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    Teil 20: Ein neues Zentrum für den alten Kurstaat

    Zwangen den Kurfürsten Johann Hugo von Orsbeck (1676–1711) wegen der Dauerbedrohung durch Frankreich zunächst militärische Gründe, den beschleunigten Wiederaufbau von Koblenz zu fordern, so war es später vor allem der Wunsch, möglichst schnell ein repräsentatives Stadtbild zu erhalten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Nach der erfolgreichen Abwehr der Franzosen hatte sich der Schwerpunkt des Erzstiftes endgültig an den Rhein verlagert – auch wenn der Status von Trier als Landeshauptstadt nicht gefährdet war. Die Verschiebung war bereits mit der Erbauung der Philippsburg in Ehrenbreitstein nach Plänen des Architekten Georg Ridinger von 1623 bis 1629 als Residenz des Kurfürsten Philipp Christoph von Sötern eingeleitet worden.

    Die typische Altstadtsilhouette ist ein Ergebnis des Wiederaufbaus im 18. Jahrhundert und der massiven Veränderungen in preußischer Zeit. Das Foto entstand in den 30er-Jahren anlässlich der Lützeler Kirmes. Am rechten Bildrand: der Bassenheimer Hof.
    Die typische Altstadtsilhouette ist ein Ergebnis des Wiederaufbaus im 18. Jahrhundert und der massiven Veränderungen in preußischer Zeit. Das Foto entstand in den 30er-Jahren anlässlich der Lützeler Kirmes. Am rechten Bildrand: der Bassenheimer Hof.
    Foto: Stadtarchiv

    Koblenz - Zwangen den Kurfürsten Johann Hugo von Orsbeck (1676–1711) wegen der Dauerbedrohung durch Frankreich zunächst militärische Gründe, den beschleunigten Wiederaufbau von Koblenz zu fordern, so war es später vor allem der Wunsch, möglichst schnell ein repräsentatives Stadtbild zu erhalten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Nach der erfolgreichen Abwehr der Franzosen hatte sich der Schwerpunkt des Erzstiftes endgültig an den Rhein verlagert – auch wenn der Status von Trier als Landeshauptstadt nicht gefährdet war. Die Verschiebung war bereits mit der Erbauung der Philippsburg in Ehrenbreitstein nach Plänen des Architekten Georg Ridinger von 1623 bis 1629 als Residenz des Kurfürsten Philipp Christoph von Sötern eingeleitet worden.

    Festung Ehrenbreitstein, Burg Helfenstein und die Philippsburg nach einem Merian-Stich. Der einst von Mühlen geprägte Ort wird von der Koblenzer Stadtmauer verdeckt.
    Festung Ehrenbreitstein, Burg Helfenstein und die Philippsburg nach einem Merian-Stich. Der einst von Mühlen geprägte Ort wird von der Koblenzer Stadtmauer verdeckt.
    Foto: Stadtarchiv Koblenz

     

    Die große Bedeutung beider Städte sollte auch im Bauwesen zum Ausdruck kommen. Zwar waren in Koblenz Planungen nach dem Vorbild der bereits in der Renaissancezeit entwickelten „Idealstädte” schon allein aus finanziellen Gründen nicht möglich, doch wollte die Obrigkeit mit gezielten Steuererleichterungen und anderen Entlastungen privaten Bauherren den „richtigen” Weg weisen. Der Kurfürst ließ daher im November 1694 einen ganzen Katalog von Entlastungen für Bauwillige verkünden. Das bedeutete nicht nur Steuererleichterung, sondern auch Befreiung von lästigen Pflichten wie Einquartierungen oder bürgerlichen Wachdiensten. Allerdings gab es einen Haken: Die neuen Gebäude sollten massiv ausgeführt sein – oder zumindest so aussehen. Der in der Literatur oft gern zitierte Brandschutz spielte eher eine untergeordnete Rolle. Es ging vor allem darum, ein hochwertiges Stadtbild vorzutäuschen. Dieses Verfahren war bei den finanziell eher bescheiden ausgestatteten deutschen Territorialherren der Barockzeit üblich.

    Dass sich hinter steinernen Fassaden häufig Fachwerk verbarg, kann man zum Beispiel im hessischen Residenzstädtchen Arolsen bewundern. Und wer sich noch an die massiven Eingriffe während der Koblenzer Altstadtsanierung der 80er-Jahre erinnert, denkt noch an die enormen Mengen von marodem Holz.

    Wenn man die kurfürstliche Verordnung von 1694 mit dem Erlass von 1677 vergleicht, fällt auf, dass die neuen Vergünstigungsklassen überwiegend die an der Straße gelegenen Schauseiten der Gebäude betrafen. Nur wer seine Hausfront aus Stein errichtete, konnte größtmögliche Freiheiten erlangen. Von steinernen Brandgiebeln, die für einen wirkungsvollen Brandschutz unerlässlich gewesen wären, ist jetzt nicht mehr die Rede. Das zeigt: Der Obrigkeit ging es vor allem um den Neubau repräsentativ wirkender Gebäude.

