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Koblenz

Urin, Kot, Dreck: Koblenzer Sparkasse schließt Filiale am Hauptbahnhof

An die Überweisungsautomaten wird gepinkelt, in der Ecke liegt ein Kothaufen, auf dem Boden sitzen ein paar Leute mit Bierflaschen, die die Kunden der Sparkasse nach Geld fragen oder sich auch einfach nur unterhalten, in der Ecke liegt jemand in seinem Schlafsack: Die Situation in der Filiale der Sparkasse am Bahnhof ist immer mehr eskaliert, seit Dienstag ist sie geschlossen. „Vorübergehend“, steht auf dem Aushang an der Tür.

Seit Dienstag ist die Selbstbedienungs-Filiale der Sparkasse am Bahnhof geschlossen. „Vorübergehend“, heißt es.
Seit Dienstag ist die Selbstbedienungs-Filiale der Sparkasse am Bahnhof geschlossen. „Vorübergehend“, heißt es.
Foto: Doris Schneider

„Wir haben das nicht gern gemacht, aber es ging einfach nicht mehr“, sagt Jörg Karbach, Pressesprecher der Koblenzer Sparkasse, auf Anfrage der Rhein-Zeitung. Immer häufiger haben sich Kunden bei dem Geldinstitut beschwert, weil sie belästigt wurden oder sich bedrängt fühlten, immer häufiger war die Situation im Foyer der Filiale so ekelhaft, dass es Kunden, Reinigungskräften oder Mitarbeitern, die an den Automaten zu tun hatten, nicht mehr zuzumuten war. „Unbeschreiblich“, sagt Karbach. Das Problem ist nicht neu, aber es wurde immer schlimmer. Und seitdem diese Außenstelle eine reine Selbstbedienungsfiliale ist, seit September 2015, hat sich die Situation zunehmend verschärft.

„Wir haben absolut nichts gegen Wohnungslose, sind auch im Arbeitskreis gemeinsam mit der Caritas engagiert, der helfen will, Obdachlosen eine Wohnung zu vermitteln und sie zu betreuen“, sagt Karbach. Aber wenn Kunden die Filiale nicht mehr betreten wollen, ist eine Grenze überschritten.

Wie es jetzt genau weitergeht mit den Angeboten der Sparkasse am Bahnhof, ist unklar. „Wir wollen eine Bargeldversorgung an diesem Standort unbedingt weiter gewährleisten“, sagt der Pressesprecher. Ob das ein Geldautomat sein wird, der quasi in die Hauswand eingelassen und von außen zu bedienen ist, wird gerade geprüft. Jedenfalls kann man im Moment davon ausgehen, dass das Foyer nicht mehr geöffnet wird. Denn die erste Maßnahme, die Schließung in den Nachtstunden, hat genauso wenig Erfolg gezeigt wie die Tatsache, dass man die Tür – wie bei den meisten Filialen schon seit Jahren – nur mit einer Karte öffnen kann.

Mit der Situation am Bahnhof hat sich auch der Stadtrat in seiner jüngsten Sitzung beschäftigt. Einstimmig haben die Ratsmitglieder sich dafür ausgesprochen, dass die Verwaltung prüfen soll, ob am Platz eine Art Container mit Toiletten aufgestellt werden kann, um zumindest die hygienischen Probleme zu lösen. Einen entsprechenden Antrag hatten CDU und Grüne eingereicht. Denn nicht nur die Sparkasse wird verschmutzt, seitdem die Toilette in der Tiefgarage geschlossen ist. Auch in allen Grünflächen rund um den Platz finden sich Urinpfützen und Kot.

Besonders betroffen ist das Kurt-Esser-Haus. Christof Nießen, Geschäftsführer der dort untergebrachten Jugendkunstwerkstatt, hatte das Thema im Arbeitskreis Sicherer Bahnhof geschildert, daraufhin haben die Vertreter der Grünen und CDU es in den Stadtrat als Antrag eingebracht (die RZ berichtete). Nun will die Verwaltung prüfen, ob es hier Lösungsmöglichkeiten gibt.

Dass damit vermutlich erst nur einmal ein Problem gelöst werden kann, nämlich das der menschlichen Ausscheidungen, betonten mehrere Ratsmitglieder in der jüngsten Sitzung. Denn seit Jahren schon wird der Bahnhofplatz als Treffpunkt genutzt von Wohnungslosen, aber auch anderen Menschen, die sich hier treffen und trinken. Maßnahmen, um sie dort zu vertreiben, würden wahrscheinlich nur zu einer Verdrängung an einen anderen Ort führen, führte Gerhard Lehmkühler (SPD) aus. „Aber der Bahnhof ist nun mal ein besonderer Platz, ein Entree der Stadt.“ Durch eine Toilette könnte sich das Problem „sogar verstetigen“, befürchtet Joachim Paul von der AfD. „Wenn jemand morgens um 6 zur Arbeit geht, ist das nicht besonders motivierend, hier an den Leuten vorbeizugehen.“

Der Bahnhof ist nicht der einzige Platz in der Stadt, an dem Menschen sitzen und in Gemeinschaft trinken, so Manfred Gniffke (Freie Bürgergruppe) mit Blick auf den Platz am Schängelbrunnen und plädierte für eine fahrbare Toilette, falls sich mal ein anderer Treffpunkt herauskristallisiert. Marion Lipinski-Naumann, Christian Altmeier und Detlef Pilger (alle SPD) plädierten dafür, grundsätzlichere Überlegungen anzustellen, wie die Situation am Bahnhof im Hinblick auf die sich dort treffenden Gruppen besser gelöst werden kann.

Das befürwortete auch Patrick Zwiernik von den Grünen, drängte aber gleichzeitig darauf, die Lösung nach der Toilette vorrangig anzugehen. Einstimmig beauftragte der Stadtrat deshalb die Verwaltung, nach einem Standort zu suchen, ebenso einstimmig sprach er sich dafür aus, das Thema mit Experten, die die Situation der Wohnungslosen besser beurteilen können, intensiver zu beleuchten. Für den Moment hat das der Sparkasse alles nichts genutzt: Sie zog deshalb jetzt die Reißleine.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

Auch andere Institute ziehen die Reißleine

Auch die Postbank hat am Bahnhofplatz die Reißleine gezogen:

„Aktuell können wir unseren Selbstbedienungsbereich unseren Kunden nur während der Öffnungszeiten der Filiale zugänglich machen. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme zum Schutz vor Vandalismus“, teilte Iris Laduch-Reichelt von der Pressestelle des Instituts auf Anfrage mit. Sie verweist auf Alternativen an den Geldautomaten der Cash-Group und an Shell-Tankstellen. Die Einschränkung könnte wegfallen, wenn sich die Sicherheitslage verbessert. Auch am Zentralplatz gelten neue Regeln. So ist der SB-Bereich der Commerzbank derzeit nur von 6 bis 22 Uhr geöffnet. Wenn es wärmer wird, soll sich das wieder ändern.

ka

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