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Koblenz

Akut-Geriatrie im Stiftsklinikum: Spezialisten für ältere Patienten

Annette Hoppen

In die eigenen vier Wände zurückkehren: Nach einem Oberschenkelhalsbruch wäre das für Helga Schiefer vielleicht nicht mehr möglich gewesen. Zu groß waren die Schmerzen. Zu eingeschränkt die Mobilität. Nach ihrem Sturz ist die Koblenzerin einfach nicht richtig auf die Beine gekommen. Doch jetzt klappt das Laufen zumindest am Rollator wieder gut und einigermaßen schmerzfrei. Sogar Treppen kann die 82-Jährige wieder steigen. „Ich bin so froh, dass mir hier geholfen wurde“, sagt die Senioren überglücklich. Hier: Das ist die neue Akut-Geriatrie am Standort Evangelisches Stift des Gemeinschaftsklinikums Mittelrhein (GK).

Für Helga Schiefer (82) ist die neue Akut-Geriatrie am Stiftungsklinikum ein Glücksfall: Als eine der ersten Patientinnen profitierte sie von dem neuen Angebot. Sie ist durch die Behandlung und Therapieangebote wieder mobil genug, um in ihre eigenen vier Wände zurückzukehren.
Für Helga Schiefer (82) ist die neue Akut-Geriatrie am Stiftungsklinikum ein Glücksfall: Als eine der ersten Patientinnen profitierte sie von dem neuen Angebot. Sie ist durch die Behandlung und Therapieangebote wieder mobil genug, um in ihre eigenen vier Wände zurückzukehren.
Foto: Annette Hoppen

Am 1. Oktober hat die Abteilung unter der Leitung von Dr. Horst-Peter Wagner ihre Arbeit aufgenommen. 26 Betten gibt es auf der Station. 15 können derzeit belegt werden, weil noch Personal für die Vollauslastung fehlt. Im Laufe des kommenden Jahres aber soll es dann möglich sein, auch bis zu 26 Patienten zu versorgen.

Der Bedarf ist da, wie Wagner berichtet. „Wir könnten schon jetzt mehr Patienten aufnehmen, als es uns möglich ist“, berichtet der Internist, der zugleich Facharzt für Geriatrie ist. Nicht zuletzt sicherlich, weil die nächsten Akut-Geriatrien erst in Cochem, Montabaur, Nassau und Bad-Neuenahr zu finden sind. Ausgerechnet im Oberzentrum Koblenz klaffte dagegen bis vor Kurzem eine Lücke. Überhaupt hinkt das Angebot geriatrischer Klinikstationen in Rheinland-Pfalz mit Blick auf andere Bundesländer hinterher. Es liegt auch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt hinsichtlich der Anzahl von Klinikbetten, wie Wagner weiß.

Gleichzeitig wächst der Markt: Immer mehr Menschen werden immer älter – und im Alter summieren sich die Krankheitsbilder, die manch einer mit sich herumschleppt. Multimorbidität nennen Mediziner diesen Umstand, wenn ein Patient gleich mehrere „Baustellen“ hat, die es zu behandeln gilt. Ist der Patient dazu im Seniorenalter – also etwa 70 Jahre alt und aufwärts – dann kommt die Spezialdisziplin der Geriatrie ins Spiel. Und die ist sozusagen ein echter medizinischer Tausendsassa – mit entsprechenden Anforderungen an die Ärzte und Pflegekräfte sowie einer interdisziplinären Teamarbeit als Grundvoraussetzung.

So stehen im Fokus einer geriatrischen Behandlung nicht nur die körperlichen Gebrechen, sondern auch geistige. Hinzu kommen soziale und funktionale Aspekte. „Zusammengefasst wird das Behandlungsspektrum gern mit den geriatrischen ‚Is’“, erklärt Wagner. Der intellektuelle Abbau fällt darunter, Immobilität, Inkontinenz, Instabilität – also die Neigung zum Stürzen, Insomnie (Schlaflosigkeit) oder auch die soziale Isolation. „Allgemein gesagt haben wir die Alltagsfunktionalität unserer Patienten im Blick“, resümiert der Leiter der neuen Akut-Geriatrie am Evangelischen Stift.

