Koblenz kam sein Hobby in den vergangenen Jahren allerdings zu kurz. Auch sonst haben die Wechselschichten mit zunehmendem Alter weitreichende Folgen für sein Alltagsleben. 
    Das Bankdrücken ist die Leidenschaft von Herbert Fröhnich. Durch die Arbeit bei Aleris in Koblenz kam sein Hobby in den vergangenen Jahren allerdings zu kurz. Auch sonst haben die Wechselschichten mit zunehmendem Alter weitreichende Folgen für sein Alltagsleben. 
    Foto: Andreas Egenolf

    Der Wecker zeigt noch nicht einmal 9 Uhr auf dem Display an, da liegt der 56-Jährige schon wach im Bett. An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Jeder Versuch noch einmal die Augen länger zuzumachen scheitert – wenn, gelingt es Fröhnich höchstens für ein, zwei Minuten. Doch für den dreifachen Familienvater aus Lonnig ist das mittlerweile Gewohnheit.

    Was die Arbeitsmedizinerin sagt: „Der Mensch ist ein tagaktives Wesen. Durch die Schichtarbeit verschiebt sich allerdings der Biorhythmus“, erklärt Dr. Sandra Wellmann, Fachärztin für Arbeitsmedizin bei dem Berufsgenossenschaftlichen Arbeitsmedizinischen Dienst (BAD) in Koblenz. arbeitet. Die Folge ist, dass die Unfallhäufigkeit und Schlafstörungen häufig steigen – altersunabhängig.

    Vor seiner Zeit in dem Koblenzer Werk, das unter anderem als Zulieferer die Auto- und Luftfahrtindustrie bedient, arbeitete Fröhnich 14 Jahre bei Jasba Ofenkacheln in Ransbach-Baumbach, formte dort Kacheln. „Das habe ich sehr gerne gemacht. Das war eine klasse Arbeit“, schwärmt Fröhnich noch heute von der Zeit. Eine Aufgabe, die den dreifachen Familienvater ausgefüllt hat – bis zu einem schweren, unverschuldeten Verkehrsunfall. Der kostete ihn an einem Freitag, den 13., im Jahr 1992 fast das Leben, als ein Betrunkener ihm frontal in der Nähe von Montabaur ins Auto raste. „Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, erinnert sich Herbert Fröhnich sichtlich bewegt. Er musste anschließend unter anderem vier Monate einen Halofixateur tragen, damit die Verletzungen im Kopf und Halsbereich heilen konnten. Acht Jahre konnte er anschließend nicht mehr arbeiten und absolvierte eine dreijährige Umschulung zum Qualitätsfachmann. Eine Initiativbewerbung brachte ihn letztlich zu Aleris. Die Firma hatte ihn seinerzeit nicht zuletzt aufgrund ihrer Größe begeistert: „,Mensch, hier musst du dich bewerben' habe ich damals gedacht.“ An der Einstellung hat sich bis heute nichts geändert, denn er ist mit seinem Arbeitgeber sehr zufrieden: „Aleris ist einfach eine gute Firma.“

    Was die Gewerkschaft sagt: Ali Yener, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Koblenz, sieht das ähnlich – mit einem Unterschied: „Mit dem Alter steigt die Belastung für die Kollegen. Sie werden selten Leute finden, die bis 67 in der Metallbranche arbeiten.“ Laut seiner Aussage suchen die Schichtarbeiter meistens im Alter zwischen 63 und 65 Jahren den Ausstieg, egal, ob das verbunden ist mit finanziellen Einbußen.

    Dort ist er nunmehr dafür zuständig, Proben aus den gefertigten Aluminiumplatten zu entnehmen, um deren Qualität zu prüfen. Doch die wechselnde Schichtarbeit mit Früh-, Spät- und Nachtschichten bringt Probleme mit sich – auch über den fehlenden Schlaf hinaus. Die Schichtarbeit ließ Fröhnich keine Zeit mehr und nahm ihm auch die Lust für sein Hobby, das Bankdrücken. „Ich habe früher trainiert wie ein Ochse. Ich habe 240 Kilogramm auf der Bank gedrückt und an Wettkämpfen teilgenommen“, erzählt der der Lonniger mit funkelnden Augen.

