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    Teil 19: Ein sinnloser Krieg und seine Folgen

    Der Pfälzische Erbfolgekrieg brachte auch für Koblenz Tod und Zerstörung, war aber auch ein Wendepunkt in der Stadtentwicklung. Denn erst im Zuge des Wiederaufbaus entwickelte sich der Kern dessen, was wir heute als Altstadt bezeichnen. Wie gravierend die im Herbst 1688 eingeleiteten Einschnitte jedoch waren, lässt sich mithilfe der Quellen nur schwer rekonstruieren. Denn die schriftliche Überlieferung hat ihre Tücken. Zum einen gingen wichtige Dokumente in den Kriegswirren verloren, zum anderen müssen Daten gründlich überprüft werden.

    Die seltene Aufnahme des alten Rathauses Monreal, das um 1890 durch die Neubauten in der Braugasse ersetzt wurde, vermittelt einen Eindruck von Koblenz im späten 17. Jahrhundert. Doch auch dieses Gebäude wurde bei der französischen Belagerung schwer beschädigt.
    Die seltene Aufnahme des alten Rathauses Monreal, das um 1890 durch die Neubauten in der Braugasse ersetzt wurde, vermittelt einen Eindruck von Koblenz im späten 17. Jahrhundert. Doch auch dieses Gebäude wurde bei der französischen Belagerung schwer beschädigt.
    Foto: Stadtarchiv Koblenz

    Koblenz. - Der Pfälzische Erbfolgekrieg brachte auch für Koblenz Tod und Zerstörung, war aber auch ein Wendepunkt in der Stadtentwicklung. Denn erst im Zuge des Wiederaufbaus entwickelte sich der Kern dessen, was wir heute als Altstadt bezeichnen.

    Beim Wiederaufbau wurden die Altstadtstraßen breiter gemacht – auch „An der Liebfrauenkirche“. Dort ragen die alten Keller in den Straßenraum hinein. Auch in der Mehlgasse gab es gravierende Veränderungen.
    Beim Wiederaufbau wurden die Altstadtstraßen breiter gemacht – auch „An der Liebfrauenkirche“. Dort ragen die alten Keller in den Straßenraum hinein. Auch in der Mehlgasse gab es gravierende Veränderungen.
    Foto: Reinhard Kallenbach

    Wie gravierend die im Herbst 1688 eingeleiteten Einschnitte jedoch waren, lässt sich mithilfe der Quellen nur schwer rekonstruieren. Denn die schriftliche Überlieferung hat ihre Tücken. Zum einen gingen wichtige Dokumente in den Kriegswirren verloren, zum anderen müssen Daten gründlich überprüft werden. Nicht einmal der in der stadtgeschichtlichen Literatur so gern für den französischen Angriff angegebene Zeitraum vom 26. Oktober bis zum 9. November 1688 ist aus heutiger Sicht haltbar. Darauf hat der Historiker Andreas Biebricher Anfang des Jahres bei einem Vortrag vor der Kaiser-Ruprecht-Bruderschaft hingewiesen. Bereits in seiner Magisterarbeit über die Zerstörung von Koblenz im Pfälzischen Erbfolgekrieg hatte sich der heutige Landtagsabgeordnete kritisch mit der Hauptquelle auseinandergesetzt, die über die Katastrophe für Koblenz berichtete: dem Theatrum Europaeum. Diese einst von Matthaeus Merian initiierte und von 1633 bis 1738 erschienene Reihe von „Geschichtsbüchern“ berichtet zwar einigermaßen zuverlässig über die damaligen Ereignisse, birgt aber auch eine Falle: Die angegebenen Daten sind am alten julianischen Kalender, nicht aber an den Kalenderverbesserungen des Jahres 1582 orientiert. Der Grund dafür ist einfach: Die Reihe wurde zu diesem Zeitpunkt im protestantischen Brandenburg verlegt. Der neuere gregorianische Kalender wurde dort erst im März 1700 eingeführt.

     

