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Niederwerth/Bendorf

Wenn die Fluss-Fahrrinne zur Todesfalle wird: Gefahren beim Baden in Rhein und Mosel

Thomas Brost

Es ist brüllend heiß, keinen Hund würde man bei dieser Affenhitze ins Freie jagen. Selbst Enten finden auf dem Fluss kaum Abkühlung. Ebenso wenig wie einige Unentwegte, die sich auf dem Niederwerth und unter der Autobahnbrücke bei Bendorf in der Sonne aalen. Sie haben ein schattiges Plätzchen gefunden, wagen ab und zu den Schritt in den Rhein. Wissen sie um die Gefahren – und dass im Nebenfluss Mosel in der vergangenen Woche zwei Männer (17, 19) ertrunken sind?

Am Ostufer von Niederwerth ziehen nur wenige Ausflugsschiffe vorbei – hier ist das Baden und Schwimmen nicht ganz so gefährlich wie auf der anderen Seite der Insel.  Foto: Thomas Brost
Am Ostufer von Niederwerth ziehen nur wenige Ausflugsschiffe vorbei – hier ist das Baden und Schwimmen nicht ganz so gefährlich wie auf der anderen Seite der Insel.
Foto: Thomas Brost

Achselzucken. „Krass. Nix gehört davon“, sagt Mehmet (15). Der Junge aus Bendorf hat vor einer Woche beinahe Ähnliches erlebt. Auf jeden Fall, so wie er es formuliert, war es im Wasser „gruselig“.

Erstaunlich offen berichtet der Teenager, wie er die Situation am Bendorfer Rhein, der eher aussieht wie ein Rinnsal, falsch eingeschätzt hat. Nur 20 Meter trennen an dieser Stelle unweit vom Sportplatz das Ufer von einer kleinen Sandbank. Mehmet reizt es, durch das Wasser mal kurz rüberzugehen. Die Rechnung hat er ohne die Strömung gemacht. „Sie ist an dieser Stelle ziemlich stark“, sagt der 15-Jährige. Auf dem Rückmarsch verletzt er sich an den scharfkantigen Steinen im Fluss, gerät ins Trudeln. Und: „Ich hatte Todesangst.“ Eine Angst, die Marco Vogt gut nachvollziehen und erklären kann. „Bei Niedrigwasser wirkt der Strom an manchen Stellen wie ein Flaschenhals“, sagt der Landessprecher des DLRG. Es werde mehr Wasser durch enge Kanäle gepumpt. Und es entstehen viel mehr Druck, ein härterer Wasserstrahl und damit mehr Strömung. „Dann kommt Panik auf, der Schwimmer versucht, den Druck des Wassers mit Gegendruck zu beantworten. Man droht fortgerissen zu werden.“ Todesangst setzt ein. Vogts dringender Appell: „Nicht im Rhein schwimmen gehen!“

Wie Mehmet (15) wissen auch seine Kumpels Mohammed Issa (12) und Mehmet (11) jetzt um die Gefahren. Sie radeln nur bis zum Rheinsaum, halten Abstand. „Ich war nur mal ein bisschen drin, es zieht einen gleich weg“, erzählt Mohammed Issa.

Szenenwechsel, Niederwerth. An der Ostseite der Rheininsel tummeln sich an diesem Tag nur wenige Sonnenanbeter. Sebastian (Name geändert) sucht verzweifelt einen FKK-Strand. „Der soll hier irgendwo sein, oder?“, fragt der Remagener. Hat er von den Toten in der Mosel gehört? „Nein, ist mir neu.“ Der Endvierziger weist auf seine bandagierte Hand. „Ich gehe ohnehin nur kniehoch ins Wasser.“ Er habe allerdings „schon Respekt vorm Rhein“.

Das Ufer des Rheins an der Insel Graswerth unterhalb der Bendorfer Brücke gleicht einem Sandstrand.  Foto: Sascha Ditscher
Das Ufer des Rheins an der Insel Graswerth unterhalb der Bendorfer Brücke gleicht einem Sandstrand.
Foto: Sascha Ditscher

Etwas abseits liegen, geschützt im schattigen Unterholz, Turgut Tamur und seine Familie auf Decken. Mit Blick auf den fast 50 Meter breiten Rheinstrand sagt der 30-Jährige lächelnd: „Mit den Kindern ist es hier sehr schön, schöner als im Schwimmbad, weil wir Sand zum Spielen haben.“ Mit seinen beiden Söhnen (4 und 2) und seiner Frau geht er „nur an den Rand“ des Stroms. „Der Kleine geht nur bis zur Hüfte rein, mit Schwimmärmchen. Ich bin immer dabei.“ Ab und zu zieht ein Ausflugsschiff vorbei, beschert Wellengang. Turgut: „Dann fühlt es sich an wie am Meer. Ruhe und Strand, das ist hier einzigartig“, sagt der Mann, der extra aus Höhr-Grenzhausen gekommen ist. Ist der Schiffsverkehr ein Problem? „Nein, hier an dieser Seite nicht.“ Aber die Fahrrinne ist bei Niedrigwasser nicht weit vom Ufer entfernt, kaum auszumachen. „Und Schwimmen in der Fahrrinne ist verboten“, sagt DLRG-Mann Marco Vogt. Jetzt rücke die Rinne immer näher, der Unkundige unterschätze dies. Denn oftmals bricht das Gelände, in dem man noch stehen kann, abrupt ab, und von einer Kante geht es meterweit in die Tiefe. Je näher man der Fahrrinne für Schiffe kommt, umso tückischer werde es. Tragisch: Dies musste auch der 17-jährige polnische Erntehelfer bei Zeltingen erfahren: Er unterschätzte offenbar das Risiko, wurde in die Moselmitte gezogen und ertrank.

Von unserem Chefreporter Thomas Brost

Ein Feuer kostet bis zu 5000 Euro

Wie die Stadtverwaltung Bendorf mitteilt, ist das Baden im Rhein zwar grundsätzlich erlaubt, und zwar aufgrund der Verordnung über das Baden in Bundeswasserstraßen. Verbote gibt es nur für bestimmte Flächen in der Nähe von Häfen, dies überwacht die Wasserschutzpolizei. In Bendorf sind weite Teile des Rheinufers wegen gewerblicher Nutzung (Hafen/Gelände der Firma Kann) der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Die anderen Flächen in Bendorf sind, so Stadtsprecherin Theresia Artzdorf, „wegen steiler Uferabhänge, wenig flachem Rheinufer und der Abtrennung durch die Bahnlinie überwiegend wenig attraktiv“ für Badende. Vonseiten der Stadt werde nicht kontrolliert, zumal Schutzvorkehrungen „zu den Aufgaben der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung als Eigentümer der Uferflächen gehören – und nicht der Kommune.“ Vermehrt zu beobachten am steinigen Rheinufer sind Lagerfeuer. Dies ist aber laut Gefahrenabwehrverordnung der Stadt in öffentlichen Anlagen außerhalb zugelassener Feuerstellen verboten. Strafe: bis zu 5000 Euro. Wenn man auf einem Privatgrundstück am Rhein Feuer entzünden will, braucht man die Genehmigung des Eigentümers. Allerdings müssen umwelt- und emissionsrechtliche Bestimmungen beachtet werden. 

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