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Koblenz

Kritik aus der Wirtschaft: Ist Koblenz nicht attraktiv genug für Fachkräfte?

Stephanie Mersmann

Die Stadt hat zwar vieles zu bieten – aber damit Koblenz ein Wirtschaftsstandort ist, an dem Unternehmen wie Mitarbeiter bleiben beziehungsweise sich neu ansiedeln, muss sich noch einiges tun.

Bertram Weirich von der IHK Koblenz (von links), Uwe Laue von der Debeka und Wolfgang Küster von Dornbach sind sich einig: Koblenz hat als Stadt viel zu bieten – aber es muss noch einiges geschehen, damit die Stadt attraktiv genug ist, um Fachkräfte aus ganz Deutschland anzulocken.
Bertram Weirich von der IHK Koblenz (von links), Uwe Laue von der Debeka und Wolfgang Küster von Dornbach sind sich einig: Koblenz hat als Stadt viel zu bieten – aber es muss noch einiges geschehen, damit die Stadt attraktiv genug ist, um Fachkräfte aus ganz Deutschland anzulocken.
Foto: Henry Tornow

Das fordert der regionale Beirat der Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz, der passend zur anstehenden Wahl des Oberbürgermeisters ein Positionspapier veröffentlicht hat.

Mit zwei Wirtschaftsbossen aus der Stadt haben wir darüber gesprochen – Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender der Debeka und IHK-Vizepräsident, sowie Wolfgang Küster, Geschäftsführender Gesellschafter von Dornbach und IHK-Beiratsvorsitzender –, außerdem mit Bertram Weirich, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK.

Herr Laue, Herr Küster, Sie beide sind Chefs von großen Unternehmen – wie beurteilen Sie den Wirtschaftsstandort Koblenz?

Laue: Koblenz hat das Problem, dass es zwischen den großen Regionen liegt, vom Süden drückt Rhein-Main, von Norden Köln-Düsseldorf. Dazu kommt der generelle Fachkräftemangel. Die Stadt muss etwas tun, um an Attraktivität zu gewinnen. Das heißt, der Standort Koblenz muss richtig präsentiert werden, damit es uns auch in Zukunft gelingt, die Menschen, die hier sind, in der Stadt zu halten und auch aus anderen Regionen anzuziehen. Wir sind in vielen Bereichen gut aufgestellt, aber Koblenz hat noch einiges zu tun.

Fachkräfte in die Stadt zu ziehen, ist das Ihr vorrangiges Problem?

Laue: Die Menschen, die hier studiert haben, können wir auch halten. Aber: Das ist nicht ausreichend für eine wachsende Stadt. Wir brauchen Abgänger aus Köln, München, Hamburg, Berlin. Ist Koblenz attraktiv genug, damit jemand, der in Hamburg studiert hat, sagt: „Mein Lebensmittelpunkt ist jetzt Koblenz! Ich ziehe nach Urbar!“? Da müssen wir etwas tun, auf uns aufmerksam machen. Es ist ja erfreulich, dass Koblenz sagt: Wir brauchen Fachkräfte.

Wie schwierig ist es bei Dornbach, Fachkräfte zu halten und anzuziehen?

Küster: Bei uns arbeiten viele Hochschulabsolventen, und da haben wir es schon schwer, weil wir in Konkurrenz zu den Ballungszentren stehen. Im Vergleich sind wir hier schon sehr provinziell – und die Provinz muss man gut verkaufen. Wir haben hier eine wunderschöne Landschaft, die Lebenshaltungskosten sind noch überschaubar, man hat Freizeitmöglichkeiten. Man muss den Menschen klar machen: Auch wenn sie 20 Kilometer entfernt wohnen, sind sie in Koblenz. Die Region muss vermarktet werden, ein Wirtschaftsraum Koblenz mit all seinen Möglichkeiten. Da muss die Stadt ran.

Was fehlt in Koblenz?

Laue: Unsere Hochschullandschaft benötigt Verbesserung, das ganze Schulsystem. Wenn ich heute von Hamburg nach Koblenz ziehe, dann ja nicht nur, weil ich einen attraktiven Arbeitsplatz habe, sondern auch mit Blick auf meine Familie. Gibt es eine Ganzstagsbetreuung für meine Kinder? Finde ich gute Schulen? Auch das muss eine Stadt leisten. Wir sind, was das Kulturelle und die Landschaft betrifft, hervorragend aufgestellt, aber das reicht nicht aus. Wir dürfen nicht nur attraktiv für – meist ältere – Touristen sein, sondern gerade auch für junge Menschen, die dauerhaft hier leben wollen. Denen geht es um die Infrastruktur der Stadt, um Bildung, Freizeit, Sport und ein modernes Flair.

Was genau muss aus ihrer Sicht getan werden?

Laue: Wir haben mehrere Hochschulen in der Stadt. Deren Angebote sollten noch besser aufeinander abgestimmt werden. Wir sind eine Stadt der Gesundheit – warum gelingt es nicht, an der Universität eine medizinische Fakultät auf den Weg zu bringen? Warum hat die Stadt der Juristen in Rheinland-Pfalz keine juristische Fakultät?

Küster: Begleitend dazu brauchen wir auch guten, bezahlbaren Wohnraum. Die Stadt hat die Chance, Leute nach ihrer Ausbildung in Koblenz zu halten, und da muss sie etwas tun. Auch bei den Schulen: Es kann nicht sein, dass man fast fünf Jahre auf drei Eimer Farbe wartet, um einen Klassenraum zu streichen. Das ist nicht akzeptabel. Und dann müssen die Eltern sogar noch selbst streichen.

