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Koblenz

CSD-Neustart in Koblenz: Bunt, aber nicht immer tolerant

Reinhard Kallenbach

Kleiner und gemütlicher, aber auch politischer: Die Koblenzer Version des Christopher-Street-Days (CSD) hätte unter der Devise „zurück zu den Wurzeln“ stehen können. Auf jeden Fall ging die Rechnung der Veranstalter auf. Das Interesse war deutlich größer als im Vorjahr. Entsprechend positiv fiel die Bilanz des zweitägigen Festes aus, das allerdings auch seine Schattenseiten hatte.

Dörthe Dutt alias Udo Eulgem gehört beim Koblenzer CSD zur Stammbesetzung. Mit einer Mischung aus Schlagern, gern auch mal leicht zotigen Witzen sorgte der Travestiekünstler einmal mehr für Stimmung.
Dörthe Dutt alias Udo Eulgem gehört beim Koblenzer CSD zur Stammbesetzung. Mit einer Mischung aus Schlagern, gern auch mal leicht zotigen Witzen sorgte der Travestiekünstler einmal mehr für Stimmung.
Foto: Reinhard Kallenbach

Seit 2008 wird der Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern auch in Koblenz gefeiert. Stand ursprünglich der Kampf gegen die Diskriminierung und für die Rechte dieser Gruppen im Mittelpunkt, geht es heute vor allem um das Thema Partizipation. Veranstalter und Moderatoren machten deutlich: Akzeptanz und Toleranz in Koblenz sind zwar groß, doch spiegelt sich das nicht unbedingt in der Arbeit von Rat und Verwaltung wider. Die Forderung nach einer Anlaufstelle und einem spezialisierten Berater steht nach wie vor im Raum.

Auch erhoffen sich die Aktiven des Veranstalters, des Vereins zur Förderung des Koblenzer CSD, eine bessere finanzielle Unterstützung. Organisator und Moderator Benjamin Merkler räumte allerdings ein, dass der Verein seine Kommunikation verbessern müsste. Das will man jetzt nach einer internen Neuorganisation und der Beseitigung einiger „Baustellen“ angehen. Denn aus finanzieller Sicht war der CSD des Vorjahrs ein Problem. Das ist auch der Grund für die Verkleinerung und den Wegzug vom Münzplatz an die Liebfrauenkirche. „An den Anliegern liegt es also nicht. Ganz im Gegenteil: Wir wurden toll unterstützt“, stellt Benjamin Merkler klar und kündigt an, dass der Verein auch 2019 zwar im kleineren Rahmen feiern, aber mit eindeutigem Fokus auf Kultur und Debatte agieren will.

Weniger Show und mehr Inhalte sollen es also sein, was auch am Wochenende zu spüren war. Zwar gab es an beiden Tagen einen Musikmix mit Liveauftritten, doch zeigte sich auch, dass die politische Stimmung im Land aufgeheizt ist. Das überwiegend junge Publikum ist offenbar stark nach links gerückt, bei der Podiumsdiskussion am Samstagnachmittag wurde klar, wo die Sympathien liegen: bei den Grünen, bei den Linken und bei der „Partei“. Aber immerhin hörte man MdB Detlef Pilger (SPD), Monika Sauer (CDU), Torsten Schupp (FDP) und Stephan Wefelscheid (BIZ) zu und applaudierte höflich.

Dabei liegt man inhaltlich gar nicht so weit auseinander. Die Forderung nach einer Antidiskriminierungsstelle bei der Stadt steht nicht nur im Raum, sie könnte sogar mehrheitsfähig sein. Anders sieht es mit dem Amt des Queer-Beauftragten aus, den auch fast alle Diskussionsteilnehmer fordern. Während sich Patrick Zwiernik (Grüne) und Oliver Antpöhler (Linke) für einen solchen zentralen Ansprechpartner in kommunalen Dienst starkmachten, warnte Monika Sauer – sie befürwortet eine Antidiskriminierungsstelle – vor zu vielen Beiräten und Anlaufstellen, weil man „sonst aus dem Diskutieren nicht mehr herauskommt“. Dazu kommt, dass das Ganze mit etlichen Ratsmitgliedern aus dem bürgerlichen Lager im Rat nicht zu machen ist. „Wir brauchen keine Mehrheiten“, entgegnete Celina Senking (die Partei), die offenbar auf den Druck der Straße setzt. Und der war – auch zum Unbehagen der moderat gestimmten Veranstalter – gerade beim CSD 2018 zu spüren. Der war zwar bunt, aber nur eingeschränkt tolerant und erst recht keine Sternstunde der Demokratie.

AfD-Repräsentant Joachim Paul wurde niedergeschrien, als „Arschloch“ und „Nazi“ beleidigt und dann auch noch mit einem Farbbeutel beworfen. Weswegen? Der Landtagsabgeordnete, der auch dem Stadtrat angehört, lehnt Sonderregelungen für die „queere“ Bewegung ab, weil aus seiner Sicht garantiert ist, dass vor dem Gesetz alle gleich sind. Pauls Ratskollegen bekleckerten sich übrigens nicht mit Ruhm. Anstatt laut und deutlich klarzustellen, dass eine Debatte so nicht laufen kann, war es ihnen offenbar wichtiger, sich bei einer jungen Zielgruppe anzubiedern. Man merkte: Der Kommunalwahlkampf hat begonnen.

Von unserem Mitarbeiter Reinhard Kallenbach

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