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    Mosel

    Knochenjob mit Aussicht: Das Abenteuer Weinlese

    Der Boden unter den Füßen ist steinig. Wieder und wieder rutscht das feste Schuhwerk über die losen Schieferbrocken, findet nur schwer Halt. Der Hang unterhalb der Matthiaskapelle in Kobern-Gondorf lässt jedoch nichts anderes zu, denn der Weinberg am Koberner Schlossberg ist so steil, dass selbst erfahrene Helfer Vorsicht walten lassen müssen. Vorsicht bei jedem Schritt, den sie tun. Vorsicht bei der Weinlese.

    Wie wird überhaupt Wein gelesen, und welchen Weg gehen die Trauben, bis sie zum Rebensaft werden? Diesen Fragen ist unser Reporter Andreas Egenolf in Kobern-Gondorf bei der Weinlese nachgegangen.
    Wie wird überhaupt Wein gelesen, und welchen Weg gehen die Trauben, bis sie zum Rebensaft werden? Diesen Fragen ist unser Reporter Andreas Egenolf in Kobern-Gondorf bei der Weinlese nachgegangen.
    Foto: Sascha Ditscher

    Wenige Stunden zuvor: Der Nebel hat seinen Schleier über das Moseltal gelegt und hüllt Kobern-Gondorf in ein mystisches Gewand. Während die Ruine der Niederburg aus der sich langsam lichtenden Nebelsuppe hervorlugt, herrscht am Fuße des Burgbergs bereits emsiges Treiben. Zahlreiche Kinder ziehen mit ihren vollgepackten Ranzen zur Grundschule, während wiederum andere von ihren Eltern bis vors Schultor chauffiert werden.

    Wenige Meter weiter, in der Kirchstraße, geht es derweil noch etwas gemächlicher zu, bis gegen kurz vor 8 Uhr ein weißer Kastenwagen vor dem Weingut Freiherr von Schleinitz vorfährt. Die Türen springen auf, heraus tritt ein halbes Dutzend Lesehelfer. „Guten Morgen, Chef“, murmelt ein kleiner Mann mit Schirmmütze und Schnauzer in Richtung von Weingutsleiter Konrad Hähn. Es ist Andrej Mikolayczyk, einer von drei Angestellten des traditionsreichen Koberner Weingutes. Viel Zeit zum Reden hat der Pole nicht, denn gleich geht es wieder in die Weinberge. Schnell noch die Eimer, Haken, Gartenscheren und sonstigen Leseutensilien aus dem Weingut in den Transporter gepackt, und schon bricht das Team in Richtung Koberner Schlossberg auf. Heute ist Weißburgunderlese angesagt. Rund 3000 Quadratmeter Reben der Weißweinsorte sollen unterhalb der Matthiaskapelle abgeerntet werden. Ein strammes Programm für die Lesehelfer. Sie zögern auch nicht lange nach ihrer Ankunft, schnappen sich Eimer, Haken und Schere und legen los.

    Geredet wird nicht viel, und wenn, sind ausnahmslos polnische Wortfetzen zu erhaschen. Die Erntehelfer stammen fast allesamt aus dem östlichen Nachbarland der Bundesrepublik. Andrej Mikolayczyk und Mariusz Pukas arbeiten das ganze Jahr für das Weingut von Schleinitz, alle anderen Helfer sind nur für rund vier Wochen an der Mosel beschäftigt, um die insgesamt mehr als zwölf Hektar großen Flächen des Weingutes in Lehmen, Niederfell, Winningen und Kobern-Gondorf abzuernten. In diesem Jahr läuft die Lese bereits seit dem 4. September, rund eine Woche früher als sonst üblich. Die Arbeit ist für das Gros der Lesehelfer dabei nichts Neues. Viele kommen schon seit mehreren Jahren, um während der Weinlese Geld zu verdienen. „Sie kennen daher schon die Abläufe, und man muss nicht alles erklären“, verrät Weingutsleiter Konrad Hähn später. Was er meint, wird schnell klar: Rebe für Rebe arbeiten sich die Lesehelfer voran. Im Klackerkonzert der Gartenscheren füllen sich so im Nu die schwarzen Eimer mit Trauben. Und doch achten die Polen darauf, dass keine verfaulten Trauben dabei sind. Wo der Anfänger schon ein gutes Stück Zeit braucht, benötigen sie zum Aussortieren nur wenige Augenblicke.

    „Das lernt man einfach mit der Zeit“, verrät Sascha Lutz. Der Winninger, der ebenfalls beim Weingut von Schleinitz beschäftigt ist, ist an diesem Tag der einzige Deutsche im Weinberg. Seit April 2015 ist er in Kobern-Gondorf angestellt, zuvor war er bereits in seinem Wohnort bei einem Winzer beschäftigt. „Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht“, schwärmt der 36-jährige Winzergehilfe. Jahrelang hatte er als Schlosser gearbeitet. Die Arbeit erfüllte ihn allerdings nicht mehr. Durch Bekannte half er dann 2013 bei einer Weinlese – und entdeckte dabei seine Leidenschaft. Die scheinbar richtige Entscheidung, denn wer Sascha Lutz bei der Lese beobachtet, der merkt sofort, dass er seinen Beruf inmitten der Wingerte liebt. Sein Erfahrungsschatz in Sachen Weinbau ist groß, und er arbeitet sich fleißig, mit äußerster Präzision durch die einzelnen Terrassen. Ganz so wie Sascha Lutz es in seiner Zeit als Schlosser gelernt hat.

