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    Kabul/Koblenz/Bad Kreuznach

    Hilfe für Raissa: Verteidigungsministerin nutzt "kurzen Dienstweg"

    Zurzeit behandeln Ärzte im Koblenzer Bundeswehrzentralkrankenhaus ein neunjähriges Kind, das dem Tod erst in Afghanistan und dann in Deutschland knapp entkommen ist. Das dunkelhaarige Mädchen mit den rot lackierten Fingernägeln und Fußnägeln muss allerdings nach wie vor alleine im Zimmer liegen, denn noch immer ist es mit Keimen verseucht. Dass Raissa überlebt hat, verdankt sie Hilfsorganisationen, Ärzten in Kabul und Koblenz, sowie der Landesvorsitzenden der CDU und der Bundesverteidigungsministerin in Berlin. Mittlerweile kann die kleine Afghanin sogar wieder lächeln.

    Rückblick: Die Neunjährige lebt eigentlich in der nordafghanischen Unruheprovinz Baghlan, die an die Provinz Kundus angrenzt. Kurz vor dem Weihnachtsfest wurde Raissa Opfer eines schweren Verkehrsunfall, bei dem ihr der linke Unterschenkel abgerissen und der Oberschenkel zertrümmert wurde. In einem Kabuler Krankenhaus kümmerten sich Ärzte um die Neunjährige. Doch es war unklar, ob Knie und Oberschenkel gerettet werden können – und das Mädchen somit die Chance bekommt, mit einer Prothese ein fast normales Leben zu führen. Die Ärzte pumpten sie mit Antibiotikum voll, damit die großen Wunden sich nicht entzündeten. Doch das sollte ihr später zum Verhängnis werden.

     

    Der Bad Kreuznacher Chirurg André Borsche ist stellvertretender Vorsitzender der Hilfsorganisation Interplast Germany und hat schon etliche afghanische Kinder operiert. Er berichtet: „In Entwicklungsländern werden oft Antibiotika nach dem Gießkannenprinzip eingesetzt.“ Das führt dazu, dass viele Keime resistent werden. „Raissa kam mit allen nur denkbaren Keimen infiziert nach Deutschland“, erzählt der Chefarzt der plastischen Chirurgie des Diakoniekrankenhauses.

    Die Hilfsorganisation „Kinder brauchen uns“ hatte sich zuvor aus Kabul an Interplast gewendet und Borsche um Hilfe gebeten. Doch die Warteliste in Kreuznach ist lang. Der Chirurg sah sich die Fotos des Beins an: „Ich wusste, dass man das nicht lange liegen lassen kann“, erzählt er. So ging er mit den Bildern durchs Krankenhaus und sprach mit Spezialisten. Dann war klar: „Wir haben keine Kapazitäten und sie muss möglichst schnell, spätestens in zwei, drei Wochen behandelt werden.“ Einen Tag vor Heiligabend schickte Borsche die Absage nach Kabul, die ihm leid tat: „Ich war total gedetscht und traurig“, berichtet er.

    Doch das Schicksal war auf Raissas Seite: Am selben Tag der Absage bekam Borsche eine Spende für Interplast überreicht und wurde gefragt, ob er schon einmal ein Kind ablehnen musste. Er erzählte von der kleinen Afghanin. Die CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner hörte zu und brachte das Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZK) in Koblenz ins Spiel. Klöckner berichtet: „Ich schickte noch während der Spendenübergabe eine kurze SMS an Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die ja selbst gelernte Ärztin ist. Drei Minuten später rief sie zurück, der ,kurze Dienstweg‘ klappte.“ Klöckner gab das Handy an Borsche weiter, der den Fall der Verteidigungsministerin schilderte. Klöckner sagt: „Sie versprach, sich zu kümmern.“ Über Weihnachten hielt Klöckner Kontakt zu Ursula von der Leyen. Ein Koblenzer Unfallchirurg wurde involviert. Klar war, dass es sich bei Raissa um einen schweren Fall, auch wegen der Keimbelastung, handelt. Dann hieß es: Die Bundeswehr kann die Behandlung in Koblenz durchführen und auch den Straßentransport übernehmen. Klöckner beschreibt, dass sich Bundeswehrgeneral Markus Kneip im Auftrag von der Leyens direkt beim deutschen Botschafter in Kabul für eine schnelle Visa-Erteilung einsetzte.

