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Koblenz

Nahkampf-Zone Radweg: Was muss in Koblenz passieren, damit sich was ändert?

Doris Schneider

Radfahren ist gesund, umweltfreundlich – und an vielen Stellen in Koblenz gefährlich. Wie können die Bedingungen verändert werden? In unserer Serie "Verkehr & Zukunft" geht es heute um die Bedingungen für Zweiradfahrer.

Wenn sich Fußgänger und Radfahrer einen Weg teilen müssen sind Konflikte vorprogrammiert.
Wenn sich Fußgänger und Radfahrer einen Weg teilen müssen sind Konflikte vorprogrammiert.
Foto: Reinhard Kallenbach

Es gibt eine Menge guter Gründe, den Anteil des Radverkehrs zu erhöhen – dabei ist der Umweltgesichtspunkt eigentlich der kleinste, sagt Jo Schaefer vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ein bisschen ketzerisch. „Die CO2 Argumente, die immer angeführt werden, sind nicht stichhaltig. Auch mit einem doppelt so hohen Anteil an Radfahrern verbessert man die Luft nicht entscheidend.“

Und trotzdem hält der 75-Jährige es für total sinnvoll, den Radverkehr zu stärken. Aus vielen anderen Gründen eben: Der Lärm wird reduziert, ebenso der Flächenverbrauch. Für die individuelle Gesundheit ist Fahrradfahren sowieso sicher viel besser als Autofahren. „Die Bewohnbarkeit der Stadt darf nicht dem Verkehrsfluss in die Ferne, dem Durchgangs- und Parksuchverkehr untergeordnet werden“, formuliert Schaefer in seinen Visionen für ein Koblenz, in dem möglichst alle Menschen gut leben können.

Der Koblenzer Jo Schaefer ist seit fast 20 Jahren im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub engagiert.
Der Koblenzer Jo Schaefer ist seit fast 20 Jahren im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub engagiert.
Foto: privat

Radfahren ist dabei – vor allem für Kurzstrecken unter fünf Kilometer – ein sehr gutes Mittel, um Menschen mobilzumachen, ohne andere extrem einzuschränken. Und dazu braucht es laut Schaefer nicht unbedingt riesiger Investitionen in neue breite Radwege, sondern vor allem ein echtes Umdenken. Schaefer erläutert das an einem – für viele möglicherweise zu drastischen – Beispiel: Bei der Sanierung der Balduinbrücke war klar, dass der Platz aus Denkmalschutzgründen nicht mehr werden kann. Klar war aber auch, dass der Platz eigentlich für das, was die Brücke leisten muss, nicht ausreicht: Hier müssen Autos drüber, Busse, aber auch Radfahrer und viele Fußgänger, die die Mosel auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen queren. „Unser Vorschlag war, die Busse in beide Richtungen fahren zu lassen, aber jeden anderen Schwerverkehr über die Europabrücke zu leiten und aus der Balduinbrücke eine sogenannte shared space zu machen“, erklärt Schaefer. Bei diesem Modell der „geteilten Fläche“ sind alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt, müssen also Rücksicht aufeinander nehmen. Es gibt normalerweise keine separaten Bürgersteige, sondern nur eine ebene Fläche. „Aber das Gegenteil passierte bei der Balduinbrücke“, sagt Schaefer.

Beispiele wie dieses hat er oft beobachtet in den knapp 20 Jahren, seitdem er sich für den Radverkehr einsetzt. Und nicht nur er: „Bei der Befragung des ADFC in den vergangenen Jahren sind die Schulnoten für den Radverkehr in Koblenz immer schlechter geworden statt besser, wandern jetzt von einer 4 Richtung 5.“ Und das, obwohl seit Jahren alle politischen Gremien oft lautstark betonen, wie wichtig ihnen der Radverkehr ist. „Allein, mit fehlt der Glaube“, sagt der 75-Jährige ein bisschen süffisant.