    Daten stimmen nicht

    Folge der Verschiebung: Zu den im „Theatrum Europaeum“ angegebenen Daten müssen, so Andreas Biebricher, zehn Tage dazugerechnet werden. Für Koblenz bedeutet dies: Das verheerende „Bombardement“ begann nicht vor dem 4/5. November 1688. Dennoch war spätestens Ende August klar, dass die Zeichen auf Krieg standen. Schon damals hatten die französischen Truppen unter Führung von General Bouffler den freien Durchzug durch kurtrierisches Territorium in Richtung Norden gefordert. Eine Bitte war es nicht, denn als das Ersuchen bei Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck eintraf, waren die Franzosen schon unterwegs. Der Landesherr bat deshalb den Landgrafen Karl von Hessen-Kassel um Hilfe, der nach Beratungen mit seinem Schwager, dem Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg (der sich am 18. Januar 1701 in Königsberg selbst zum preußischen König krönen sollte), zwei Regimenter zusagte. Ein Hilfsgesuch ging auch an den kaiserlichen Gesandten bei den rheinischen Kurstaaten, Dominik Andreas Graf von Kaunitz. Doch am Ende musste sich der Kurfürst ausgerechnet auf die protestantische Unterstützung und seine eigenen, bereits im Sommer deutlich verstärkten Regimenter verlassen. Zu dieser Zeit hatten sich die Bürger bereits auf den bevorstehenden Krieg vorbereitet. So wurde über die Zünfte die Brandbekämpfung organisiert. Und wer geeignet war, sollte selbst zu den Waffen greifen.

    Groß waren die Belastungen für die Hauseigentümer: Sie mussten zunächst die katholischen Soldaten aufnehmen und beköstigen, währen die protestantischen Truppen zunächst noch vor der Stadt lagerten. Am 2. November spitzte sich die Lage zu, hektisch wurden marode Gebäude, Hecken und störende Wände beseitigt. Auch wurden sämtliche Obstbäume vor der Stadt abgeholzt. Und auch militärisch war man gut gerüstet. Bereits Ende Oktober standen 5000 Soldaten zur Verteidigung der neu befestigten Stadt bereit. Dazu gehörten auch Dragoner, die durch gezielte Ausfälle den Feind schwächen konnte. Der hatte sein Hauptlager oberhalb der Karthause und bei Güls aufgeschlagen.

     

    Lützel völlig zerstört

    Hauptschauplatz des französischen Angriffs sollte jedoch Lützel werden, das schon in den ersten beiden Tagen der Belagerung vollständig zerstört worden war. Von dort aus beschossen die Franzosen die Stadt Tag und Nacht. Der Kurfürst weilte zu dieser Zeit geschützt auf dem Oberen Ehrenbreitstein und schaute auf seine Hauptstadt, die durch insgesamt 10 000 Geschosse in Schutt und Asche gelegt wurde.

    Da aber die Verteidiger massiv zurückschossen und die Angreifer durch Ausfälle bedrängten, brachen die Franzosen ihre Belagerung schließlich ab. Und obwohl 1000 seiner Soldaten gefallen sein sollen, schickte General Bouffler am 11. November an den Kriegsminister Marquis Louvois eine Nachricht und verkündete seine große Freude über den „succes extraordinaire” (außerordentlichen Erfolg). Aus dem Brief geht hervor, dass die Geschosse den größeren Teil der Stadt verbrannten. Angeblich waren zu diesem Zeitpunkt keine 20 Häuser mehr bewohnbar. In Paris gab man sich zufrieden. Der König soll die Meldung von der erheblichen Zerstörungen mit großem Vergnügen zur Kenntnis genommen haben.

    Eine detaillierte Bilanz der Zerstörungen gibt uns eine zeitgenössische Bestandsaufnahme. Abgesehen von der Hauptwache und der Liebfrauenkirche enthält diese Liste jedoch keine Angaben über Beschädigungen der öffentlichen Gebäude. Auch die Häuser der geistlichen Einrichtungen, die Adelshöfe und die anderen Kirchen der Stadt sind nicht aufgeführt. In Koblenz geht man meistens davon aus, dass sich in der Zeit vor der französischen Beschießung rund 300 Häuser in der Stadt befunden haben. Die Zerstörungsrate würde somit 81 Prozent betragen. Diese Annahme ist jedoch falsch. Zwar sind im Merian-Stich neben Repräsentationsbauten und Kirchen rund 300 Häuser eingezeichnet, doch ist die Darstellung alles andere als genau. Der tatsächliche Bestand dürfte doppelt so hoch gewesen sein, zumal die städtischen Schadenslisten das Eigentum der geistlichen Korporationen nicht berücksichtigen.

     

    Mittelalterliche Straßen und Gassen wurden neu ausgebaut

    Auch wenn es heute kaum noch möglich ist, den tatsächlichen Zerstörungsgrad zu ermitteln, müssen die Folgen für Koblenz erheblich gewesen sein – und zwar so, dass die Mitglieder des Rates über Maßnahmen des Stadtumbaus berieten. Mit dem reinen Wiederaufbau bestehender Gebäude war es offenbar nicht getan. Und so kam es, das spätestens im frühen 18. Jahrhundert Straßen verändert und Baufluchten neu geordnet wurden.

