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Koblenz

Podiumsrunde mit Nachrichtenprofis: So entlarvt man Manipulationsversuche via Fake News

Reinhard Kallenbach

Gerüchte und falsche Nachrichten haben eine jahrhundertealte Tradition. Nicht selten sind es dabei Regierungen oder Geheimdienste, die Informationen steuern wollen, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen.

Sie gewährten tiefe Einblicke in den Alltag professioneller Redaktionen (von links): ARD-Faktenfinderin Kristin Becker, SWR-Nachrichtenchef Thomas Nettelmann, Moderatorin Sandra Thyssen, RZ-Chefredakteur Peter Burger und Medienlinguist Sascha Michel. Foto: Reinhard Kallenbach
Sie gewährten tiefe Einblicke in den Alltag professioneller Redaktionen (von links): ARD-Faktenfinderin Kristin Becker, SWR-Nachrichtenchef Thomas Nettelmann, Moderatorin Sandra Thyssen, RZ-Chefredakteur Peter Burger und Medienlinguist Sascha Michel.
Foto: Reinhard Kallenbach

Neu ist dagegen, dass im Zeitalter der sozialen Medien jedermann die Möglichkeit hat, Unwahrheiten in die Welt zu setzen und über ein Schneeballsystem in rasender Geschwindigkeit zu verbreiten. Angesichts der Flut sogenannter Fake News wird es für seriöse Journalisten immer strapaziöser, mit eindeutigen Fakten gegenzusteuern. Genau um dieses Phänomen ging es bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Koblenzer Wochen der Demokratie, zu der der Südwestrundfunk in die Galerie Handwerk geladen hatte.

In einer Zeit der Inflation von Anglizismen gilt es zunächst einmal, die Begriffe sauber zu klären. Und Medienlinguist Sascha Michel lieferte deshalb auch eine präzise Erklärung, was Fake (Fälschung) und News (Nachrichten) überhaupt sind – nämlich Meldungen, die bewusst verfälscht wurden, um in gedruckten und elektronischen Medien Stimmung zu erzeugen, um eine Zielgruppe ganz gezielt zu manipulieren. Und das geschieht vor allem auch über Bilder und Videos – und auch über „Studien“, die von Unternehmen bezahlt wurden und über PR-Profis verbreitet werden. „Wir werden zugemüllt mit Studien“, bekannte SWR-Nachrichtenchef Thomas Nettelmann, der freimütig einräumte, dass diese „wissenschaftlichen“ Untersuchungen immer öfter direkt im Papierkorb landeten.

Haarsträubende Beispiele

Kristin Becker von der Faktenfinder-Redaktion der ARD stellte in der von Sandra Thyssen (SWR) moderierten Runde einige haarsträubende Beispiele vor, die man aus den sozialen Medien wie Facebook kennt. So fand das Bild einer Muslima, die im Mercedes vorfuhr und vor einer „Tafel“ ausstieg, weite Verbreitung. Im Begleittext wurde der Eindruck erweckt, dass sich Menschen bei einer „Tafel“ mit Lebensmitteln eindecken, die genügend Geld haben. In diesem Fall konnten die Faktenfinder alles per Telefon klären. Schnell stellte sich heraus, dass die Frau einfach eine deutsche Seniorin abholen wollte.

Weit kniffliger wurde es in folgendem Fall: Genau passend zu den Ausschreitungen beim G-20-Gipfel in Hamburg kursierten Videos und Fotos im Netz, die zeigten, dass in der Hansestadt Panzer unterwegs waren. Hier mussten die Faktenfinder Routen und Zeiten nachprüfen, um schließlich festzustellen, dass sich die Panzer von den Randalierern wegbewegten. Die Bundeswehr lieferte schließlich die Lösung: Sie verlegte am Demo-Tag Panzer von einer in eine andere Kaserne – und musste zähneknirschend einräumen, dass der Zeitpunkt ungünstig gewählt wurde.

Kleine Manipulationsversuche

Peter Burger, Chefredakteur unserer Zeitung, präsentierte ebenfalls mehrere Fälle, wobei der Schwerpunkt bewusst nicht auf der großen Politik, sondern auf den „kleinen“ Manipulationsversuchen lag, mit denen sich Redakteure täglich auseinandersetzen mussten – zum Beispiel Informationen und Fotos von mehreren toten Pferden in Norddeutschland, die angeblich von Wölfen gerissen wurden. Das Ergebnis seines Faktenchecks: Die Falschinformation wurde aus mehreren Einzelvorfällen zusammengerührt. Das Foto war bereits zwei Jahre zuvor in Spanien oder Frankreich in einem ganz anderen Zusammenhang aufgenommen worden. Es sollte Stimmung gegen diejenigen machen, die nichts gegen die Rückkehr der Wölfe ins Land einzuwenden haben und sie sogar schützen wollen.

Eine Erkenntnis des Abends war, dass es Manipulationsversuche von allen Seiten gibt. „Lassen sie sich nicht zum Handlanger machen – egal von welcher Partei“, rief Peter Burger den Zuhörern zu, die nach der Podiumsrunde regen Gebrauch von der Möglichkeit machten, Fragen an die Medienprofis stellten. Die zweite Erkenntnis war, dass es gar nicht so schwer ist, sich der Flut von Informationen zu stellen. Denn in Deutschland gibt es eine Impressumpflicht. Fehlt ein Impressum oder werden in diesen Nachweisen dubiose Firmensitze und Namen genannt, sollte man dies präsentierten „Informationen“ lieber nicht weiterverbreiten.

Handwerk nie gelernt

Peter Burger nannte noch ein weiteres Problem: In Zeiten des „Bürgerjournalismus“ tummeln sich Leute in der Szene, die ihr Publizistenhandwerk nie gelernt haben. Anders sieht es in professionellen Redaktionen aus: Hier haben die Journalisten gelernt, Nachrichten zu bewerten und nachzurecherchieren – was sie allerdings angesichts der Flut von Informationen und dem zunehmenden Verbreitungstempo nicht immer immun gegen Fehler macht.

Einen SWR-Mitschnitt der Podiumsdiskussion können Sie hier ansehen und anhören:

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