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Koblenz erstickt im Verkehr: Verwaltung und Politik suchen nach Lösungen

Stau auf den Hauptzufahrtstraßen. Auch die Busse stehen mittendrin. Genervte Autofahrer, die auf der Suche nach Parkplätzen immer und immer wieder ums Karree kurven. Radfahrer, die jeden Tag Adrenalinausschüttungen haben, weil die Fahrt durch die Stadt einem Abenteuerparcours gleicht. Fußgänger, die nicht ungestört schlendern können, weil rücksichtslose Radfahrer sie zur Seite klingeln. Szenen wie diese sind typisch für den Verkehr auf Koblenz' Straßen. Aber muss das so sein, auch in Zukunft?

Autofahrer, Busse, Fußgänger und Fahrradfahrer – sie alle sind auf Koblenzer Straßen unterwegs. Wie kann das gehen?
Autofahrer, Busse, Fußgänger und Fahrradfahrer – sie alle sind auf Koblenzer Straßen unterwegs. Wie kann das gehen?
Foto: Reinhard Kallenbach

Im Auftrag der Stadt und nach einem entsprechenden Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2015 hat ein Planungsbüro aus Dortmund den Verkehr in Koblenz unter die Lupe genommen – und konkrete Ideen entwickelt, wie es vielleicht in Zukunft auch anders laufen könnte bei uns. „Denn passieren muss etwas“, sagt Frank Hastenteufel, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Bauordnung. „Man kann schon sagen, wir ersticken in unserem Miv.“ Miv, das steht für „Motorisierter Individualverkehr“. Und der verursacht eine Menge Mief – und eine Menge Probleme.

Gleichwohl ist das Auto das Lieblingsfortbewegungsmittel auch der Koblenzer – und das ist in unserem ländlich strukturierten Umland mit rund 40.000 Einpendlern pro Tag ja durchaus nachvollziehbar. Es geht also keinesfalls darum, die Autos und damit auch deren Fahrer zu verteufeln. „Aber wir müssen Entscheidungen treffen“, sagt Frank Hastenteufel. „Die Fläche ist nicht beliebig ausdehnbar. Wir müssen uns deshalb überlegen, ob wir sie für den Kfz-Verkehr oder für Fußgänger zur Verfügung stellen.“

Denn nur, wenn sich an den Bedingungen etwas ändere, könne der Anteil derer, die Wege mit dem Rad oder dem Bus erledigen, wirklich erhöht werden, sind die Stadtplaner überzeugt. Durch die immer wieder gebetsmühlenartige Formel, dass der Radverkehr verdoppelt werden soll, ändert sich erst einmal gar nichts.

Mit fünf Schwerpunktthemen befassen sich die Gutachter im Verkehrsentwicklungsplan, der bisher nur ein Entwurf ist und in den noch Anmerkungen von Bürgern eingearbeitet werden:

  • mit dem fahrenden und dem ruhenden Autoverkehr
  • mit dem Öffentlichen Personennahverkehr
  • mit dem Fahrradverkehr
  • mit Fußgängern und der Gestaltung des öffentlichen Raums
  • mit dem Wirtschaftsverkehr, der auch durch den starken Anstieg des Onlinehandels enorm an Bedeutung gewinnt.

Dem Verkehrsentwicklungsplan vorausgegangen waren Bürgergespräche und Gespräche mit verschiedenen „Akteuren“, unter anderem Vertretern des Einzelhandels, der Hochschulen, des Jugendrats, des Seniorenbeirats und verschiedener Behindertenverbände sowie des Tourismus. Denn die Interessen der einzelnen Gruppen können natürlich durchaus konträr sein.

Der Verkehrsentwicklungsplan liefert ganz konkrete Änderungsvorschläge – und nennt auch Vorteile, Nachteile und mögliche Kosten. „Eine Art Masterplan Verkehr“, sagt Frank Hastenteufel, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung. Wenn der Plan wirklich abgearbeitet wird, sieht Koblenz in 15 Jahren anders aus als heute. Aber erst einmal muss sich der Stadtrat mit dem Entwurf beschäftigen.

Wie viel (Auto-)Verkehr verträgt die Stadt?

Koblenz. Es geht nicht darum, Autos zu verteufeln. Aber es kann auch nicht sein, dass man ihnen den besten Platz in der Stadt einräumt: „Es geht darum, auf die möglichst effiziente, sichere, umwelt- und umfeldverträgliche Abwicklung der Kfz-Verkehre sowie des ruhenden Kfz-Verkehrs hinzuwirken und gleichzeitig die Kfz-Erreichbarkeit von Koblenz sicherzustellen“, so die Autoren des Verkehrsentwicklungsplans. Eine Zukunftsentwicklung für die kommenden etwa 15 Jahre möchte dieses Gutachten aufzeigen, das ein Planungsbüro im Auftrag der Stadt erstellt hat und das nun im Entwurf vorliegt.

