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Koblenz

Ungewöhnliches Express-Praktikum: Speeddating soll für Gastronomie begeistern

Katharina Demleitner

Koch oder Kellner zu werden, begeistert heute immer weniger junge Menschen. 2016 legte der deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) eine Liste der zehn unattraktivsten Lehrberufe vor, die das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ermittelt hatte. Auf Platz 1 der Negativliste: Restaurantfachkraft. Mehr als 35 Prozent der Ausbildungsplätze blieb vor drei Jahren unbesetzt. Auch in der Region hat die Gastronomie- und Hotelbranche mit Nachwuchsmangel zu kämpfen. Das Express-Praktikum „Check in here!“ will dagegen halten und bei einem ungewöhnlichen Kennenlern-Tag an der Julius-Wegeler-Schule zeigen, wie attraktiv das Gastgewerbe ist. Die RZ hat nachgefragt, wie der Schnelldurchlauf funktioniert und wie aktuell die Nachwuchslage in der Region ist.

Sarah Brozda, Fabienne Schmitz, Malte Sorger und Jennifer Lübbers (von links) von der Koblenzer Hotelfachschule sind überzeugt von ihren Gastro-Berufen und bereiten mit ihrer Klasse ein Express-Praktikum vor, um junge Leute für die Branche zu begeistern.
Sarah Brozda, Fabienne Schmitz, Malte Sorger und Jennifer Lübbers (von links) von der Koblenzer Hotelfachschule sind überzeugt von ihren Gastro-Berufen und bereiten mit ihrer Klasse ein Express-Praktikum vor, um junge Leute für die Branche zu begeistern.
Foto: Katharina Demleitner

Bin ich lieber kreativ in der Küche, geschickt im Service oder kommunikativ an der Hotelrezeption? Jugendliche, die sich gerade im Endspurt Richtung Schulabschluss befinden, können testen, ob und welcher Beruf im Gastgewerbe für sie in Frage kommt und bekommen Infos aus erster Hand: Studierende der Koblenzer Fachschule für Hotelbetriebswirtschaft und Hotelmanagement, stehen beim Express-Praktikum an der Julius-Wegeler-Schule als Experten zur Verfügung. Im Modul Projektmanagement, das Teil ihrer Ausbildung ist, haben sie das Konzept für die außergewöhnliche Veranstaltung entwickelt. Los geht's mit einem Check-In an der Rezeption, „doch wir bieten nicht nur Spaß beim Cocktail-Shaken oder Sushi-Rollen, sondern auch die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren“, betont Studentin Fabienne Schmitz. „Ganz ehrlich und praxisnah“ wollen die zukünftigen Führungskräfte im Gastgewerbe die schönen und zukunftsweisenden Seiten der Branche zeigen: „Wir haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt, das Image der Gastronomie als unattraktivem Arbeitgeber ohne Perspektive gehörig umzukrempeln“.

So sind beim Speeddating mit den Studenten, aber auch aktuellen Auszubildenden und potenziellen Arbeitgebern alle Fragen erlaubt „und werden aufrichtig beantwortet“, so Schmitz. Die Studenten wollen keine falschen Erwartungen wecken, sondern wirklichkeitsgetreu die abwechslungsreichen und zukunftsweisenden Seiten zeigen. Es gehe um ein „echtes Bild dieser spannenden, internationalen Branche“, betont auch Astrid Baumgarten, Fachbereichsleitung für Gastronomie und Hotelbetriebswirtschaft an der Julius-Wegeler-Schule und fügt hinzu: „Wir wollen die Aufmerksamkeit der Jugendlichen und ihrer Eltern auf die tollen Möglichkeiten und Perspektiven lenken, die hier geboten werden“.

