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Koblenz

Koblenzer Unternehmen: Digitaler Pinsel macht Forensik schneller

Ein Verbrechen ist passiert, Frauen und Männer sichern Spuren und bringen mögliche Beweisstücke ins Labor. Erste Ergebnisse gibt es dann oft mehrere Stunden später. Eine typische Szene, die jeder aus Kriminalfilmen kennt. In der Praxis stehen die Mitarbeiter der Spurensicherung jedoch kurz vor einer Revolution. Laser statt Chemie dürfte künftig die Devise heißen. Die Technik, die das möglich macht, kommt aus Koblenz. Die Botschaft: Untersuchungen werden deutlich schneller, billiger und chemielos.

Auf den ersten Blick ein typisches Büro eines Start-ups. Bei näherer Betrachtung fällt der neu entwickelte Laserscanner (oben rechts) samt der dafür entwickelten Software (unten links) auf. Dazu kommt ein Großgerät für die Qualitätskontrolle von Präzisionsbauteilen (unten rechts).
Auf den ersten Blick ein typisches Büro eines Start-ups. Bei näherer Betrachtung fällt der neu entwickelte Laserscanner (oben rechts) samt der dafür entwickelten Software (unten links) auf. Dazu kommt ein Großgerät für die Qualitätskontrolle von Präzisionsbauteilen (unten rechts).
Foto: Kai Müller

Von unserem Mitarbeiter Reinhard Kallenbach

Ein unscheinbares Büro An der Königsbach mit Blick auf den Rhein. Darin steht ein großer Tisch mit Geräten. Manche Apparaturen sind aus der Messtechnik bekannt, andere lassen ihre Funktion nicht auf den ersten Blick erkennen. "Das hier haben wir entwickelt und dann in einem Unternehmen im Raum Würzburg bauen lassen", erklärt Jürgen Marx und zeigt auf ein eher unscheinbares Gerät, das die Revolution auslösen soll. Gut zehn Jahre Entwicklungsarbeit stecken in dem neuartigen und patentgeschützten Laserscanner, mit dem Beweisstücke schichtweise abgetastet und nach Fingerabdrücken untersucht werden sollen. Dass dies in der Praxis bereits gut funktioniert, zeigt sich in der aktuellen Erprobungsphase, in die unter anderem die Hochschule Mannheim und das Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik eingebunden sind.

Auch erste Vorführungen in Landeskriminalämtern hat es schon gegeben. "Da ging schon mal ein Raunen durch den Saal", freut sich der Koblenzer, der sich endlich auf der Zielgeraden einer steinigen und hindernisreichen Strecke sieht. Denn im Laufe der Jahre gab es immer wieder Rückschläge. Und sein Projekt wäre fast an der Wahl der falschen Partner gescheitert. Doch diese Phase ist vorbei. Ein sogenannter Business-Angel hat sich hinter Jürgen Marx und sein vierköpfiges Team aus jungen Hochschulabsolventen und erfahrenen Entwicklern gestellt. Denn das Unternehmen Scanovis, das erst seit gut einem Jahr investiert, steht nicht nur für Erfindungsreichtum, sondern eine langjährige Expertise im Bereich Qualitätskontrolle in der Industrie. Dieses Segment ist derzeit das wichtigste Standbein des Unternehmens. Weitere sollen dazu kommen.

"Ich habe gut zwei Jahrzehnte Erfahrung in diesen Bereichen", sagt Jürgen Marx. Der heute 54-Jährige hat seine Wurzeln nicht an einer Hochschule, sondern im Handwerk. Der ausgebildete Elektromeister spezialisierte sich schon früh auf Messtechnik. "Ich erhielt die Chance, bei einem weltweit führenden US-Lebensmittelhersteller zu arbeiten", erinnert sich der Koblenzer. Dort wurde er mit strengen Qualitätskontrollen und den strengen Hygienevorschriften konfrontiert – und natürlich mit den Geräten, mit deren Hilfe die hohen Standards eingehalten werden. Im Rahmen seiner Selbstständigkeit überprüfte Jürgen Marx dann unter anderem die Präzision von Bauteilen und spürte unter anderem Unebenheiten in den Oberflächen auf, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Dies erfolgte bereits mithilfe optischer Systeme – und allmählich reifte der Wunsch, eine Präzision zu erreichen, die bis dato nicht möglich war. Und Jürgen Marx begann, seine Laserverfahren zu entwickeln, nachdem er erkannt hatte, dass seine erste Idee, Kameratechnik zu nutzen, nicht die gewünschten Hochpräzisionsergebnisse lieferte. Sein Ziel ist es, auf lange Sicht entsprechende Geräte für Forensik, die Industrie und die Medizintechnik zu entwickeln – also für klassische Bereiche, in denen extreme Präzision und Sauberkeit gefragt werden. Dabei zielt das Verfahren darauf, Oberflächen mit einem Laser zu scannen und vorhandene Substanzen in hoher Präzision bildgebend darzustellen.