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Denn wenn man wirklich etwas ändern wollte, dann dürfte man nicht mehr ständig die Radfahrer und die Fußgänger zusammen auf eine Fläche packen, auf der es dann zu Stress kommen muss, wie bei den viel zu engen Radwegen in der Rizzastraße oder der Strecke in der Oberen Löhr, wo Radfahren auf dem Bürgersteig erlaubt ist. Schaefer trifft klare Aussagen, die bei vielen nicht auf Zustimmung treffen werden: „Da, wo die Verkehrsfläche knapp ist, muss man sich eben entscheiden, was man will“, sagt er. Wenn mehr Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger da sein soll, was er unbedingt befürwortet, dann bleibt weniger für fahrende oder parkende Autos. Seine Forderung gilt aber im Übrigen nicht nur für den Radverkehr, sondern auch für den ÖPNV: „Da, wo Busse sich durch enge Straßen quälen wie zum Beispiel in Metternich, da muss man vielleicht das Parken am Straßenrand einfach verbieten.“ Dass das nicht einfach ist, das weiß er aber natürlich auch.

Um an der Situation in Koblenz grundlegend etwas zu verändern, müsse man sich vor Augen führen, was ein Mensch will und braucht, wenn er überlegt, aufs Rad umzusteigen:

  • Er will zügig vorankommen, sagt Schaefer – eine Situation wie an der Ampel Löhrstraße/Rizzastraße, bei der ein Radfahrer an drei Stellen warten muss, bevor er über die Kreuzung kann, sei dabei ein absolutes Unding.
  • Er will bis an sein Ziel fahren: Möglichst an vielen Stellen in der Stadt und auf jeden Fall an vielen sehr frequentierten braucht man deshalb gute Abstellmöglichkeiten für Räder.
  • Und: Radfahrer wollen sicher ankommen. Über den Friedrich-Ebert-Ring oder durch den Saarplatzkreisel zu fahren, ist nicht jedermanns Sache.

Dabei ist gerade an letztgenannter Stelle eigentlich vieles richtig gemacht worden, findet Schaefer, der aber auch weiß, dass viele Hobbyradler den Kreisel scheuen und es hier auch immer wieder zu Unfällen kommt. Durch die Fahrradpiktogramme sollen Radfahrer aber eigentlich ermuntert werden, auf der Fahrbahn zu fahren, gleichzeitig werden Autofahrer sensibilisiert, dass hier ebenso auch Radfahrer unterwegs sein dürfen. Dieses gleichberechtigte Miteinander könnte in vielen Straßen auch durch eine Temporeduzierung auf 30 unterstützt werden: Dann wäre der Unterschied in der Geschwindigkeit nicht mehr so extrem, was viel sicherer wäre, ist Schaefer überzeugt.

Insgesamt, so ist Schaefer sicher, wird sich auf lange Sicht nur etwas verändern, wenn man bei allem Planungen das „System fahrradfreundliche Stadt“ mitdenkt: Dazu gehört es, dass man möglichst im eigenen Stadtteil einkaufen gehen oder mit dem Rad fahren kann. Dazu gehören Aufbewahrungsmöglichkeiten in der Innenstadt, wenn man mehrere Ziele für Erledigungen anfahren will. Und dazu gehören Abstellmöglichkeiten in Wohnungsnähe, damit man das Rad nicht aus dem Keller hochschleppen muss.

Wie bekommt man mehr Koblenzer aufs Rad?

Koblenz ist keine fahrradfreundliche Stadt. Das zeigen nicht nur die Umfragen des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs seit ein paar Jahren, das merkt jeder, der mit dem Rad unterwegs ist. Und auch im Verkehrsentwicklungsplan, den ein Planungsbüro im Auftrag der Stadt erstellt hat, werden jede Menge Probleme genannt:

