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Vallendar

"Waffen" für den Kampf gegen Landminen

Der Ingenieur Heinz Rath aus Vallendar arbeitet derzeit an einer neuen Generation von Minenräummaschinen auf Basis gepanzerter Traktoren.

Sie stellten die Weichen für den MineWolf (von links): Hans Birner, früher beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung zuständig für den Bereich Erprobung, Erfinder Heinz Rath und Heinz Rademacher, ehemals Spezialist für Land- und Streuminen beim BWB.
Sie stellten die Weichen für den MineWolf (von links): Hans Birner, früher beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung zuständig für den Bereich Erprobung, Erfinder Heinz Rath und Heinz Rademacher, ehemals Spezialist für Land- und Streuminen beim BWB.
Foto: Denise Remmele

Kroatien ist das jüngste Mitglied der Europäischen Union. Mit der Aufnahme dieses Teils des ehemaligen Vielvölkerstaats Jugoslawien am 1. Juli wurde auch ein Kapitel neu aufgeschlagen, das für die EU abgeschlossen schien: die Bedrohung durch Landminen. Denn im Mittelmeerstaat sind die Spuren des Krieges noch lange nicht verheilt. Noch immer bringen Minenfelder Zivilisten in akute Lebensgefahr. Heinz Rath aus Vallendar kämpft seit mehr als 15 Jahren gegen die tödliche Bedrohung – und zwar nicht nur in den Balkanländern, sondern weltweit.

Derzeit arbeitet Heinz Rath an einer neuen Generation von Minenräummaschinen auf Basis gepanzerter Traktoren, die noch leichter und beweglicher sein sollen als seine früheren Entwicklungen. Dass sich das Modell für die Hersteller rechnen kann, hat der Ingenieur bereits mehrfach bewiesen. Ist er doch "Vater" von MineWolf. 40 dieser "Minenwölfe" sind in vielen Ländern der Erde im Einsatz. Für Heinz Rath ist das kein Grund, sich auszuruhen. Mit seinen 77 Jahren könnte er das eigentlich. Aber der Vallendarer will seine Erfindungen weiter perfektionieren. Die traurigen Fakten aus aller Welt treiben ihn an. Noch immer sind weltweit Millionen von Landminen vergraben, noch immer verlieren jährlich Hunderte von Menschen ihr Leben oder werden verstümmelt. Denn Landminen, die es in unterschiedlichen Größen mit entsprechend dosierter Sprengkraft gibt, sind tückische Waffen.

"Das Prinzip der Minen hat sich seit den Weltkriegen nicht verändert", berichtet der Erfinder. Anders sieht es mit den Materialien der Minen aus, die in unterschiedlichen Größen produziert werden. "Landminen werden in der Regel aus Plastik herstellt. Deshalb ist es nahezu unmöglich, die Minen zu orten", erklärt der Ingenieur. Die Folge: Helfer müssen sich auf unvollständiges Kartenmaterial oder vage Angaben der Menschen in den verminten Gebieten verlassen. Vor allem in afrikanischen Staaten wie Mosambik, Uganda und Ruanda sind für sie die Arbeitsbedingungen lebensgefährlich: Minen werden einfach ertastet und nicht selten mit bloßer Hand ausgegraben. Selbst erfahrende Kräfte müssen dabei oft ihr Leben lassen. Einige von ihnen hatte Heinz Rath bei seinen Studienreisen in die ehemaligen Kriegsgebiete zuvor persönlich kennengelernt. Wichtige Impulse kamen für den Ingenieur, der in leitender Position für Porsche und TRW gearbeitet hat und unter anderem Erfinder der Scheibenbremse ist, aus der Politik.

Es war der damalige Außenminister Klaus Kinkel, der Mitte der 90er-Jahre den Landminen im wahrsten Sinne des Wortes den Krieg erklärt hatte. Die Folge war ein Auftrag an die deutsche Rüstungsindustrie, schweres Minenräumgerät zu entwickeln. Die antwortete schnell – und zwar mit einem Gerät auf Basis des Leopard-Panzers. Dieser Ansatz war nicht falsch, denn ein effektives mechanisches Räumen funktioniert nur, wenn Minen zur Explosion gebracht werden. Entsprechend stark muss die Panzerung der Räumfahrzeuge sein. Die Tücken zeigten sich jedoch in der Erprobung: Die 45 bis 50 Tonnen schweren Fahrzeuge waren nicht variabel genug, weil sie mit Schwertransportern ins Einsatzgebiet gebraucht werden mussten. In Entwicklungsländern mit schwach ausgeprägter Infrastruktur ist das sehr oft ein Ding der Unmöglichkeit. Vor diesem Hintergrund machte sich Heinz Rath, der Inhaber des Ingenieurbüros STS (Safety Technology Systems) ist, an die Arbeit. Sein erstes Ziel: das Gewicht der Fahrzeuge erheblich zu verringern. Das zweite Ziel: das eigentliche Räumgerät völlig neu zu entwickeln. Ein Schlüssel zum Erfolg wurde, dass jetzt gepanzerte Baumaschinen wie zum Beispiel Bagger zur Basis der Räummaschinen wurden. Sie waren robust, kleiner und damit leichter an den Bestimmungsort zu bringen. An diese Fahrzeuge wurden Räumvorrichtungen montiert, die entfernt an die Dreschtrommel eines Mähdreschers erinnern. Die Technik vereinte die bislang gängigen Methoden. Die eine war, Minenfelder aufzufräsen, die andere war, mit rotierenden Ketten die Minen zur Explosion zu bringen.