"Wir verfolgen eine mehrstufige Strategie", erklärt Jürgen Marx und verweist auf die Vorteile, sich zunächst dem Bereich Kriminalistik zu widmen. Denn hier sind in der Regel die Dimensionen der Beweisstücke, die ins Labor gebracht werden, überschaubar. Bislang werden die sogenannten Asservate Stück für Stück in eine Spezialkammer gebracht und mit Cyanacrylat besprüht. In der Regel kann man dann nach 40 Minuten die ersten Ergebnisse sehen. Insgesamt dauert eine Untersuchung in der Regel bis zu 36 Stunden. Die gleichen Vorgänge können mithilfe der neuen Technik aus Koblenz binnen Sekunden erledigt werden.

"Wir konzentrieren uns zunächst auf den Laborbereich. Dort werden in der Praxis rund 60 Prozent aller Asservate untersucht", erklärt Jürgen Marx, der bereits ein zweites Produkt plant: einen mobilen Laserscanner für den direkten Einsatz am Tatort. Hier müssen Forensiker nämlich noch weiterhin Flächen mit Chemikalien "abpinseln", wenn sie Fingerabdrücke finden und sichern sollen. "Die besondere Problematik bei der Spurensuche ist, dass man gar nicht weiß, wo Spuren sind. Diese muss man erst mal finden, sie dann sichtbar machen und schließlich ein Verfahren anwenden, um sie zu sichern. Wir wollen diese drei Schritte bündeln und zusammenführen", so Jürgen Marx weiter. Im Labor ist das bereits möglich. Das stationäre Gerät, das schon bald auch dreidimensionale Ergebnisse liefern wird, verarbeitet das Scanergebnis sofort digital. Die Ergebnisse können sofort ohne Zeitverlust mit der Datenbank abgeglichen werden.

Crowdinvesting: Kampagne hat begonnen

Mithilfe des neuartigen Laserscanners aus Koblenz kann die Arbeit der Polizei, des Bundes- und Landeskriminalamts sowie des Zolls deutlich beschleunigt werden. Nun möchte das Scanovis-Team das Produkt national und international marktreif machen. Mithilfe des Laserscanners können Fingerabdruckspuren berührungslos erfasst und innerhalb Sekunden bildgebend dargestellt werden. Die Idee, die der Erfindung vorausging, entstand bei einem gemeinsamen Projekt mit dem Bundeskriminalamt.

Jürgen Marx und seine junge Mannschaft haben das Glück, dass ihr Projekt von einem Investor, einem sogenannten Business-Angel, unterstützt wird. Das Geld des Förderers wurde benötigt, um Verfahren und Geräte zu entwickeln – und dann den ersten Prototypen zu entwickeln und in Zusammenarbeit mit Instituten und Hochschulen zu testen. Die Koblenzer wollen nun ihr System verkaufen. Um mit der Serienproduktion für den nationalen und internationalen Markt beginnen zu können, brauchen sie weiteres Kapital. Sie setzen dabei auf das sogenannte Crowdinvesting. Das heißt: Kleinanleger können via Internet auch geringe Beträge in das junge Unternehmen investieren und im Idealfall an dessen Wachstum verdienen.

Das Team von Scanovis setzt mit seiner Finanzierungsidee also auf Reichweite – getreu der Devise: Viele Kleinst- und Kleinanleger können genauso viel bewirken wie ein großer Financier. Die Kampagne hat am Dienstag begonnen. Das Koblenzer Unternehmen plant, in den kommenden fünf Jahren insgesamt 30 Geräte in Deutschland sowie knapp 600 international zu platzieren.

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