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Teil 42: Gas und Wasser für Stadt im Aufbruch

Koblenz – Lebten um 1800 noch 23 Millionen Menschen in den deutschen Staaten, sollte die Bevölkerungszahl bis zur Reichsgründung rapide steigen. Bereits 1875 wurden 43 Millionen Menschen gezählt, bis 1914 sollten es 67 Millionen werden. Auf der Suche nach Arbeit zogen viele in die Städte. Dort war die vorhandene Infrastruktur diesem Ansturm nicht mehr gewachsen. Die örtlichen Verwaltungen standen vor allem im großen Bereich der Stadthygiene vor großen Herausforderungen. Auch in Koblenz.

Koblenz – Lebten um 1800 noch 23 Millionen Menschen in den deutschen Staaten, sollte die Bevölkerungszahl bis zur Reichsgründung rapide steigen. Bereits 1875 wurden 43 Millionen Menschen gezählt, bis 1914 sollten es 67 Millionen werden. Auf der Suche nach Arbeit zogen viele in die Städte. Dort war die vorhandene Infrastruktur diesem Ansturm nicht mehr gewachsen. Die örtlichen Verwaltungen standen vor allem im großen Bereich der Stadthygiene vor großen Herausforderungen. Auch in Koblenz.

Obwohl Seuchen wie Typhus und Cholera die Geißeln jener Zeit waren, überließen die chronisch finanzschwachen Städte den Ausbau der neuen Infrastruktur zunächst bereitwillig privaten Anbietern. Und diese konzentrierten sich zunächst auf die Gasversorgung, die höhere Profite versprach. Der Gasbedarf nahm ständig zu, nicht nur wegen der hellen Beleuchtung, sondern wegen der Vorzüge beim Kochen und Heizen. Die Nachfrage führte zu einer rücksichtslosen Preispolitik der privaten Investoren, die oft aus dem damals technisch überlegenen England kamen.

Rat lehnt Investor ab

Auch die Vorgänge in Koblenz stimmen mit den überregionalen Entwicklungen überein. Bereits im Januar 1818 machte ein Herr Deuster, über den keine weiteren Details bekannt sind, der Stadt den Vorschlag, in Eigenregie eine Gasbeleuchtung einzurichten. Nach kritischer Prüfung durch den Stadtbaumeister Johann Claudius von Lassaulx lehnte auch der Rat das Angebot ab. Man wollte zunächst die Entwicklung in anderen Kommunen abwarten. Dieses Verhalten sollte sich später am Beispiel von Wasserversorgung und Kanalisation wiederholen.

Trotz der zögerlichen Haltung der Stadt muss es schon kurze Zeit nach der Abfuhr für den Investor kleinere private Anstalten gegeben haben, in denen durch die Entgasung von Steinkohle Energie für den Eigenbedarf gewonnen wurde. Schon Deuster hatte im Gasthof "Zur Stadt Lüttich" im Altengraben eine Gasbeleuchtung einrichten lassen, die aber nicht wirtschaftlich war. Ein weiterer Anlauf wurde erst 1840 unternommen. Und wieder war es ein Hotelier, der in der aufstrebenden Fremdenverkehrsstadt Akzente setzen wollte: Gastwirt Hoche erhielt für sein Hotel Bellevue am Rheinufer die Genehmigung, eine eigene Gasversorgung aufzubauen. 1841 folgte das Casino zu Coblenz, das sein Gebäude auch mit einem der größten Weinkeller der Stadt aufwerten wollte.

1844 wurden zwei auswärtige Gesellschaften aktiv, die jedoch am Veto der Bezirksregierung scheiterten. Es war nämlich keine öffentliche Ausschreibung erfolgt. Als diese nachgeholt wurde, meldete sich allein die französische Gesellschaft "Charles Blanchet, chef de la compagnie de l’éclairlage par le gaz Blanche frères, François et comp. Paris". Mit diesem Unternehmen schloss die Stadt am 17. Oktober 1845 einen Vertrag auf 25 Jahre. Sofort begann der Grunderwerb für den Bau einer Gasanstalt auf dem Moselweißer Feld im Bereich des Marienhofs.