    Als Fröhnich im März 2000 bei Aleris anfing, trainierte er noch fast täglich das Bankdrücken. „Doch dann ging es bergab.“ Der Oberarmumfang hat sich zwischenzeitlich von 56 Zentimetern auf immer noch beachtliche 50 Zentimeter verkleinert. Nach zehn Jahren ohne Training legte er vor wenigen Wochen allerdings wieder los, denn sein Sohn Alex hat mittlerweile auch Gefallen am Hobby des Vaters gefunden. „Jetzt sind es aber erst einmal nur noch 130 Kilogramm, die ich drücke“, gibt sich Fröhnich bescheiden.

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    Während das Bankdrücken ihm kaum Probleme bereitet, sind die Nachtschichten für ihn kein Zuckerschlecken mehr: Um 20.45 Uhr trinkt er an solchen Tagen meist noch einen Kaffee, die Schicht beginnt um 21 Uhr . Um 1 Uhr gibt es eine halbstündige Pause. Fröhnich hat die Auszeit dann auch dringend nötig, denn die Arbeit der Stunden zuvor setzt ihm zu. Immer wieder hat er mit der Müdigkeit zu kämpfen, die Lider werden schwer. Einige Kollegen bekämpfen den drohenden Schlaf mit dosenweise Red Bull oder einem Kaffee nach dem anderen. „Das kommt für mich nicht infrage“, sagt Fröhnich.

    Was die Firma dazu sagt: Generell gibt es bei Aleris ein Bewusstsein dafür, Mitarbeiter besonders bei Nachtschichten zu entlasten, wie es in einer Erklärung heißt: „Je höher das Lebensalter ist, umso schwieriger wird es, sich auf neue Schlafphasen einzustellen, zeigen Studien. Deswegen ist es auch im Unternehmensinteresse, die Nachtschicht möglichst verträglich zu gestalten.“

    Vielmehr macht er ein kurzes Nickerchen, damit er sich wieder mehr konzentrieren kann. Leichter fällt die Arbeit zwar nach der Pause trotzdem nicht, hilft aber, die Zeit bis 3 Uhr zu überbrücken. Dann ist der Kampf mit der Müdigkeit meist ausgefochten. Die Aussicht auf den Feierabend mobilisiert die letzten Kräfte. Bis halb 5 wird gearbeitet, bevor die Maschinen von Dreck und Schmutz gereinigt werden. Danach macht sich Herbert Fröhnich völlig übermüdet auf schnellstem Wege auf ins rund 20 Kilometer entfernte Lonnig. Für ein paar Minuten unter der Dusche reicht es gerade noch, bevor sich der 56-Jährige meist gegen 5.45 Uhr schlafen legt. Einschlafprobleme? Kennt der Muskelmann zumindest in diesem Moment nicht, auch eine Folge seiner Schichtarbeit. „Ich bin dann einfach nur kaputt.“

    Was ihm vor allem Probleme bereitet, sind die Ansageschichten. Wenn die Nachfrage groß ist und es dementsprechend gilt, die Aufträge abzuarbeiten, wird bei Aleris nach Bedarf eine zusätzliche Schicht im Monat angeordnet – meist samstags als Nachtschicht. Dann hat Fröhnich anschließend nur noch drei statt vier Tage frei. „Das reicht für die Erholung nicht mehr aus“, sagt der 56-Jährige. Doch damit könnte bald Schluss sein: Ab 57 Jahren sind die Ansageschichten bei Aleris mittlerweile freiwillig.

    Was der Arbeitgeberverband sagt: Der Arbeitgeberverband vem.die arbeitgeber (VEM) aus Koblenz arbeitet Schichtmodelle aus: „Wir wollen mit den Firmen stets ein Modell finden, was auch den Mitarbeitern entgegenkommt“, erklärt Arbeitszeitexperte Stephan Wüst vom VEM.

    Ganz auf die Nachtschichten verzichten? Das will Fröhnich im Hinblick auf seine Rente allerdings nicht. Er will vielmehr die sieben Jahre bis zum Ruhestand noch so durchziehen wie bisher, auch des Geldes wegen. Schließlich hat Fröhnich einen Traum: Den Traum vom Reisen. Auch für das Motorradfahren und Wandern soll dann mehr Zeit sein. „Das kommt jetzt einfach zu kurz. Ich brauche die Zeit zur Erholung“, sagt der Aleris-Arbeiter mit einem Grinsen im Gesicht, denn er weiß, dass es eine Zeit nach der Schichtarbeit geben wird.

    Von unserem Reporter Andreas Egenolf

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