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    Bendorf

    Gemeinsam zum Abi – ob behindert oder nicht

    885 Schüler besuchen das Bendorfer Wilhelm-Remy-Gymnasium, 30 von ihnen leben mit einer Beeinträchtigung. Sie sind blind, schwerhörig, spastisch gelähmt oder autistisch gestört. Doch Extrawürste gibt es für niemanden.

    Hannah trägt ein Cochlea Implantat. Sie folgt dem Unterricht mithilfe von Mikrofonen und einem Funkempfänger, der mit ihrer Hörprothese verbunden wird.
    Hannah trägt ein Cochlea Implantat. Sie folgt dem Unterricht mithilfe von Mikrofonen und einem Funkempfänger, der mit ihrer Hörprothese verbunden wird.
    Foto: Katrin Steinert

    Bendorf - Seit mehr als 30 Jahren machen behinderte und nicht behinderte Schüler in Bendorf gemeinsam Abitur. Damit ist das Wilhelm-Remy-Gymnasium landesweit einzigartig. Und ginge es nach der UN-Behindertenrechtskonvention, die im März 2009 in Deutschland gültig wurde, müssten bereits an allen deutschen Schulen zumindest Bendorfer Verhältnisse herrschen – wenn nicht sogar normale Schulen aufgelöst und Kinder unterschiedlicher geistiger Fähigkeiten im Klassenverband unterrichtet werden – mithilfe von Fachkräften (Inklusion). Doch viele Regelschulen sind noch nicht einmal auf die Integration weniger Behinderter eingerichtet.

     

    Exotisches Remy-Gymnasium

    So hat das Wilhelm-Remy-Gymnasium einen Exotenstatus: „Es ist das einzige Regelgymnasium in Rheinland-Pfalz, das einen integrativen Ansatz verfolgt“, bestätigt ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums in Mainz. Zumindest zwei weitere Gymnasien beabsichtigen, Behinderte zu unterrichten: in Meisenheim (Kreis Bad Kreuznach) und im pfälzischen Herxheim.

    In den vergangenen Jahren hat sich der Lehrauftrag in Bendorf allerdings erweitert. Wurden viele Jahre rein körperlich Behinderte in die normalen Klassen integriert, lernen dort seit 2004 auch immer mehr Schwerhörige und Sehbehinderte, sogenannte Sinnesbeeinträchtigte.

    Von den 885 Gymnasiasten haben aktuell 30 ein Handicap. Allein acht von ihnen sind stark hörgeschädigt, und zwei können kaum noch oder gar nicht mehr sehen. „Dadurch hat sich der Unterricht natürlich verändert“, erklärt die Integrationsbeauftragte der Schule, Studiendirektorin Doris Bernhard.

    In den Klassen, in denen Schwerhörige oder Gehörlose sitzen, werden FM-Anlagen benutzt (Frequenz Modulation). Dazu gehören Mikrofone, Sender und Empfangsgeräte, die mit den Hörgeräten der Schüler verbunden werden. Die Sehbeeinträchtigten nutzen Laptops mit Blindenadapter, sodass sie mit ihren Fingern Texte tippen und lesen können. Integrationshelfer schreiben für sie Arbeitsblätter ab, diktieren ihnen, was der Lehrer an die Tafel schreibt.

     

    Weite Wege und viele Hürden

    Das Einzugsgebiet der Schule ist groß: Behinderte Schüler kommen aus den Kreisen Ahrweiler, Altenkirchen, Westerwald, Rhein-Lahn, Mayen-Koblenz und aus der Stadt Koblenz. Eltern müssen oft Hürden und weite Wege in Kauf nehmen, um ihre Kinder auf einer Regelschule unterzubringen.

    Die Koblenzerin Susanne Meier ist Mutter einer gehörlosen Tochter. Und obwohl diese eine lebenslange Behinderung hat, muss die Tochter jedes Jahr erneut zum Hörtest: „Das ist pure Bürokratie!“ Wenn sie die Behinderung nachweist, bekommt sie von der Stadt Geld für den Hol- und Bringdienst. „Unsere Tochter muss aufs Gymnasium in Bendorf gehen, weil es in der Nähe keine entsprechende Schule gibt“, klagt Meier.

    In der Tat: Die Landesschulen für Blinde und Gehörlose in Neuwied haben weder einen Realschul- noch einen gymnasialen Zweig. „Die einzige Möglichkeit wäre, die Schüler auf Internate zu schicken“, weiß Doris Bernhard. Die Landesschulen unterstützen die Arbeit in Bendorf optimal.

    Das Gymnasium wird vom Landkreis finanziert. Doris Bernhard ist froh, dass die Verwaltung den besonderen Auftrag der Integration von körperlich und sinnesbeeinträchtigten Schülern ernst nimmt. Damals, im Jahr 1979, wurde der vierjährige Schulversuch noch vom Bildungsministerium und der Universität Mainz unterstützt und begleitet. Man wollte sehen, ob Integration in einer normalen Schule funktionieren kann und was man dafür benötigt. Dazu gehören entsprechende Räume, Aufzüge, Physiotherapeuten, Integrationshelfer, Fachpersonal und Gymnasiallehrer, die bereit sind, sich auf die Aufgabe einzulassen. Dass so ein Unterricht funktionieren kann, wird dort seit 30 Jahren bewiesen.

    Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

    Detail: Was ist ein Cochlea-Implantat?Reportage: Per Funkhilfe dem Unterricht folgenInfobox: Das Recht auf Integration
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