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Koblenz

Teil 40: Festung Koblenz – Die Fesseln fallen

Die Bemühungen der Koblenzer, die Fesseln der preußischen Stadtbefestigung abzustreifen, reichen bis in die 50er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Dennoch blieb den Vorstößen der Oberbürgermeister und der Koblenzer Handelskammer lange der Erfolg versagt. Die Lebensbedingungen in Koblenz verschlechterten sich weiter, die Bebauungsdichte nahm zu.

Auch der nahe der Alten Burg gelegene Traversenturm der heutigen Balduinbrücke wurde abgerissen. Die Abbrucharbeiten erfolgten 1897/98.
Auch der nahe der Alten Burg gelegene Traversenturm der heutigen Balduinbrücke wurde abgerissen. Die Abbrucharbeiten erfolgten 1897/98.
Foto: Stadtarchiv Koblenz

Wer es sich leisten konnte, baute in den Vororten einfach neu oder wich auf die heutige Südliche Vorstadt aus, die eigentlich von den strengen Rayonbestimmungen betroffen war – und riskierte, dass neu errichtete Häuser im Kriegsfall auf eigene Kosten wieder abgerissen werden mussten. Trotz der gravierenden Einschränkungen und der erfolglosen Verhandlungen mit den zuständigen Berliner Ministerien entwickelte die Stadtverwaltung bereits 1878 einen Bebauungsplan für den Bereich südlich der Festungsmauern. Doch geschah dies in Abstimmung mit dem Militär, ging es doch darum, eine "wilde" Entwicklung in diesem Bereich zu verhindern.

Vision einer Gartenstadt

wurden das Löhrtor und die sich anschließenden Kasematten abgebrochen. Erst jetzt konnten Plätze wie das Löhrrondell und neue repräsentative Gebäude wie die Herz-Jesu-Kirche entstehen
wurden das Löhrtor und die sich anschließenden Kasematten abgebrochen. Erst jetzt konnten Plätze wie das Löhrrondell und neue repräsentative Gebäude wie die Herz-Jesu-Kirche entstehen
Foto: Stadtarchiv Koblenz

Ziel der Planer war es, die Grundlagen für eine Gartenstadt mit "leichter" Bebauung zu schaffen, mit der die Kommandantur der Festung Koblenz-Ehrenbreitstein gut leben konnte. Dieses Konzept entsprach übrigens auch dem Wunsch von Kaiserin Augusta. Die Frage, ob die Gattin des Monarchen Wilhelm I. Initiatorin des Projektes war, kann heute allerdings nicht mehr geklärt werden.

Wie dem auch sei: Mit dem Bebauungsplan gab es für die Vorstadt erstmals ein Konzept, das auf der Weiterentwicklung von Feldwegen und vorhandenen Straßen beruhte. Löhrstraße, Frankenstraße, Hohenzollernstraße, Kurfürstenstraße, Mainzer Straße und Schützenstraße hatten zu dieser Zeit bereits deutliche Konturen angenommen. Eine vernünftige Erschließung und Anbindung an die Innenstadtbereiche wurde jedoch durch die preußischen Festungsanlagen verhindert.

Eine gewisse Entspannung der Situation trat in Koblenz erst 1886 ein. Damals stufte das Berliner Kriegsministerium Koblenz als minderwertige Großfestung ein. Das bedeutete jedoch nicht, dass die Militärs die Festungsstadt aufgeben wollten. Ganz im Gegenteil: Kunsthistoriker Manfred Böckling weist darauf hin, dass bestehende Anlagen nachgerüstet und noch bis zum Ersten Weltkrieg den neuen militärtechnischen Entwicklungen angepasst wurden. Vor allem der Eisenbahnbau hatte die Militärs zu Veränderungen an der Befestigung gezwungen.

Besonders die Fortschritte in der Verkehrstechnik sollten sich vor allem an den Zugängen zur Stadt bemerkbar machen. Die Notwendigkeit, auf die Veränderung zu reagieren, wurde in der Öffentlichkeit lange falsch interpretiert. So gaben die wiederholten Festungsinspektionen dem Gerücht Nahrung, dass die uneingeschränkte Freigabe der Bereiche jenseits des Festungsgürtels unmittelbar bevorstand. Allein diese Annahme hatte für eine Belebung des Immobiliengeschäftes in den Bereichen außerhalb der Umwallung gesorgt.

Das Ende des Mainzer Tores

Ein erster wirklicher Teilerfolg wurde mit der weitgehenden Beseitigung des Mainzer Tores im Frühjahr 1889 erzielt. Damit wurde die Anbindung der schon damals von Villen gesäumten Chaussee an die Innenstadt möglich. Weitere Maßnahmen folgten, obwohl das Militär noch nicht aufgegeben hatte: Auch das Weißer Tor und das Schiffertor wurden abgerissen. Jetzt war auch die Anbindung der westlichen Erweiterungsgebiete möglich. Im heutigen Stadtteil Rauental war gerade erst der Bau des Schlachthofes vorangetrieben worden. Im Oktober 1889 entschieden sich die Militärbehörden auch offiziell, die Umwallungen längs des Rheines und der Mosel aufzugeben und an die Stadt zu verkaufen.

