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Der Schemmer-Mord auf 140 Seiten: Die wichtigsten Passagen des Urteils

Das schriftliche Urteil des Landgerichts Koblenz liegt vor: So erstach Henrike Schemmer ihre Schwiegereltern.

Die 46-jährige Henrike Schemmer am letzten Prozesstag im Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Koblenz neben ihrem Anwalt Johann Schwenn.
Die 46-jährige Henrike Schemmer am letzten Prozesstag im Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Koblenz neben ihrem Anwalt Johann Schwenn.
Foto: Sascha Ditscher

Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

Koblenz. Ein schmuckes Familienhaus in Koblenz: Ein Rentner, der nachts aufsteht, zur Toilette geht und auf dem Rückweg ins Schlafzimmer erstochen wird. Eine Rentnerin, die im Bett einen Stich ins Herz bekommt und ebenfalls stirbt. Der Doppelmord an den Koblenzer Eheleuten Waltraud (68) und Heinrich (75) Schemmer sorgte für Entsetzen, der Prozess gegen Schwiegertochter Henrike Schemmer (49) für einen Besucheransturm am Landgericht Koblenz.

Jetzt, gut zwei Jahre nachdem das Gericht die Schwiegertochter zu lebenslanger Haft verurteilt und die besondere Schwere der Schuld festgestellt hat, liegt das rechtskräftige Urteil vor: 140 Seiten in der Original-, 110 in der anonymisierten Version. Es ist der Schlusspunkt eines spektakulären Indizienprozesses mit 24 Verhandlungstagen, gut 60 Zeugen- und Gutachteraussagen – und einer Angeklagten, die stets ihre Unschuld beteuerte. Die wichtigsten Passagen des Urteils:

Der Doppelmord: Henrike Schemmer fährt am Abend des 7. Juli 2011 von ihrem Wohnort 350 Kilometer nach Koblenz, dringt ins Haus ihrer Schwiegereltern ein und überrascht Heinrich Schemmer im Schlafzimmer, als er von der Toilette kommt. Sie sticht ihm mit einem Messer (Klingenlänge: mindestens 11 Zentimeter) in Schulter, Hals und Bauch. Sie geht zu Waltraud Schemmer, die von dem Kampf erwacht war, und sticht ihr in Schulter, Hals und Herz. Beide Opfer verbluten. „Dass die Angeklagte mit direktem Tötungsvorsatz gehandelt hat, folgt zur Überzeugung der Kammer schon aus der Anzahl der von ihr gegen beide Opfer geführten Stiche oder Hiebe und der Schnelligkeit der Tatausführung.“ Diese ergebe sich daraus, dass bei Heinrich Schemmer keine eindeutige Abwehrverletzung und bei Waltraud Schemmer nur wenige Abwehrverletzungen vorlagen.

Der Geburtstagsbesuch: Nach der Tat entsorgt Henrike Schemmer das Messer, fährt nach Hause – und kehrt bald an den Tatort zurück. Sie vereinbart mit ihrem Mann einen Besuch in Koblenz anlässlich des Geburtstags der Schwiegermutter. „Die Angeklagte wollte durch das baldige Aufsuchen des Tatorts erreichen, dass etwaige von ihr hinterlassene Spuren durch einen berechtigten Aufenthalt am Tatort erklärbar wären.“ Am 9. Juli betreten Henrike Schemmer und ihr Mann das Haus der Opfer und finden die Toten. Er bleibt an der Tür zum Schlafzimmer, sie geht hinein und fasst zumindest eine der Leichen an.

Keine Spuren am Tatort: Es gibt am Tatort keine DNA-Spuren oder Fingerabdrücke, die Rückschlüsse auf den Täter erlauben. Im Urteil wird gemutmaßt, dass Henrike Schemmer bei der Tat möglicherweise Schutzkleidung trug.