Der 1. September 1847 gilt heute als Beginn der Koblenzer Gasbeleuchtung. Zufrieden dürfte die Stadt mit dem französischen Vertragspartner dennoch nicht gewesen sein. Weil die Pariser Gesellschaft wohl zu finanzschwach war, verzögerte sich die Ausführung immer wieder. Die Konsequenz: Bereits 1848 übernahm die Lyoner Gasgesellschaft das Unternehmen. Dennoch sollte sich schnell herausstellen, dass die erste Koblenzer Gasversorgung nicht ausbaufähig war. Das passte zu den Erfahrungen aus anderen Städten. Die Kommunen gingen dazu über, bestehende Werke aufzukaufen oder Konkurrenzunternehmen zu gründen, um die eigenen Finanzen aufzubessern. Diese "Gegenbewegung" hatte in Preußen bereits sehr früh eingesetzt. So gab es bereits 1828 in Minden eine Gasanstalt unter städtischer Regie. Elberfeld folgte 1837, Berlin 1845. Ein Jahr später schloss sich Barmen an. 1877 gab es im gesamten Reichsgebiet schließlich 481 Gaswerke, von denen rund 45 Prozent in städtischem Besitz waren.

Auch in Koblenz hatte man von privaten Investoren genug. In der Laubach wurde schließlich ein neues Gaswerk errichtet, das am 1. November 1871 den Betrieb aufnahm. Die Stadterweiterung erforderte aber noch einmal eine deutliche Vergrößerung der Kapazitäten. Im Rauental wurde schließlich die deutlich größere städtische Gasanstalt gebaut. Sie ging im Dezember 1897 ans Netz. Das Werk in der Laubach blieb zunächst in Betrieb, wurde aber am 1. April 1901 abgestellt.

Viele Einflüsse aus England

Die Erfahrungen aus dem Aufbau der Gasversorgung sowie der Siegeszug von Gas- und Dieselmaschinen sollten in die Neuorganisation der örtlichen Trinkwasserversorgung einfließen. Bei all diesen frühen Wasserwerken in deutschen Kommunen, die meist mit der Entwicklung einer leistungsfähigen Kanalisation einhergingen, haben britische Ingenieure ihre Erfahrungen eingebracht – so zum Beispiel William Lindley, der nach dem Hamburger Stadtbrand von 1842 die moderne Ver- und Entsorgung der Hansestadt plante. Lindley war übrigens ein Anhänger der Thesen Edwin Chadwicks. Der Jurist hatte im Inselreich dazu beigetragen, dass sich seit den 1840er-Jahren eine Gesundheitsbewegung formierte, die wiederum die nationale Gesetzgebung beeinflusste und bis auf das Festland wirkte.

Bohrungen auf dem Oberwerth

Dass es in Koblenz und Umgebung erst relativ spät zur Neuordnung der Wasserversorgung kam, hatte verschiedene Gründe. Während zum Beispiel Ehrenbreitstein, Metternich und Horchheim eine intakte Quellwasserversorgung hatten, lieferten die Brunnen in der Altstadt Grundwasser, das deutlich besser gewesen sein dürfte als in den größeren Kommunen. Dennoch brachten die zahlreichen Typhusfälle, die sich vor allem im eng bebauten und dicht bewohnten Kastorviertel häuften, Bewegung in die Sache. Bereits 1876 bracht der frühere Direktor des Koblenzer Gaswerks, Adolf Krackow, den Bau eines Wasserwerkes ins Spiel, nachdem bereits 1870 in den Rheinanlagen mehrere neue Brunnen und Bewässerungsstellen in Betrieb genommen worden waren. Auch Verwaltung und Politik erkannten den Handlungsbedarf. Die Folge: Die Rheinische Wasserwerksgesellschaft mit Sitz in Bonn begann bereits im Herbst 1879 mit Probebohrungen auf dem Oberwerth – und zwar im Bereich südlich der Horchheimer Brücke, der heute noch das Herz des Wasserschutzgebietes ist. Bemerkenswert ist, dass über eine direkte Entnahme des Wassers aus dem Rhein nie ernsthaft diskutiert wurde. Obwohl die Mikrobiologie noch in den Anfängen und die Ursachen vieler Infektionskrankheiten noch nicht erforscht waren, setzten weitsichtige Ingenieure – anders als in Hamburg – auf die Entnahme aus den Grundwasserströmen und die Reinigung über die Kiesschichten. An diesem Grundprinzip hat sich übrigens bis heute wenig geändert.

Bereits 1882 stellte der Ingenieur H. Grunder sein Vorprojekt vor. Sein Gutachten enthielt Untersuchungen zur geologischen Situation, eine Beurteilung der Trinkwasserqualität und natürlich auch Kostenvoranschläge.