Laue: Das mussten wir vor 26, 28 Jahren am Eichendorff-Gymnasium auch schon. Damals mussten wir sogar die Farbe mitbringen ...

Küster: Bevor Fachkräfte irgendwo hinziehen, gucken die Leute nicht nur aufs Gehalt. Wenn das Drumherum nicht stimmt, kommen sie nicht oder sind nach einem Jahr wieder weg.

Kommen Ihnen Beschwerden darüber auch in Ihren Firmen zu Ohren?

Laue: Natürlich. Allein bei der Debeka sind zurzeit 130 Stellen ausgeschrieben, die wir nicht besetzt bekommen. Und wenn es uns gelingt, überregional Mitarbeiter zu finden, werden wir schnell gefragt: Wo ist der attraktive, bezahlbare Wohnraum? Wenn wir heute Leute in einem Radius von 70 Kilometern um Koblenz herum einstellen, dann ziehen die nicht mehr nach Koblenz. Die sagen: Ich krieg doch nichts – und bleiben lieber in Bonn, Limburg oder Wiesbaden. Dann fahren sie jeden Morgen her, das muss doch nicht sein!

Küster: In der Wohnraumpolitik dauert ja auch alles ewig. Auf dem Gelände der Fritsch-Kaserne soll es ja jetzt endlich Flächen geben ...

Weirich: Und da gibt es auch das Thema Verkehr. Hier wird ein Wohngebiet mit bis zu 800 Wohnungen geplant. Wie sollen die in die Stadt kommen? Reicht der ÖPNV, wie wir ihn haben? Auch da entsteht Handlungsdruck. Wir haben die Seilbahn in Koblenz, aber es wird zu wenig darüber nachgedacht, ob man mit diesem System mehr machen kann. Auch die Innenstadt ist ein Thema: Wir haben eine tolle Altstadt mit mediterranem Flair, das suchen jungen Menschen und auch Familien. Und dann gibt es die Diskussion, ob wir uns die Außengastronomie, die wir haben, wegen der Geräusche überhaupt leisten wollen. Das kann nicht sein.

Wo hapert es sonst noch?

Weirich: Ein Beispiel: Wir fordern seit vielen Jahren, dass die Straßen im Gewerbegebiet bei Kesselheim neu asphaltiert werden. Es gibt Untersuchungen die sagen, dass die Mehrzahl aller Transportschäden dort ansässiger Unternehmen durch den Transport auf den ersten Kilometern passieren, also vor allem im Industriegebiet.

Laue: Es gibt nicht genug ÖPNV. Im Verwaltungszentrum II arbeiten 15.000 Menschen, und die Buslinien fahren entweder weit daran vorbei oder nur in einem Halbstundenrhythmus. Wie soll das funktionieren?

Küster: Von jedem Unternehmen wird erwartet, dass es sich in regelmäßigen Abständen Gedanken über sein Geschäftsmodell macht. Wie investiert man, wie bleibt man wettbewerbsfähig? Das muss man auch vom Staat und den Kommunen erwarten, dass sie sich darüber Gedanken machen, wie sie sich aufstellen müssen, schlanker und effizienter werden können. Das kann man als Bürger erwarten: Das sind unsere Angestellten. Die arbeiten für uns, nicht wir für Verwaltung und Politik.

Wie wichtig ist es für Unternehmen, in einer Stadt zu sein – auch wenn sie auf dem Land weniger Gewerbesteuer zahlen müssen?

Laue: Die Anbindung an eine Stadt ist für ein großes Unternehmen schon sehr wichtig. Die Mitarbeiter müssen den Standort vernünftig erreichen können. Und sie wollen nach der Arbeit vielleicht noch einkaufen gehen, etwas unternehmen – das bietet eine Stadt. Aber wenn man als Unternehmen in der Stadt ist, möchte man in der Zusammenarbeit mit der Verwaltung natürlich auch kurze Wege haben, schnelle Entscheidungen und, und, und. In Koblenz dauert es manchmal aber ein bisschen länger.

Küster: Die Unternehmer stimmen mit den Füßen ab: Sie gehen irgendwo hin oder irgendwo weg. Das hängt nicht nur vom Hebesatz der Gewerbesteuer ab, dazu gehört mehr. Und irgendwann kann einem auch der Kragen platzen, dann gucken sich die Unternehmen um, nehmen einmal Geld in die Hand und gehen weiter. Davor ist man in Koblenz nicht gefeit. Wenn alles enger wird und die Möglichkeit zu expandieren nicht gegeben ist, bleibt einem irgendwann gar nichts anderes übrig.

Viele Unternehmen wollen sich offensichtlich neu in Koblenz ansiedeln, aber es gibt nicht genug Flächen ...

Küster: Die Stadt muss mit den umliegenden Kommunen einfach besser zusammenarbeiten. Die Stadt hat auch etwas davon, wenn sich ein Unternehmen außerhalb der eigenen Gemarkung ansiedelt. Die Leute fahren ja trotzdem zum Einkaufen in die Stadt, gehen hier zum Arzt und so weiter.

Ein Anlass für das Positionspapier ist die OB-Wahl. Wie beurteilen Sie die Kandidaten?

Laue (lacht): Alle vier haben eins gemein: Sie wollen OB werden. Punkt. Die Wirtschaft muss immer mit jedem können, ob es uns recht ist oder nicht. Ich würde mir wünschen, dass derjenige, der gewählt wird, zumindest 50 Prozent von dem einhält, was er heute verspricht.

Das Gespräch führte Stephanie Mersmann

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