Zunächst ging es vor allem darum, Unterstützer und Geldgeber zu gewinnen. Außerdem musste ein Partner für die Erprobung gefunden werden. Der Erfinder hatte Erfolg. Das bis 2012 bestehende Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung begleitete das Projekt wohlwollend und ermöglichte in die Erprobung von Prototypen – unter anderem auf der Schmidtenhöhe. Ohne die Unterstützung von Spitzenpolitikern wäre jedoch alles deutlich schwerer geworden. Mit dem damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck und Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping gewann er einflussreiche Fürsprecher. Doch das allein reichte nicht, um die Geräte erfolgreich zur Marktreife zu entwickeln. Eine eigene Firma musste gegründet, ein Netzwerk von Produzenten und Zuliefern aufgebaut werden.

Für Heinz Rath stand schnell fest: Für den betriebswirtschaftlichen Teil des Projektes brauchte er Unterstützung. Der Vallendarer suchte den Kontakt mit der WHU – Otto Beisheim School of Management. Die Absolventen Christoph Frehsee und Tobias Schmidt wurden Mitstreiter, die Experten für Marketing und Finanzen waren gefunden. Am 12. März 2004 wurde schließlich die Firma MineWolf Systems GmbH gegründet, die zunächst im Technologiezentrum Koblenz ihren Sitz hatte.

Schwierig war zunächst die Finanzierung. Potenzielle Risikokapitalgeber erkannten zunächst die Chancen des Projektes nicht. Die Tür öffnete schließlich die Teilnahme am Landeswettbewerb "Pioniergeist 2004", der von der Investitions- und Strukturbank, den Volks- und Raiffeisenbanken und dem Südwestrundfunk ausgelobt. Die junge Firma überzeugte die Juroren. Wichtiger als die Prämie in Höhe von 10 000 Euro war das Aufsehen, das der Erfinder und seine Mistreiter erregten. Wichtige Kontakte ergaben sich. Dazu kam, dass sich Manfred Graulich – der frühere Vorstandschef der Sparkasse Koblenz – und der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Fredy Schäfer persönlich für das Projekt einsetzten. Heinz Rath wusste zu überzeugen, zumal er selbst wie die vielen "Lotsen", die das Projekt begleiteten, ehramtlich für die "Minenwölfe" arbeitete. Lediglich die Kosten wurden erstattet.

2006 legte der Erfinder ein Patent nach. Mit der Erfindung wurden die Räumtrommeln erheblich verbessert, weil sie nicht mehr geschlossen, sondern offen konstruiert werden. Dadurch wird der Explosionsdruck erheblich reduziert und die Schäden am Material reduziert. Und schließlich gelang es sogar, Kleingeräte zu entwickeln, die per Fernsteuerung bedient werden – Letztere eignen sich allerdings weniger zur Beseitigung der großen Panzerminen.

Die zahlreichen Innovationen führten zum rasanten Wachstum von MineWolf. Das in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen, dessen Endmontage sich heute in Stockach befindet, wurde zum Marktführer. Dennoch war Heinz Rath nicht ganz zufrieden. Vor allem die Entscheidung der Mehrheitseigner, den Firmensitz in die Schweiz zu verlegen, missfiel ihm. Der Ingenieur ist heute vor allem beratend tätig und tüftelt lieber an einer neuen Generation. Damit will er einen Nachteil beheben, den auch die neuen Minenräumgeräte haben. Den aufwendigen Transport von Europa in die Krisenländer – und zurück.

Reinhard Kallenbach

Die neue Idee: Keine Kettenfahrzeuge, sondern Traktoren

Entwickelte Heinz Rath seine „Minenwölfe“ ursprünglich aus Kettenfahrzeugen, geht der Erfinder nun einen neuen Weg. Seine Idee ist es nun, Traktoren umzurüsten. Der Vorteil: Sie können in den Entwicklungsländern bleiben, weil sie nach dem Abbau der Räumvorrichtung auch in der Landwirtschaft eingesetzt werden können. „Der Schlüssel zum Sieg über den Hunger ist die Mechanisierung der Landwirtschaft“, ist Heinz Rath überzeugt. Mit den umgebauten Traktoren könnte man aus seiner Sicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die ehemaligen Kriegsgebiete sicherer zu machen und gleichzeitig Felder effektiv zu bewirtschaften. Der Erfinder verhandelt derzeit mit einem deutschen Spezialunternehmen, das Traktoren für die Forstwirtschaft umbaut. Dort ist die Logistik vorhanden, um aus einer guten Idee greifbare Ergebnisse zu machen.

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