     

    Gravierende Einschnitte

    Die gravierenden Einschnitte im Stadtbild sind zum Beispiel am südlichen Ende der Gemüsegasse und in der Straße „An der Liebfrauenkirche” zu beobachten. Dort wurden Fassaden zurückversetzt, um die Fahrbahnen zu verbreitern. Die Keller behielten aber ihre ursprünglichen Dimensionen, sodass sie bis auf den heutigen Tag in den Straßenraum hineinragen.

    Dieses einfache, relativ preiswerte Verfahren wurde offenbar in allen zerstörten Breichen der Altstadt praktiziert, denn im April und Mai 1689 überlegten die Mitglieder des Stadtrates, wie „die hiesige Stattstraßen bequemblicher ein Zurich seyen“. Priorität hatte dabei offenbar die zentrale Nord-Süd-Achse, die aus der alten Römerstraße entstanden war.

    Dr. Adam Günther wies bereits in den 1930er-Jahren auf der östlichen Seite der an einigen Stellen unterkellerten Marktstraße Veränderungen der Trassenführung nach. Die Schwerpunkte lagen im Bereich der Häuser Marktstraße 2, 4, 10 und 12. Dort legten die Bauhandwerker die Fassaden – der neuen Straßenflucht entspre- chend – zurück, wobei die älteren Kellerräume beibehalten wurden. Übrigens: Auch der Keller des neu aufgebauten (und um 1900 komplett ersetzten) Mehrparteienhauses Münzstraße 2–4 ragt über den heutigen Fassadenverlauf hinaus. Die Veränderungen in der Marktstraße und in der Münzstraße (der einstigen Judengasse) führten dazu, dass die alte Nord-Süd-Achse nicht mehr übergangslos durchlief. Seit dem Wiederaufbau sind beide Straßen leicht versetzt. Noch gravierender waren die Veränderungen in der nahe gelegenen Mehlgasse, die ursprünglich nicht gerade vom Florinsmarkt zur Liebfrauenkirche durchlief, sondern auf Höhe des heutigen Etzegässchens einen Knick machte und in die Gemüsegasse (die frühere Schildergasse) mündete. Dieser Straßenverlauf ist bereits in einer Urkunde von 1363 erwähnt, in der von einer Stelle die Rede ist „da meelgasse und Schildergasse [...] zu samen stoeßent“. Diese Angabe stimmt übrigens genau mit den ersten Stadtplänen des späten 17. Jahrhunderts überein, in denen dieser Straßenverlauf eingetragen ist.

    Spuren der „alten Mehlgasse“ wurden 1988 im Rahmen von Tiefbauarbeiten freigelegt. Bei den begleitenden archäologischen Untersuchungen stellte sich heraus, dass die Keller der Häuser Mehlgasse 14 und 16 sehr weit in den heutigen Straßenraum hineinragten. Das einst über diesen Kellern stehende Gebäude war wohl eines der 24 Bürgerhäuser der Mehlgasse, die bei der Beschießung vom Herbst 1688 zerstört wurden. Beim Wiederaufbau nutzte die Stadt die Gelegenheit, eine neue Verbindung zur Liebfrauenkirche und dem davor gelegenen Friedhof zu schaffen. Dagegen scheint die Straßenführung des Etzegässchens unverändert geblieben zu sein, denn dort gibt es keine überstehenden Keller. Auch an anderen Stellen lassen sich diese Veränderungen nachweisen. Das stellten Koblenzer Archäologen bereits 1985 im Laufe der Sanierungsarbeiten am Eckhaus Florinsmarkt 14/Mehlgasse 22 fest. Der Befund war äußerst kompliziert. Entdeckten die Wissenschaftler doch ein ganzes Kellersystem, dessen Geschichte weit in das Mittelalter zurückreicht. Eines fiel jedoch sofort auf: Die Ausrichtung der Keller passte nicht zum heutigen Straßenverlauf, die Fundamente waren leicht abgeschrägt, sodass sich die Flucht genau bis zum Etzegässchen verlängern ließ.

     

    Wenn Quellen „sprechen“

    Der Neubau der Mehlgasse kann auch mithilfe der Ratsprotokolle rekonstruiert werden. Demnach war die Neugestaltung im September 1708 bereits weit vorangeschritten, die Pflasterarbeiten liefen bereits. Die Rückverlegung von Fassaden lässt sich bereits auf Mai 1699 datieren. Damals bat der Bürger Peter Bender den Stadtrat, ihm ein hinter dem elterlichen Wohnplatz gelegenes städtisches Grundstück als Ausgleich für den bei der Straßenverbreiterung erlittenen Raumverlust unentgeltlich zu überlassen. Solche Hinweise gibt es in den Protokollen reichlich: Die Stadt wollte über einen Grundstückstausch Entschädigungsleistungen aus dem Weg gehen – und nach Möglichkeit sogar verdienen.

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