     

    Baustil vereinheitlicht

    Eine andere Folge der Verordnung war eine gewisse Angleichung der Bauten, denn das typische Koblenzer Bürgerhaus des 18. Jahrhunderts hatte zwei oder drei Geschosse. Es war immer noch in großen Teilen als Fachwerkkonstruktion errichtet, doch täuschten die verputzten Wände die Steinbauweise vor. Anders die Keller: Muss es vor der französischen Beschießung noch einfache Anlagen mit flachen Holzdecken gegeben haben, entstanden jetzt die für frühneuzeitliche Festungsstädte typischen massiv gemauerten Gewölbe, die im Falle einer neuerlichen Beschießung den bestmöglichen Schutz garantierten.

    Merkwürdigerweise werden die barocken Keller, die unter Einbeziehung älteren Mauerwerks errichtet worden sind, heute gern in das Mittelalter datiert. Bei näherer Betrachtung sind jedoch nur die wenigsten Anlagen mittelalterlich. Die Faustregel der Stadtkernarchäologen: Nur wenn Tuff verbaut wurde, sind die Keller wirklich alt. Da sich das vulkanische Baumaterial für feuchtigkeitsgefährdete Abschnitte nicht eignet, wurde es später nicht mehr verwendet.

    In einigen Fällen kann der Wiederaufbau mithilfe der Ratsprotokolle verfolgt werden. Das gilt vor allem für die Mehlgasse, in der während der französischen Beschießung 24 Häuser niedergebrannt waren. Dagegen ist in den städtischen Quellen weit seltener von der Gemüsegasse und so gut wie nie von der Florinspfaffengasse die Rede. Dort lag nämlich ein Großteil der zum Stift St. Florin gehörenden Häuser. Diese Gebäude waren in den Ratssitzungen so gut wie nie Gegenstand der Verhandlungen. Genau deswegen müssen auch die Verlustlisten kritisch hinterfragt werden. Sprechen die schriftlichen Quellen von 252 zerstörten Gebäuden, dürfte die tatsächliche Zahl höher gelegen haben, weil der Besitz der geistlichen Korporationen nicht erfasst wurde.

     

    Rat teilte Holz zu

    Der Rat befasste sich nur mit den Gebäuden, für deren Wiederaufbau Holz aus dem Stadtwald benötigt wurde: So teilte der Rat Johannes Simonis im Jahr 1689 für den Wiederaufbau eines zweistöckigen Gebäudes in der Mehlgasse zwei Eichen zu. 1697 bewilligte man dem Sohn des Ratsmitgliedes Rosenbaum vier Eichenstämme zur Errichtung eines zweigeschossigen Wohnhauses. Auch standen die versprochenen Entlastungen nicht nur auf dem Papier. Der Bauherr Pottgießer erhielt zum Beispiel für seine „in der Mehlgaßen zu bayden freyen straften seithen” im Erdgeschoss aus Stein bestehenden Häuser Freiheiten für insgesamt 20 Jahre. Umgekehrt drängten Kurfürst und Rat immer wieder auf die Bebauung von Grundstücken. So forderte im Dezember 1705 die Obrigkeit die Witwe Koelß auf, bis zum Frühling ein mindestens eingeschossiges Gebäude errichten zu lassen. Im Falle der Nichtbefolgung drohte die Einziehung ihres Baugeländes.

    Für die Altstadt lassen sich mithilfe des Brandversicherungskatasters (1823–1834) folgende barocke Haustypen unterscheiden:

    - zweigeschossige massive Bauten,

    - zweigeschossige Gebäude mit massiven Fassaden,

    - zweigeschossige Bauten mit massivem Erdgeschoss an der Straßenseite,

    - dreigeschossige Wohnbauten mit massiver straßenseitiger Fassade,

    - dreistöckige Häuser mit komplett massivem Erdgeschoss und massiven straßenseitigen Fassaden,

    - dreigeschossige Gebäude mit zwei massiven Etagen,

    - dreistöckige Häuser mit massiven Erdgeschossen.

     

    Vom Tal der Mühlen zum blühenden Mittelpunkt der Kurfürsten

    Ehrenbreitstein. Die Verlagerung der Herrschaftsschwerpunkte zugunsten des Niedererzstiftes führte auch zum Aufstieg des heutigen Stadtteils Ehrenbreitstein. Im Schatten der mächtigen Festung gelegen, profitierte der Ort zunehmend von den Vergünstigungen, die der Kurfürst gewährte.

