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Koblenz

Lützel: Bauaufsicht schließt Moschee

Besonders geräumig war die Abu-Bakkr-Moschee in Lützel nie, aber seit Hunderte Flüchtlinge in der Stadt leben und viele von ihnen hier beten, platzt das Gotteshaus schlicht aus allen Nähten.

Adem Djelassi ist Vorsitzender des Vereins der islamische Kultur, der die arabische Abu-Bakkr-Moschee in Lützel betreibt.
Adem Djelassi ist Vorsitzender des Vereins der islamische Kultur, der die arabische Abu-Bakkr-Moschee in Lützel betreibt.
Foto: Sascha Ditscher

Bis vor wenigen Wochen zumindest war das so – mittlerweile ist sie geschlossen. Die Bauaufsicht der Stadt hat die Nutzung der Räumlichkeiten untersagt. Was dem Verein, der die Abu-Bakkr-Moschee betreibt, aber zusätzlich zu schaffen macht: Es kursieren Gerüchte, dass der Staatsschutz diese dichtgemacht haben soll.

Haben früher 100 bis 150 Personen in der Abu-Bakkr-Moschee gebetet, so waren es zuletzt 500 bis 600. Die Bauaufsicht hat die Räume nun geschlossen, die sich im Obergeschoss einer Gewerbeimmobilie befinden.
Haben früher 100 bis 150 Personen in der Abu-Bakkr-Moschee gebetet, so waren es zuletzt 500 bis 600. Die Bauaufsicht hat die Räume nun geschlossen, die sich im Obergeschoss einer Gewerbeimmobilie befinden.
Foto: Sascha Ditscher

„Das stimmt einfach nicht“, betont Haikel Ben Amor, Sprecher des Vereins der islamischen Kultur Koblenz. Auch die Polizei und die Stadtverwaltung bestätigen: Die Moschee wurde aus baulichen Bedenken geschlossen und wegen nichts sonst. Woher aber kommen die Gerüchte?

„Mehrere Moscheebesucher haben uns gesagt, dass sie gehört hätten, dass der Staatsschutz die Moschee geschlossen hat“, sagt Ben Amor. Er findet es sehr schade, dass solche Gerüchte aufkommen. Seine Beobachtung: In den vergangenen Jahren haben Vorurteile und Ängste gegenüber Moscheegemeinden generell zugenommen. Einige würden denken: „Da stimmt doch was nicht, eine kleine Moschee in einem Hinterhof, und die bleiben alle unter sich.“

Tatsächlich ist es wahr, dass die Abu-Bakkr-Moschee ziemlich versteckt liegt: im Obergeschoss einer schmucklosen Gewerbeimmobilie, die sich im hinteren Teil eines Parkplatzes mit verschiedenen Büros und Geschäften am Wallersheimer Weg befindet. Es ist ein vergleichsweise kleiner und junger Verein, der nicht sehr in die Öffentlichkeit tritt. Es stimmt aber auch: Der Verein ist Teil der 2015 gegründeten Arbeitsgemeinschaft muslimischer Gemeinden in Koblenz und nimmt auch an Gemeinschaftsgebeten mit Christen und Juden teil.

Das aktuelle Problem hat mit der Größe der Moschee zu tun. Etwa 200 Quadratmeter sind die Räume des Vereins groß, 100 bis 150 Personen haben hier zu Spitzenzeiten gebetet. Das hat sich seit 2015 geändert: Viele Hundert Flüchtlinge sind seither nach Koblenz gekommen, viele von ihnen kommen aus arabischsprachigen Ländern wie Syrien oder Irak. Und: Die Abu-Bakkr-Moschee ist die einzige arabischsprachige in Koblenz.

In anderen muslimischen Gotteshäusern in der Stadt wird auf Türkisch, Pakistanisch oder Bosnisch gepredigt, jeweils mit deutscher Übersetzung – und in der Abu-Bakkr-Moschee eben auf Arabisch. Für viele Gläubige spielt die Sprache eine wichtige Rolle: „Das hat eine ganz andere Wirkung“, findet auch Ben Amor – und das, obwohl er selbst zum Beispiel perfekt Deutsch spricht.

Bei vielen Flüchtlingen ist das natürlich nicht so: Viele sprechen nicht gut Deutsch, und so ist eine arabischsprachige Moschee für sie umso wichtiger. Die Folge ist aber auch: Zum Freitagsgebet kommen mittlerweile nicht mehr 100, sondern 500 bis 600 Gläubige.

Der frühere Gebetsraum wurde nach und nach um die Büros und andere kleine Zimmer des Vereins erweitert, nun gibt es keine weiteren Räume mehr in dem Stockwerk außer einem Gebetsraum für Frauen. Freitags gibt es zwei Gottesdienste, weil einer nicht mehr ausreicht.

Der Vermieter hatte nun eine Nutzungsänderung beantragt, doch eine Nutzung der Räume als Versammlungsstätte untersagte die Bauaufsicht. Um die Räume als solche nutzen zu können, müsste etwa ein zweiter Rettungsweg vorhanden sein. Eine Lösung muss also her – „aber ein Umbau lohnt sich wahrscheinlich nicht“, sagt Adem Djelassi, Vorsitzender des Vereins der islamischen Kultur.

Viel Geld oder solvente Unterstützer hat der Verein auch nicht. Stattdessen prüft er zurzeit, zusätzlich die Räume unter der bisherigen Moschee am Wallersheimer Weg zu mieten, die bald leerstehen werden. „Hier, im Erdgeschoss, wäre es deutlich einfacher, einen Fluchtweg anzulegen“, sagt Djelassi. Einen Ortstermin mit Feuerwehr und Bauamt gab es bereits.

Zurzeit jedenfalls liegt das Leben der Gemeinde weitgehend auf Eis, sagt Haikel Ben Amor. Zumindest für die Freitagsgebete wird wöchentlich nach einer Alternative gesucht, zum Beispiel war man schon in einer Boxhalle, „hier hat der Imam zwischen zwei Boxsäcken gepredigt“. Für Frauen gibt es hier aber keinen Platz.

Von unserer Redakteurin Stephanie Mersmann

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