    Mit hoffnungsvollem Blick aber auch etwas in Sorge übergab der Vater in Kabul seine Tochter in die Hände der Helfer von „Kinder brauchen uns“. Raissa landete am 10. Januar um 18.55 Uhr in Düsseldorf. Die Bundwehr brachte sie ins BwZK nach Koblenz. Am nächsten Tag wurde sie operiert.

    Borsche berichtet: „Sie war schwerer krank als zuvor angenommen.“ Er hält Kontakt zum behandelnden Chefarzt in Koblenz. Überall befand sich mit Keimen infiziertes Gewebe, gegen die kaum noch ein Antibiotikum wirkte. Ärzte entfernten operativ abgestorbenes Knochengewebe. Danach brach die bisher stabile Körperabwehr des neunjährigen Mädchens zusammen. „Sie musste auf der Intensivstation beatmet werden“, verdeutlicht Borsche. Die Intensivmediziner schafften es aber, durch gezielte Antibiotikatherapie und operative Wundsäuberung, Raissas Leben zu retten.

    Mittlerweile liegt sie isoliert auf einer normalen Station und hat neulich mit ihren Eltern telefoniert. Auch hat eine afghanische Familie mit Kindern aus der Region sie besucht, was ihr gut tat. Wenn sie fitter ist, wird sie nach Bad Kreuznach verlegt, wo die Reha stattfindet. „Wir sind guter Dinge“, sagt André Borsche, der allen dankt, die mit Spenden und direkter Hilfe Kinder unterstützen.

    Unserer Zeitung war es nicht möglich, mit dem behandelnden Chefarzt des Koblenzer BwZKs zu sprechen. Dieser hatte sich wohl umgehend nach dem Dialekt des Kindes erkundigt, um sie optimal betreuen zu können. Die Freigabe zum Gespräch erfolgte trotz mehrmaliger Anfrage des BwZK beim zuständigen Verteidigungsministerium in Berlin bislang nicht.

    Teure Rettung: Wer trägt die Kosten? Der stellvertretende Vorsitzende der Hilfsorganisation Interplast, André Borsche, weiß aus jahrelanger Erfahrung, dass solche Rettungsaktionen wie die von Raissa richtig viel Geld kosten. „Wir wissen nicht, wie teuer die Behandlung in Koblenz und die Prothese sind. Aber das können mehr als 100.000 Euro sein“, sagt Borsche unserer Zeitung.„Die Versorgung im Krankenhaus ist eine teure Angelegenheit.“ Oft dauert es bei solch schweren Fällen mehrere Wochen und Monate, bis ein Kind fit ist, sodass es für die Zeit der Reha zu einer Pflegefamilie gehen kann. „Wir hoffen, dass Frau von der Leyen zu ihrem Wort steht“, betont Borsche deshalb. Hilfsorganisationen wie Interplast sind auf Spenden und das Zusammenwirken mit anderen Helfern angewiesen. Borsche berichtet von einem ähnlichen Fall wie Raissa in Bad Kreuznach, der mehr als 100.000 Euro gekostet hat, bei dem aber ein anderer Hilfsverein allein ein Viertel der Summe übernahm. Chefarzt Borsche schildert, dass die Spendengelder der Hilfsorganisationen mehreren Menschen zugute kommen sollen und nicht nur einem. Unsere Zeitung hat bislang, trotz mehrmaliger Anfrage in der Berliner Pressestelle, keine Reaktion von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu ihrer Entscheidung und der Finanzierung des Einsatzes erhalten.
    Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

     

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