     

    Unzuverlässige Bildquellen

    Über das mittelalterliche Ehrenbreitstein sind wir nur schlecht informiert. Die Bildquellen sind rar und ungenau, und die schriftlichen Quellen geben auch nicht besonders viel her. Derzeit geht die Forschung davon aus, dass – abgesehen vom Augustinerkloster und der Festung selbst – die Bebauung eher locker war. Denn der Wambach, der Arzheimer Bach und der Mühlenbach als Abzweigung des Arzheimer Baches prägten einst das Ortsbild. An diesen Bächen gab es zahlreiche Mühlen. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Ort einst auch „Mulena“ oder „Mülheim im Thal“ bezeichnet wurde. Fest steht: Die gesamte frühe Bebauung verschwand 1636. Während der Belagerung der Festung durch die kaiserlichen Truppen und des Ausfalls der belagerten Franzosen wurde der Ort komplett vernichtet. Eine Ausnahme war lediglich die Philippsburg. Das Renaissanceschloss, das wie das Aschaffenburger Schloss nach Plänen von Georg Ridinger errichtet worden war, hatte eine eigene Befestigung und war durch Artillerie gesichert, wie auf den Bildquellen des 17. Jahrhunderts deutlich zu erkennen ist.

    In der Regierungszeit des Kurfürsten Karl Kaspar von der Leyen (1652–1676) entfaltete sich in Ehrenbreitstein eine rege Bautätigkeit. So erhielt der Ort 1672 eine Ringmauer und wurde damit ebenfalls – wie Koblenz – erheblich gestärkt. Auch die mächtige und fast uneinnehmbare Festung, auf die die Landesherren im Kriegsfall fliehen konnten, bot Schutz für das Tal. Und so kam es, dass es im Herbst 1688 keinen ernsthaften Versuch gab, Ehrenbreitstein zu besetzen. Dennoch geriet der Ort unter Beschuss. Am Ende müssen auch dort die Schäden erheblich gewesen sein. Und beim Wiederaufbau änderte sich auch dort das Ortsbild erheblich. Das stellte sich bei den archäologischen Untersuchungen heraus, die im Mai und Juni 1998 im Rahmen der Baumaßnahmen für den Hochwasserschutz am Kapuzinerplatz möglich waren. Damals wurden Spuren eines bis dahin unbekannten Schutzhafens entdeckt, der nichts mit dem späteren kurfürstlichen Hafen im Bereich des heutigen Rhein-Museums zu tun hatte. Großes Aufsehen erregte damals die Entdeckung von dreier frühneuzeitlicher mastloser Treidelschiffe, von denen eines heute im Rhein-Museum bewundert werden kann.

     

    Schutzhafen zugeschüttet

    Auf jeden Fall wurde der Hafen, der sich wahrscheinlich in einem sehr morastigen Gelände befunden hat, beim Wiederaufbau zugeschüttet, um Platz für städtebauliche Maßnahmen im Bereich von Hofstraße und Kapuzinerplatz zu machen. Dort stand bereits seit 1657 die neue Kapuzinerkirche, die den ersten, im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Bau ersetzt hatte. Dieser war nicht nur eine Klosterkirche, sondern auch das Gotteshaus für die Ehrenbreitsteiner Bürger und Hofbediensteten. Für die Erzbischöfe gab es ein abgetrenntes Oratorium. Von dort aus konnten sie die Gottesdienste verfolgen. Eine eigene Pfarrkirche gab es lange nicht. Denn Ehrenbreistein gehörte traditionell zur Pfarrei Niederberg. Das sollte sich erst im frühen 18. Jahrhundert ändern. Noch in der Regierungszeit von Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck begann an der Stelle des alten Augustinerklosters der Bau der Kreuzkirche. Das nach Plänen des Hofbaumeisters Johann Honorius von Ravensteyn 1702 begonnene Gotteshaus wurde fünf Jahre später geweiht. Bis Ehrenbreitstein eine eigene Pfarrei hatte, sollte es noch bis 1711 dauern. In dieses Jahr fällt der Amtsantritt von Orsbecks Nachfolger Karl Josef von Lothringen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte der Ort einen städtischen Charakter. Mit der Zeit zogen die regen Bauaktivitäten zahlreiche Handwerker und Künstler aus dem gesamten Reichsgebiet an. Und obwohl viele große Baumaßnahmen noch bevorstanden, muss das „Dahl“ mit der Philippsburg, der Pagerie am Fuße der Festung und den laufend ausgebauten Verteidigungsanlagen einen imposanten Anblick geboten haben.

    Einen weiteren Schub gab es mit dem Amtsantritt des Kurfürsten Franz Georg Graf von Schönborn. Jetzt begann die Ära der fränkischen Bauhandwerker, deren Leistungen weit über den Mittelrhein hinaus wirken sollten. Für die Residenzstadt Ehrenbreitstein bedeutete dies eine Blüte, die später nie mehr erreicht wurde.

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