Rat und Verwaltung, an deren Spitze Oberbürgermeister Emil Schüller stand, entschieden sich schließlich dazu, den bekannten Kölner Stadtbaumeister Joseph Stübben mit einem neuen Bebauungsplanentwurf zu beauftragen, der auch die heutigen Stadtteile Rauental und Goldgrube einbezieht. Denn: Erweiterungsmaßnahmen waren auf der Grundlage neuer gesetzlicher Instrumente endlich finanzierbar. Für ganz Preußen galt nämlich seit dem 2. Juli 1875 das "Gesetz betreffend die Anlegung und Veränderung von Straßen und Plätzen in Städten und ländlichen Ortschaften". Dieses Fluchtliniengesetz, das im Kern bis 1960 gültig blieb, ermöglichte die Beteiligung der Immobilieneigentümer an den Ausbaukosten.

Kabinettsorder aus Berlin

Bereits am 21. Februar 1890 reichte OB Schüller Stübbens Bebauungsplanentwurf beim Kriegsministerium in Berlin ein. Am 13. März 1890 verfügte eine Kabinettsorder die gänzliche Aufgabe der Stadtbefestigung. Dieser Beschluss enthielt das Angebot an die Gemeinde, das vom Militär nicht mehr benötigte Gelände zu kaufen. Die Stadtverwaltung musste die neuen Möglichkeiten trotz der damit verbundenen immensen finanziellen Belastungen annehmen, wenn sie ihr neues Ziel, den Ausbau der Provinzhauptstadt zu einem Großhandelsplatz mit Industrieansiedlungen, erreichen wollte.

Trotz des Einlenkens des Militärs war die Kommune in ihren Entscheidungen nicht ganz frei. Das sollte sich spätestens 1897 zeigen, als Koblenz zur Residenzstadt erhoben wurde. Diese Erhebung war Fluch und Segen zugleich. Einerseits profitierten Fremdenverkehr und Handel, andererseits gab es neue Hemmnisse für die Ansiedlung von Industriebetrieben, sodass neue Wohngebiete zum eigentlichen Hauptthema für die Stadtplanung wurden.

Der "Stübben-Plan" hatte am Ende übrigens nicht viel mit dem zu tun, was später auch gebaut wurde. Eigentlicher Planer der Stadterweiterung ist der in Vergessenheit geratene Otto Theodor Amandus Fohl (1834-1897). Es sollte jedoch einige Jahre dauern, bis die Vorschläge umgesetzt wurden, weil sich die Verhandlungen über den Ankauf des Militärgeländes immer wieder verzögerten und erst 1896 abgeschlossen werden konnten. Am Ende zahlte die Stadt für das insgesamt rund 20 Hektar große Gelände in vier Jahresraten 822 000 Reichsmark an den Militärfiskus.

Die Ära der Stadterweiterungen

1861 In Berlin beginnt am 1. Januar der Aufbruch in eine neue Zeit. Der Weg für die größte territoriale Erweiterung des 19. Jahrhunderts in der Hauptstadt wird frei. Die Fläche des Stadtgebietes vergrößert sich von 35,11 auf 59,23 Quadratkilometer. Die Stadterweiterung ermöglichte eine bis dahin noch
nicht gekannte Expansion der
privaten Bautätigkeit in Berlin –
mit all ihren Schattenseiten.

1866 Der Mainzer Stadtrat entscheidet sich am 4. April für eine geordnete Stadterweiterung und wählt aus mehreren Vorschlägen den Entwurf des Stadtbaumeisters Eduard Kreßig. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 und der Börsenkrach von 1873 verhindern jedoch vorerst einen zügigen Ausbau. Zum Vorbild wird Magdeburg. Dort hatte die Stadterweiterung 1871 eingesetzt. Eine wichtige Voraussetzung war wie in Mainz die Zustimmung des Militärs, den Befestigungsring zu lockern beziehungsweise zu vergrößern.

1875 Die Stadt Trier erhält am 3. Dezember die Genehmigung, Teile der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Stadtbefestigung abzutragen. Die Obrigkeit erfüllt damit den Wunsch Trierer Bürger. Zwei Jahre später sind bereits vier Stadttore abgetragen. Bis zum Ende des Jahrhunderts verschwinden die alten Mauern fast vollständig.

1878 In Würzburg beginnt die behutsame Erweiterung der Stadt. Nach Plänen des schwedischen Landschaftsarchitekten Jöns Person Lindahl entsteht auf dem Schussfeld der barocken Stadtbefestigung ein Landschaftspark, der heute zu den wenigen erhaltenen Anlagen seiner Art gehört.

1881 Die Stadt Köln erwirbt die Stadtmauer und das dazugehörige Militärgelände. Die mittelalterliche Substanz wird fast vollständig beseitigt. Der Weg für den Bau der Neustadt wird frei. Mit dieser Maßnahme verdoppelt sich die Stadtfläche. Planerische Grundlage ist der Generalplan „König Rhein“, dessen Erarbeitung in einem Wettbewerb ausgelobt wird. Den ersten Preis gewinnt die Planungsgemeinschaft der Baumeister Hermann Josef Stübben und Karl Henrici. Die neuen Gebiete werden nach dem Vorbild von Wien durch großzügige Ringstraßen erschlossen.

Stadtgeschichte
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Redakteur Reinhard Kallenbach greift historische Begebenheiten der Stadt auf