Ernst Grahn vollendete das Werk

Für die ausführungsreife Planung und den Bau des ersten Wasserwerks engagierte die Stadt schließlich Ernst Grahn. Der Ingenieur war seinerzeit nicht nur der europaweit führende Spezialist auf diesem Gebiet, er spielte auch in der Debatte auf Verbandsebene eine wichtige Rolle. Grahn arbeitete schnell. Bereits 1886 war das erste Wasserwerk auf dem Oberwerth fertig. Es wurde übrigens mit Gasturbinen betrieben. Obwohl das neue Werk hochmodern war und die militärischen Anlagen ihre eigene Versorgung hatten, konnte es nicht die ganze Stadt versorgen, die sich weiter ausdehnte. Bereits 1904 wurde eine zweite Pumpstation in Betrieb genommen, zwei weitere sollten folgen.

Die Wasserversorgung

1804 Das für die schottische Textilstadt Paisley bestimmte Trinkwasser wird gefiltert.

1819 In Magdeburg wird – erstmals in Deutschland – eine Dampfmaschine für die Wasserversorgung eingesetzt.

1842 In Hamburg führt eine Brandkatastrophe, bei der ein Drittel der Stadt abbrennt, zur Entscheidung, eine zentrale Wasserversorgung nach den Plänen des britischen Ingenieurs William Lindley zu bauen. 1848 nimmt die „Stadtwasserkunst“ in Hamburg-Rothenburgsort den Betrieb auf. Geklärtes Elbwasser wird in Behälter auf die Dachböden der Stadthäuser gepumpt.

1852 In Berlin bemüht man sich um den Bau einer zentralen Trinkwasserversorgung. Den Zuschlag erhält eine englische Gesellschaft.

1865 In den deutschen Staaten gibt es lediglich 16 städtische Wasserwerke. Bis 1869 steigt die Zahl auf 30. In Koblenz werden 1865 genau 34 öffentliche und 514 Privatbrunnen gezählt.

1878 Der europaweit bekannte Ingenieur Ernst Grahn, der später die Pläne für das Koblenzer Wasserwerk liefern sollte, berichtet, dass in 143 deutschen Städten mit mehr als 5000 Einwohnern neue Wasserversorgungsanlagen gebaut worden sind.

1883 Im Deutschen Reich wurden erst 26 Prozent der Bevölkerung zentral mit Wasser versorgt.

1884 Ernst Grahn begann mit Planung und Ausführung des Grundwasserwerks auf dem Oberwerth. Im selben Jahr werden in Neuwied bereits die Rohre für die neue Trinkwasserversorgung gelegt.

1889 Der Hochbehälter „Simmerner Straße“, der Haupthochbehälter der neuen Koblenzer Wasserversorgung ist, wird in Betrieb genommen.

1892 In Hamburg bricht im August eine schwere Cholera-Epidemie aus, die bis November 267 Orte in Deutschland erreicht. Während in der Hansestadt rund 8600 Menschen sterben, fallen im Reichsgebiet „nur“ 800 Menschen der Seuche zum Opfer. Eine Ursache für die verheerenden Folgen in Hamburg ist die Tatsache, dass Trinkwasser ungefiltert aus der Elbe entnommen wird.

1892 Bau des ersten Niederlahnsteiner Grundwasserwerkes „Unter Bee“ durch die Ehrenbreitsteiner Firma Lenarz.

1898 Im Ehrenbreitsteiner Teichert nimmt eine Pumpstation ihren Betrieb auf. Das Werk wird jedoch schnell vom Netz genommen, weil das Wasser hygienisch nicht einwandfrei ist und Erkrankungen gemeldet werden.

1900 Das Reichsseuchengesetz wird erlassen. Fortan können Gemeinden von staatlicher Seite – in der Regel über die Bezirksregierungen – gezwungen werden, Mängel bei der Trinkwasserversorgung und der Entsorgung zu beseitigen.

1905 In Hamburg wird das Wasserwerk Billbrook in Betrieb genommen. Es ist das älteste Grundwasserwerk der Stadt und eine verspätete Antwort auf die Choleraepidemie von 1892.

1907 Im Wasserwerk Paderborn wird die erste Ozonanlage zur Desinfizierung des Trinkwassers erprobt.

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Kaiser Wilhelm und Seilbahngondel bei Sonnenuntergang. Die Aufnahme machte Thorsten Kolb aus Zirl im Spätsommer bei Sonnenuntergang an der B42 in Ehrenbreitstein.

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Koblenzer Stadt-Geschichten

Redakteur Reinhard Kallenbach greift historische Begebenheiten der Stadt auf