Grundpfeiler der Arbeit auf der Station ist nach den Worten Wagners stets eine „aktivierende-therapeutische Pflege“. Grundvoraussetzung für die Aufnahme ist, dass die Patienten „krankenhauspflichtig“ sind. In Abgrenzung zu einer geriatrischen Rehabilitation in entsprechenden Häusern geht es auf der Akut-Station darum, auch medizinisch notwendige Behandlungen durchzuführen, die eben nur in einem Krankenhaus stattfinden können. Dazu zählt etwa die intravenöse Verabreichung von Antibiotika bei einer Entzündung. Oder auch Knochenbrüche oder Verwirrtheitszustände, resultierend aus einer Operation und einem Klinikaufenthalt.

Wer sich einem solch breit gefächerten Spektrum von Krankheitsbildern widmet, kommt nicht umhin, interdisziplinär zu arbeiten. Die Anbindung der neuen Station an das Evangelische Stiftungsklinikum im Verbund des Gemeinschaftsklinikums ist deshalb aus Wagners Sicht geradezu ideal – mit einer Neurochirurgie, Kardiologie, Radiologie und auch Unfallchirurgie im eigenen Haus. „Und wenn wir, wie kürzlich, die Hilfe eines Urologen benötigen, dann ist die Kooperation mit dem Kemperhof schnell hergestellt“, lobt Horst-Peter Wagner.

Schnelle Wege gibt es aber auch innerhalb der Akut-Geriatrie selbst – weil sie personell und fachlich auf die Bedürfnisse der Patienten ausgerichtet ist. Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen und der Sozialdienst sind in das Team von Ärzten und Pflegern fest eingebunden. Jeden Morgen findet eine Teambesprechung statt, in der die Behandlung jedes einzelnen Patienten besprochen wird.

Bei der Aufnahme und während ihres in der Regel 15-tägigen Aufenthalts sowie ein weiteres Mal bei der Entlassung durchlaufen die Patienten zudem ein „geriatrisches Assessment“. Mithilfe verschiedener Tests und Datenerhebungen wird ermittelt, inwieweit ein eigenständiges Leben möglich ist. Daraus resultierend erfolgen dann gegebenenfalls auch weitere Schritte nach der Entlassung.

Auf der Station gibt es für die Patienten unterdessen quasi ein Rundum-sorglos-Paket. „Wir haben hier deutlich mehr Zeit für die Patienten als auf normalen Stationen“, berichtet die pflegerische Stationsleitung Ingrid Schneider-Roth. 3 Pflegekräfte kümmern sich um 12 Patienten, ab dem 13. Patienten müssen es 4 Pflegekräfte sein. Das auf der Station umgesetzte Konzept der Bereichspflege gibt den Patienten zusätzlichen Halt: Jede Pflegekraft ist einer bestimmten Patientengruppe zugeteilt, sodass sich die alten Menschen nicht täglich an neue Gesichter gewöhnen müssen. Obwohl die Arbeitsbedingungen auch für die Pflegekräfte dadurch sehr gut sind, wie Schneider-Roth überzeugt ist, ist es nicht einfach, für den geriatrischen Bereich Personal zu rekrutieren. „Die Vorbehalte sind noch groß. Geriatrie wird oft allein mit Altenpflege gleichgesetzt und der hochkomplexe und interessante medizinische Bereich außer Acht gelassen“, weiß die Stationsleitung.

Eine junge Pflegerin, die trotzdem den Schritt in die Akut-Geriatrie gewagt hat, ist Luisa Wölbert. „Du kannst doch nicht ins Altenheim gehen“, hätten die Freunde gewitzelt, erzählt die 23-Jährige. Doch die hat die Entscheidung bislang nicht bereut. „Ich habe hier Zeit für die Patienten – und das gibt auch mir Arbeitszufriedenheit“, sagt die junge Frau. Tanja Minzenbach (46) geht es ähnlich. „In unserem Beruf geht es auch um Seelenpflege“, ist die Krankenschwester überzeugt und fügt an. „Und dazu fehlt leider auf normalen Stationen die Luft.“

Von unserer Mitarbeiterin Annette Hoppen

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