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Koblenz

Koblenz braucht ein Verkehrskonzept: Forscher macht radikale Vorschläge [mit Umfrage]

Stephanie Mersmann

Wenn man schon lange in Koblenz lebt, fallen einem viele Dinge gar nicht mehr wirklich auf. Wie hässlich die Stadt wirkt, wenn man auf der B 9 unterwegs ist, selbst mitten in der Innenstadt. Wie abgeschnitten man vom Zentrum ist, wenn man in Goldgrube oder Rauental lebt – eigentlich mittendrin und gefühlt doch so weit weg. Wie absolut unerfreulich es ist, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren.

Ein „Autobahnkreuz“ mitten in der Stadt: Der Saarplatzkreisel und die Straßen drum herum schneiden Goldgrube und Rauental vom Zentrum ab – eine Verkehrsführung, die vor allem gut für Autofahrer ist. Ein Forscher schlägt den drastischen Rückbau von solchen Straßenkonstrukten vor.  Foto (Archiv): Ditscher
Ein „Autobahnkreuz“ mitten in der Stadt: Der Saarplatzkreisel und die Straßen drum herum schneiden Goldgrube und Rauental vom Zentrum ab – eine Verkehrsführung, die vor allem gut für Autofahrer ist. Ein Forscher schlägt den drastischen Rückbau von solchen Straßenkonstrukten vor. Foto (Archiv): Ditscher
Foto: Sascha Ditscher

Neu ist all das nicht, vielmehr so altbekannt, dass man es oft gar nicht mehr hinterfragt. Könnten der Verkehr und die Verkehrsführung in Koblenz nicht auch ganz anders sein? Wäre es nicht schön, wenn einige Bausünden der 60er- und 70er-Jahre verschwinden würden? Wenn an die Stelle von riesigen Straßenkonstrukten neue Verbindungen für Fußgänger rücken würden? Wenn weniger Autos in der Innenstadt unterwegs wären und dafür mehr Busse und Räder?

Einer, der diese Fragen stellt, ist Prof. Dr. Harald Simons vom Berliner Empirica-Institut. Er hat sich im vergangenen Jahr intensiv mit Koblenz beschäftigt, in Zusammenarbeit mit der IHK und dem Verband Haus & Grund. Und er ist überzeugt: Koblenz ist eine Stadt, bei der offensichtlich vieles dafür getan wurde, dass die Bedingungen für Autofahrer besonders komfortabel sind – aber eben nicht für die anderen Menschen.

„Enorm auffällig ist, dass am Saarplatzkreisel eine Art Autobahnkreuz die Stadt zerschneidet“, sagt Simons jetzt im Gespräch mit der RZ. Rauental und Goldgrube werden dadurch vom Zentrum abgeschnitten. „Als Bewohner würde ich es nicht akzeptieren, dass ich zu Fuß kaum in die Stadt komme“, sagt der Forscher. Das Rauental etwa sei eigentlich so zentral gelegen – wenn die Anbindung hier anders wäre als bislang, „würden junge Leute hier hinziehen, Neues würde entstehen.“ So aber: Fehlanzeige.

Um dieses und andere Verkehrsprobleme in der Stadt zu lösen, hat er einen Vorschlag – und der hört sich erst einmal radikal an: der drastische Rückbau von Straßen und Überfliegern in der Stadt. Auch Lützel nennt Simons in diesem Zusammenhang. Der Stadtteil könnte eine zentrale Erweiterung der Altstadt sein – wenn die Balduinbrücke einfach am Moselufer in eine Straße münden würde und sich nicht als Vorlandbrücke weiter in den Stadtteil graben würde. Das zerstückelt den Uferbereich und verbaut eigentlich attraktive Wohnlagen. Simons Vorschlag: Abriss der Vorlandbrücke, Anbindung der Balduinbrücke an eine schmalere, ebenerdige Straße.

Utopische Ideen? „Andere Städte haben das schon gemacht, ihre Hochstraßen runtergenommen und ihre ,Tausendfüßler' mit den ganzen Abfahrten abgerissen – und es gab keinen Kollaps“, sagt der Forscher. In Ulm zum Beispiel wurde etwas Ähnliches schon vor Jahren umgesetzt, in Düsseldorf läuft aktuell ein entsprechendes Projekt und in Saarbrücken die Planung.

Klar ist: einfach abreißen und dann hoffen, dass die Bürger auf Bus und Fahrrad umsteigen, das funktioniert nicht. Die Alternativen müssen attraktiver werden, und der Autoverkehr muss anders geleitet werden – die neuen, kleineren Straßen wären schließlich weniger leistungsfähig. Kurz: „Es braucht ein Gesamtkonzept für den Verkehr“, betont Simons.

Umfrage
Die Zukunft des Verkehrs in Koblenz

Autos gegen Fußgänger, Radfahrer gegen Pkw? Was denken Sie über die Zukunft des Verkehrs in Koblenz?

Koblenz ist zu autofreundlich.
17%
60 Stimmen
Für Autofahrer wird in Koblenz nicht genug getan.
25%
89 Stimmen
Eigentlich gibt es keine Probleme.
9%
33 Stimmen
Koblenz braucht bessere Bedingungen für Radfahrer.
22%
78 Stimmen
Das ÖPNV-Netz sollte ausgebaut werden.
27%
94 Stimmen

Genau ein solches Konzept fehlt in der Stadt, ist der Forscher überzeugt, „Koblenz ist unglaublich gewöhnt an die Situation“. In der Stadt herrscht seiner Meinung nach eine „Geht-nicht-Stimmung“ vor, kleinmütig stehe man mit Blick auf den Verkehr wie der Ochs vorm Berg. Dabei hat Koblenz mit der Buga 2011 bereits gezeigt, dass es auch anders geht, dass große Dinge bewegt werden können, wenn man will und alle an einem Strang ziehen.

Wie eine neue Verkehrsplanung konkret aussehen und umgesetzt werden könnte, das ist nicht das Thema von Harald Simons, sondern Thema der Stadt. Im Wahlkampf haben alle OB-Kandidaten – auch der Sieger und künftige Oberbürgermeister David Langner – betont, dass der Verkehr in Koblenz, der ÖPNV und die Bedingungen für Radfahrer für sie eine große Rolle spielen. Wie die Stadt dies unter neuer Führung angehen wird, wird sich nach dem 1. Mai zeigen, wenn Langner das Amt des OB antritt.

Von unserer Redakteurin Stephanie Mersmann

Autos gegen Fußgänger, Radfahrer gegen Pkw?

Das Problem ist nicht leicht zu lösen. Denn der Platz ist begrenzt, die finanziellen Mittel sind es ebenso. Also muss eine Stadt wie Koblenz irgendwann entscheiden, wie der Verkehr in Zukunft aussehen wird.

In einer kleinen Serie beleuchten wir in loser Folge viele Fragen und Antworten unter anderem zu folgenden Themen: Wie viel (Park-)Platz räumen wir den Autos künftig ein? Wie muss der Öffentliche Personennahverkehr aussehen, damit mehr Menschen ihn nutzen? Wie bringt man mehr Leute dazu, das Auto stehen zu lassen und stattdessen aufs Fahrrad zu steigen? Und wir laden Sie ein mitzudiskutieren: Ist Koblenz zu autofreundlich oder im Gegenteil nicht autofreundlich genug? Wie soll unsere Stadt in 10 oder 15 Jahren aussehen?

Schreiben Sie uns eine E-Mail an redaktion-koblenz@rhein-zeitung.net

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