In der Schlossstraße darf man mit dem Fahrrad entgegen der Einbahnstraße fahren. Im Verkehrsentwicklungsplan werden noch mehr Strecken genannt, in denen das ein gutes Mittel sein könnte. In der Poststraße zum Beispiel oder in der Oberdorfstraße in Metternich. 
In der Schlossstraße darf man mit dem Fahrrad entgegen der Einbahnstraße fahren. Im Verkehrsentwicklungsplan werden noch mehr Strecken genannt, in denen das ein gutes Mittel sein könnte. In der Poststraße zum Beispiel oder in der Oberdorfstraße in Metternich. 
Foto: Reinhard Kallenbach
  • Es gibt zu wenige und lückenhafte Radwege, die zudem oft zu schmal und in keinem guten Zustand sind
  • Kreuzungen und Einmündungen weisen meistens keine Radinfrastruktur auf
  • Barrieren im Stadtgebiet (Schienen- und Straßenachsen und die Flüsse Rhein und Mosel) führen für Fußgänger und für Radfahrer zu Umwegen
  • nicht für den Radverkehr freigegebene Einbahnstraßen bedingen Umwege, verleiten zum Befahren der Gehwege und verursachen entsprechende Konflikte
  • nicht radfahrergerechte oder fehlende Brückenwege (beispielsweise Gülser Brücke, Horchheimer Eisenbahnbrücke, Balduinbrücke) führen für Fußgänger und Radfahrer zu Konflikten
  • Falschparker gefährden Radler
  • Es gibt Nutzungskonflikte, wenn Radfahrer und Fußgänger sich einen Weg teilen müssen
  • an vielen wichtigen Quellen und Zielen der Radfahrer fehlen sichere und komfortable Radabstellanlagen, unter anderem in Wohngebieten, in Stadtteilzentren und in Teilen der City

Das Ganze führt dazu, dass Radfahrer in Koblenz wenig präsent sind – und dass Autofahrer dann oft das Gefühl haben, dass Radfahrer gar nicht auf die Straße gehören. Die Situation soll sich aber ändern. Denn Radverkehr ist sauber, leise, gesund für die Nutzer. Und dank der immer größer werdenden Zahl an E-Bikes auch für die Höhenstadtteile leichter.

Aber wenn mehr Leute Rad fahren, bringt das auch Probleme mit sich. An den Uferwegen zum Beispiel, wo Radfahrer und Fußgänger sich schon jetzt oft zu schmale Wege teilen sollen. Im Verkehrsentwicklungsplan sind einige Maßnahmen skizziert, die das Radfahren in Koblenz verstärken helfen sollen. Hier die wichtigsten sieben Punkte:

1 Ein Umdenken ist nötig: Wo es gute Radwege gibt, muss sich nichts ändern. An allen anderen Stellen aber ist es meist sinnvoll, die Radfahrer im sogenannten Mischverkehr auf der Straße mitfahren zu lassen. Wo es möglich ist, kann ein Schutzstreifen markiert werden. Und wo es nötig ist, muss auch mal eine Autospur oder ein Parkstreifen aufgegeben werden, damit die Radler sicher unterwegs sein können.

2 Radschnellwege sollen markiert oder gebaut werden, auf denen es keine Begegnung mit Fußgängern gibt. Das ist vor allem an den Ufern von Rhein und Mosel wichtig, da hier aufgrund der ebenen Fläche ein großes Potenzial an Radlern besteht. Aber auch die vorhandenen Radwege müssen besser gewartet werden. Eine App, auf der man Mängel anzeigen kann, würde helfen.

3 Fahrradstraßen können ausgewiesen werden, in denen Autos auch fahren dürfen, aber Rücksicht nehmen müssen. Denkbar sind hier beispielsweise die Südallee, die Casinostraße, aber auch der Brenderweg.

4 Weitere Einbahnstraßen können gegen die Fahrtrichtung geöffnet werden. Infrage kommen viele, unter anderem die Theodor-Körner-Straße in der Vorstadt, die Poststraße in der Altstadt, die Oberdorfstraße in Metternich und die Alexanderstraße auf der Karthause. Auch größere Straßen könnten dafür geeignet sein, zum Beispiel die Bahnhofstraße. Dass das den Autos Platz wegnimmt, ist klar.

5 Kreuzungen sollen fahrradfreundlicher und sicherer gestaltet werden.

 

6 Mehr und bessere Radabstellanlagen sollen dazu führen, dass es einfacher, attraktiver und sicherer wird, mit dem Fahrrad zu fahren. Dazu gehören auch ein mögliches Fahrradparkhaus am Bahnhof und Abstellmöglichkeiten für Bike und ride, vor allem an den Bahnstationen.

7 Ein Fahrradverleihsystem könnte mehr Menschen auf die Räder bringen. Ein Anfang der 2000er-Jahre eingeführtes Verleihsystem war nicht sonderlich erfolgreich, aber die Nutzungsmöglichkeiten haben sich seitdem enorm verändert, auch durch das Internet.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

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