    Die extreme Steillage des Weinberges vis-á-vis der Niederburg, die für Ungeübte schnell mal zum Balanceakt und am nächsten Tag zum Schmerzquell in den Beinen wird, stellt für den Winninger unterdessen kein Problem dar. „Die Erfahrung kommt mit der Zeit“, sagt Sascha Lutz, um im nächsten Moment das Gesicht zu verziehen. Gerade hat er eine der Trauben beim Probieren erwischt, die noch bitter und unreif waren.

    Das ist keine Seltenheit in diesem Jahr, in dem die Winzer an Rhein und Mosel durchweg Einbußen bei der Weinlese und teilweise noch nicht wirklich reife Trauben beklagen. Das kann auch Sascha Lutz bestätigen: „Wir haben die roten Sorten zuerst gelesen. Durch das schlechte Wetter dieses Jahr hatten wir dabei aber nicht superviel. Es ist viel durch Gewitter, Hagel und schlechtes Wetter allgemein kaputtgegangen.“ Besonders schlimm erwischt hat es das Traditionsweingut von Schleinitz beim Frühburgunder. „Da hatten wir mehr als 90 Prozent, die schon weggefault waren, worüber wir uns natürlich sehr geärgert haben“, erklärt der Winzerhelfer.

    Umso besser fällt die Bilanz an diesem Tag bei der Lese des Weißburgunders aus. Unzählige Male rattert Andrej Mikolayczyk mit der spritbetriebenen Lore zum Be- und Entladen der Trauben den Weinberg hoch und runter. „Der Ertrag heute ist erstaunlich gut. Das sah in den letzten Tagen nicht immer so aus“, zeigt sich Sascha Lutz zufrieden. Trotz der enormen Menge, die später einen ganzen Traktoranhänger füllen wird, ist der komplette Wingert nach rund vier Stunden gelesen. Die Stärkung im Weingut mit Rippchen, Sauerkraut und Kartoffelpüree haben sich die Lesehelfer anschließend verdient – und dringend nötig. Sie verschlingen ohne große Gespräche die Hausmannskost und gönnen sich anschließend ein wenig Ruhe in ihrer Unterbringung.

    Für Weingutsleiter Konrad Hähn gibt es unterdessen keine Rast. Die gerade erst gelesenen Weintrauben lädt der Diplom-Ingenieur in Weinbau und Kellertechnik Behälter für Behälter mit dem Gabelstapler vom Traktoranhänger ab und kippt sie in einen sogenannten Traubenwagen. Eine darin eingelassene Schneckenpumpe fördert die gelesenen Trauben im Anschluss lautstark in die Druckluftpresse. Mehr als zwei Stunden wird die Maische dort bei ansteigendem Druck gepresst. Rund 1000 Liter Weißburgunder, so rechnet Hähn, werden es am Ende sein, die aus der gelesenen Traubenmenge herausgequetscht werden. Der beim Pressen entstandene Most wird anschließend durch eine Zentrifuge gepumpt, bevor die Flüssigkeit in einen der meterhohen, silberglänzenden Gärtanks, die im Kelterhaus des Weingutes stehen, eingeleitet wird. Hier gärt alles bis Ende des Jahres, ehe der Wein im Januar filtriert und in einen anderen Tank umgepumpt wird. „Im April, Mai füllen wir dann meistens die Flaschen ab“, erklärt Konrad Hähn, der seit 1991 das Weingut Freiherr von Schleinitz leitet.

    Dass der Moselwein aus Kobern-Gondorf gefragt ist, verrät ein Blick in das Lager. Eine gut verpackte Palette wartet hier auf ihren Export. Es geht über den großen Teich in die USA, wo laut Konrad Hähn mittlerweile rund ein Drittel der Von-Schleinitz-Weine landet. Womöglich bald auch ein 2017er-Weißburgunder vom Koberner Schlossberg.

    Von unserem Reporter Andreas Egenolf

    Kleines Weinleselexikon

    Rebstock oder Weinstock ist die kultivierte Wuchsform der Weinrebe. Weintrauben sind die Fruchtstände der Weinreben. Die einzelnen Früchte des Fruchtstandes heißen Weinbeeren.

    Bei der Lese, wie die Traubenernte genannt wird, schneiden die Lesehelfer die Trauben mit der Wingertsschere ab und sortieren sofort unreife oder verfaulte Beeren aus – das Lesegut darf nicht nach Essig riechen. Erwünscht ist hingegen die Edelfäule (Botrytis Cinera), die mehr nach Honig duftet.

    Grad Oechsle ist die Maßeinheit für das Mostgewicht (Most: unvergorener Traubensaft). Gemessen wird der Anteil der gelösten Stoffe im Most, vor allem des Zuckers. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Der Zuckergehalt bestimmt den späteren potenziellen Alkoholgehalt im Wein. Das Mostgewicht kann man zum Beispiel mit dem Refraktometer messen.

    Im Weingut wird das Lesegut dann gemahlen, das Gemisch aus Most, Beerenschalen und Traubenkernen wird als Maische bezeichnet. Nach einer etwaigen Maischestandzeit beginnt das Keltern, also das Pressen. Und dann darf der Most gären: Hefe wandelt den Zucker in Alkohol um. Quellen: RLP-Tourismus, Wikipedia

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