Die Clemensstraße ist für die Gutachter ein Vorbild: So könnten in Zukunft mehr Straßen aussehen. Die Fußgänger haben breite Wege, der Radverkehr rollt auf der Straße. 
Die Clemensstraße ist für die Gutachter ein Vorbild: So könnten in Zukunft mehr Straßen aussehen. Die Fußgänger haben breite Wege, der Radverkehr rollt auf der Straße. 
Foto: Reinhard Kallenbach

Aber wie kann das aussehen, eine Stadt, die immer noch sehr gut erreichbar ist, aber nicht mehr so viel Platz für Autos „ausgibt“? Im Bericht gibt es eine Menge sehr konkreter Vorschläge, über die sicher im Einzelnen noch sehr kontrovers diskutiert wird.

1 Der Verkehr soll vor allem auf Hauptstraßen gebündelt werden, um Nebenstraßen zu entlasten. Einige Lücken müssen hier noch geschlossen werden, um zum Beispiel die Kurt-Schumacher-Brücke besser anzubinden oder die Kilianstraße im Stadtteil Rübenach zu entlasten.

2 Auch auf den Hauptstrecken soll in besonders sensiblen Bereichen, zum Beispiel in der Nähe von Schulen oder Krankenhäusern, aus Lärmschutzgründen oder bei Unfallhäufungspunkten eine Reduzierung auf Tempo 30 in Betracht gezogen werden können.

3 Wo es möglich ist, sollen die Straßen nach und nach so umgebaut oder bei Neuplanung so gestaltet werden, dass sie neben den Autos auch für Fußgänger und Radfahrer attraktiver sind und eine größere Aufenthaltsqualität haben. Vorbilder sind beispielsweise die Gestaltung der Clemens- und der Casinostraße. Bei Hauptverkehrsstraßen können Mittelinseln zur Querung oder breitere Fußgängerwege schon einiges bewirken, damit die Fußgänger sich wohler und sicherer fühlen.

4 Auch Ortseingänge und Knotenpunkte sollen optimiert werden: durch Verkehrsinseln oder kleine Kreisel zum Beispiel. Beispiele dafür sind die Ecke Bubenheimer Weg/Eifelstraße oder Beatusstraße/Heiligenweg.

5 Wohnstraßen sollen aufgewertet werden. Dazu braucht es meist keinen teuren und aufwendigen Umbau, sondern das ist auch durch einfache Mittel wie Markierungen, versetztes Parken oder Schilder zu erreichen. Für Fußgänger wird die Aufenthaltsqualität erhöht, Kinder bekommen mehr Raum und mehr Sicherheit.

6 Eine Ausweitung der dynamischen Verkehrslenkung durch Echtzeitdatenerfassung kann Staus verhindern oder auflösen helfen. Das gilt vor allem auf den Bundesstraßen und der A 48. Dazu gehört auch ein gut geplantes Baustellenmanagement, das die Umleitungen anzeigt.

7 Parkende Autos nehmen viel Platz weg: Auch weiterhin sollen Bewohner in Wohnungsnähe eine Parkmöglichkeit an der Straße oder in einer Art Sammelparkplatz finden, wenn sie nicht über einen privaten Stellplatz verfügen. Für kurze Erledigungen oder Besuche muss eine ausreichende Zahl von Kurzzeitstellplätzen und Haltemöglichkeiten zur Verfügung stehen. Mittel- und Langzeitparker (Pendler, Touristen, Besucher und Kunden) sollen in erster Linie die Stellplätze in Parkhäusern oder gegebenenfalls auf P+R-Parkplätzen im Umland nutzen. In den Stadtteilen, in denen es viele Fremdparker gibt, wie auf dem Oberwerth oder in der Goldgrube, soll über ein Bewohnerparkkonzept nachgedacht werden.

8 Der neu geschaffene Platz an den Straßen, der nicht mehr zum Parken genutzt werden muss, kann dann zumindest teilweise für Außengastronomie oder andere Aufenthaltsmöglichkeiten wie Bänke genutzt werden. Als Beispiele werden im Verkehrsentwicklungsplan die Schloss- und die Löhrstraße genannt.

9 Mit der Einführung einer kommunalen Stellplatzsatzung könnte die Stadt unter anderem die Förderung von Radverkehr oder Car-Sharing berücksichtigen oder bei öffentlichen Bauten die Erreichbarkeit durch Busse in die Planung mit einbeziehen.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider
 
  • Den Entwurf des Verkehrsentwicklungsplans gibt es hier

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