Das Tatmotiv: Henrike Schemmer steckte mit ihrer Familie in Geldnot. Darum hegte sie „seit längerer Zeit den Plan, ihre Schwiegereltern zu töten, um den Erbfall zugunsten ihres Ehemannes herbeizuführen, der als einziger Sohn alleiniger Erbe war“. Das Erbe hatte einen Wert von gut 1,3 Millionen Euro.

Die Spürhunde: Die Polizei setzte Hunde ein, die Geruchsspuren vom Tatort verfolgten. Das Urteil berücksichtigt deren Einsatz nicht, wertet aber die Protokolle heimlich abgehörter Telefonate aus. Darin schimpft Henrike Schemmer über die „Viecher“ und offenbart ihrem Mann: „Ich hab Angst, Schatz.“ Angst, weil die Hunde eine Spur in Richtung ihres Wohnorts verfolgten. Und weil sie angeblich eine Verurteilung wegen Mord fürchtete, obwohl sie unschuldig sei.

Das Abendessen: Henrike Schemmers Tochter saß am 8. Juli 2011, als die Bluttat noch nicht bekannt war, bei einer Bekannten beim Abendbrot und erzählte, dass ihre Mutter vorige Nacht erst um 6 Uhr heimkam. Dies schilderte die Bekannte im Prozess. Und laut dem Urteil ist nicht ersichtlich, welches Interesse sie haben sollte, Henrike Schemmer falsch zu belasten.

Das Alibi: Henrike Schemmer wollte ihre Nachbarin (48) und eines ihrer Kinder überreden, ihr für die Tatnacht ein falsches Alibi zu geben. Sie versuchte, „Zeugen dahin zu beeinflussen, dass diese entgegen eigener Wahrnehmung von der Angeklagten als günstig empfundene Angaben gegenüber den Ermittlungsbehörden machen“.

Das Verhör: Henrike Schemmer wurde im Mai 2012 festgenommen. Sie sagte sieben Stunden lang aus, bestritt die Tat, verstrickte sich in heftige Widersprüche und behauptete, sie wollte sich in der Tatnacht töten, mit einem Auto gegen einen Brückenpfeiler rasen, sei dann aber gegen 1 Uhr nach Hause gefahren. Doch das Gericht glaubte ihr nicht, da sie nicht erklären konnte, „wann und wodurch veranlasst sie letztlich den angeblichen Entschluss zum Suizid gefasst haben will“.

Die Nachbarin: Eine Nachbarin (48) von Henrike Schemmer sorgte für Aufsehen. Weil sie im Netz über die Angeklagte tratschte. Und weil sie sich mit ihr in einer Eisdiele traf und das Gespräch für die Polizei aufnahm. Das Urteil verwertet beides nicht, sondern nur Angaben der Nachbarin, die von Dritten bestätigt wurden: Dass Henrike Schemmer am Tatabend bis 20.50 Uhr bei ihr war und sie später um ein Alibi bat.

Der wichtigste Zeuge: 14 Monate nach der Tat meldete sich ein Motorradfahrer (49) bei der Polizei und behauptete: Er habe Henrike Schemmers BMW in der Tatnacht gesehen, wäre in Tatortnähe fast mit ihm kollidiert und habe sich dessen Kfz-Schild EL RS 566 gemerkt. Seine Eselsbrücke: „EL“ erinnerte ihn an Ellwangen, wo er schon oft vorbeifuhr. „RS“ sei eine Abkürzung der Automarke Ford, die er kenne. „566“ habe er sich nicht ganz gemerkt, nur „56“. Damit verbinde er den 5. Juni, seinen Geburtstag. Es gab keine „Anhaltspunkte für Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen, der Wahrheit seiner Angaben, für ein eigenes Interesse des Zeugen am Ausgang des Verfahrens oder eine Beeinflussung des Zeugen durch öffentliche Fahndungsmaßnahmen der Polizei oder Presseberichte“.

Die Mordmerkmale: Henrike Schemmer tötete laut Urteil aus Habgier, den Schwiegervater auch heimtückisch. Sie strebte nach Gewinn, rücksichtslos, um jeden Preis.

Koblenz
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