Wie sehr die Branche mit Blick auf Arbeitszeiten und Verdienst unter einem schlechten Image und Vorurteilen leidet, weiß auch Melanie Stein-Schiller. Gemeinsam mit ihrem Mann Mike Schiller betreibt die gelernte Köchin in Koblenz das Hotel Stein & Schiller's Restaurant. „Für 2018 haben wir noch keine einzige Bewerbung für eine Ausbildungsstelle bekommen“, berichtet sie. Der Betrieb mit 54 Betten, einem Sterne-Restaurant und einem Bistro bildet Köche, Restaurant- und Hotelfachkräfte aus und würde gerne pro Beruf in jedem Jahr einen Azubi einstellen, doch der Nachwuchs fehlt. „Das negative Bild im Kopf vieler ist die Ursache“, ist Stein-Schiller überzeugt. Dabei gäbe es in der Hotellerie und Gastronomie geregelte Arbeitszeiten und Urlaub wie anderswo auch, „das ist alles halb so wild, wie oft dargestellt“. Zudem seien die Möglichkeiten vielfältig, die im Rahmen eines Praktikums gut getestet werden könnten: „Da zeigt sich, ob sich jemand eher an der Rezeption oder im Restaurant wohlfühlt“. Insgesamt handele es sich um kreative Berufe in einer „Vergnügungsbranche“ mit interessanten Gästen, vielen tollen Events und schönen Erlebnissen. „Ich lasse mir meinen Beruf nicht schlecht reden“, betont die Gastronomin und fügt hinzu, dass oft übersehen würde, wie viele Wege im Anschluss an die Ausbildung offen stehen.

Die Welt kennenlernen, im In- oder Ausland Karriere machen – für Joachim Mehlhorn sind die Aufstiegschancen klare Vorteile der Gastrobranche, die so kein Beruf biete. Der Vorsitzende des Koblenzer Kreisverbandes des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) hält die viel kritisierten Arbeitszeiten nicht für ungewöhnlich: „Auch bei der Polizei oder in Kliniken gibt es Nacht- und Feiertagsdienste, arbeiten muss man überall“. Gerade für die steigende Zahl der Studienabbrecher sei die Gastronomie ein „hervorragender Weg“. Die Frage der Bezahlung der Auszubildenden hänge auch mit der geringen Wertschätzung von Dienstleistungen zusammen: „Jeder geht gerne essen, will aber nicht viel Geld ausgeben und überlegt auch nicht, wie es auf der anderen Seite des Tresens oder in der Küche aussieht“, sagt der Geschäftsführer von Diehl's Hotel in Koblenz. Im Kreisverband wie bundesweit herrscht akuter Fachkräftemangel – mit Konsequenzen: „Nicht mehr alle Betriebe, die ausbilden könnten, tun das auch, weil es keine Bewerber gibt“, berichtet Mehlhorn und hofft, dass Veranstaltungen wie das Express-Praktikum eine Trendwende einläuten.

  • Das Express-Praktikum „Check in here!“, bei dem junge Leute an einem Abend drei Ausbildungswege im Gastgewerbe kennenlernen können, beginnt am Donnerstag, 22. März, um 17 Uhr in der Julius-Wegeler-Schule, Beatusstraße 143, in Koblenz.
Von unserer Mitarbeiterin Katharina Demleitner

Aktion Runder Tisch Gastronomie will Image der Branche aufpolieren

Im Frühjahr 2017 hat sich in Koblenz ein Runder Tisch Gastronomie gegründet. Beteiligt sind die Dehoga-Kreisverbände Koblenz und Mayen-Koblenz, die Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz und die Fachschule für Hotelbetriebswirtschaft und Hotelmanagement sowie Ausbildungsbetriebe aus der Region. Ziel ist, gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie Auszubildende für das Gastgewerbe gewonnen werden könnten.

Ende Januar haben die Studenten der Julius-Wegeler-Schule dort ihr Konzept vorgestellt, um Kooperationspartner zu finden, aber auch, um Impulse zu sammeln, wie man neuen Schwung in die Koblenzer Gastronomie bringen könnte. Bereits initiiert hat der Runde Tisch, dass es nach den Gesellenprüfungen eine feierliche Verabschiedung der frischgebackenen Köche, Restaurant- und Hotelfachkräfte gibt. Zudem läuft derzeit eine Umfrage unter den Gastro-Azubis an allen Berufsschulen in Rheinland-Pfalz. Die Daten der Koblenzer Einrichtung sind bereits ausgewertet. Im Sommer sollen alle Ergebnisse vorliegen und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. 

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