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    Reinhard Kallenbach

    Koblenz - Ein Kaiser zwischen allen Stühlen, ein kriegslüsterner König und ein kluger Erzbischof: Das sind die Hauptakteure einer großen Zusammenkunft, die im September 1338 in Koblenz über die Bühne gehen sollte. Rund 17 000 Menschen sollen sich damals in der eher kleinen Stadt an Rhein und Mosel zusammengefunden haben, die neben einer strategisch günstigen Lage genau die baulichen Rahmenbedingungen zu bieten hatte, die für die Durchführung eines Hoftages erforderlich waren.

    Die Ecke Kornpfortstraße/Kastorgasse und die alte Kornpforte im Jahr 1897: Die Aufnahme des Hoffotografen Otto Kilger zeigt, wie eng das Gasthaus „Zum Deutschen Kaiser“ noch am Ende des 19. Jahrhunderts mit den angrenzenden Bauten verbunden war. Obwohl die alte Bausubstanz im östlichen Abschnitt der mittelalterlichen Stadterweiterung gerade in preußischer Zeit gravierend verändert worden war, vermittelt sie doch einen Eindruck der früheren Zeiten. Und auch der „Deutsche Kaiser“, der landläufig in die Zeit um 1520 datiert wird, ist im Kern deutlich älter und reicht in das 14. und 15. Jahrhundert zurück.
    Die Ecke Kornpfortstraße/Kastorgasse und die alte Kornpforte im Jahr 1897: Die Aufnahme des Hoffotografen Otto Kilger zeigt, wie eng das Gasthaus „Zum Deutschen Kaiser“ noch am Ende des 19. Jahrhunderts mit den angrenzenden Bauten verbunden war. Obwohl die alte Bausubstanz im östlichen Abschnitt der mittelalterlichen Stadterweiterung gerade in preußischer Zeit gravierend verändert worden war, vermittelt sie doch einen Eindruck der früheren Zeiten. Und auch der „Deutsche Kaiser“, der landläufig in die Zeit um 1520 datiert wird, ist im Kern deutlich älter und reicht in das 14. und 15. Jahrhundert zurück.
    Foto: Stadtarchiv Koblenz

    Koblenz. Ein Kaiser zwischen allen Stühlen, ein kriegslüsterner König und ein kluger Erzbischof: Das sind die Hauptakteure einer großen Zusammenkunft, die im September 1338 in Koblenz über die Bühne gehen sollte. Rund 17 000 Menschen sollen sich damals in der eher kleinen Stadt an Rhein und Mosel zusammengefunden haben, die neben einer strategisch günstigen Lage genau die baulichen Rahmenbedingungen zu bieten hatte, die für die Durchführung eines Hoftages erforderlich waren.

    Eigentlich war die freie Reichsstadt Sinzig für das Treffen vorgesehen, doch waren die Kapazitäten in Koblenz größer, sodass der Hoftag kurzerhand verlegt wurde. Ungewöhnlich war das nicht. Die Zusammenkünfte, zu denen Könige und Kaiser wichtige Persönlichkeiten in unregelmäßigen Abständen einluden, konnten sowohl in Bischofs- als auch in Königsstädten stattfinden. Die Versammlungen waren Vorläufer der fest konzipierten Reichstage, die sich im Zuge der Reformen des späten 15. Jahrhunderts unter Kaiser Maximilian I. etablieren sollten.

    Worum ging es in Koblenz? Die Antwort ist vielschichtig. Denn nicht nur Kaiser Ludwig der Bayer hatte Gründe, wichtige Gefolgsleute einzuladen. Auch der englische König Edward III. wollte die Chance nutzen, in Koblenz um Unterstützung für einen Feldzug gegen Frankreich zu werben, weil er auch im Nachbarland den Thron für sich beanspruchte. Dass Edward damit eine Serie von Konflikten heraufbeschwören sollte, die heute unter dem Begriff „Hundertjähriger Krieg“ zusammengefasst werden, ahnte damals niemand. Aber auch Ludwig der Bayer hatte gute Gründe, um Grafen, Herzöge und den hohen Klerus auf sich einzuschwören. Denn der Kaiser war nicht unumstritten und brauchte eine Konstruktion von europäischer Tragweite, um seinen universellen Machtanspruch zu festigen. Damit wollte er sich eindeutig über das Papsttum stellen. 

    Konflikt mit dem Papst

    Erst seit dem Sieg über den ebenfalls zum König gewählten Habsburger Friedrich den Schönen in der „letzten Ritterschlacht ohne Feuerwaffen“ bei Mühldorf (Bayern) am 28. September 1322 saß Ludwig einigermaßen sicher im Sattel. Den Segen von Johannes XXII. hatte er nicht. Auch dieser Papst wollte keine starke weltliche Herrschaft, der Konflikt eskalierte. Ludwig, der vom Papst noch nicht einmal als König anerkannt worden war, ließ sich 1328 kurzerhand vom römischen Stadtvolk zum Kaiser wählen und setzte als Gegenpapst den Franziskanermönch Nikolaus V. ein, der bis 1330 von Avignon aus regieren sollte.

    Mit diesem Schritt machte Kaiser Ludwig eine Spaltung – ein sogenanntes Schisma – möglich. Auch nach der Überwindung dieses Bruchs unter den nachfolgenden „regulären“ Päpsten Benedikt XII. und Clemens VI. sollte Ludwigs Verhältnis zum Heiligen Stuhl bis zu seinem Lebensende vergiftet sein. Ludwig, der aus dem Geschlecht der Wittelsbacher stammte, machte sich keinerlei Illusionen. Er strebte deshalb Reformen an. Sein Ziel: Die Königswahl, mit der automatisch die Wahl zum Kaiser verbunden war, sollte auch ohne päpstliche Bestätigung gültig sein. Hinter diesem Gedanken standen auch viele Große des Reiches. Denn die Herrscher im Reich waren stets aus Wahlen hervorgegangen. Zumindest auf dem Papier war das deutsche Königtum nie eine Erbmonarchie – auch wenn es den Habsburgern später gelingen sollte, diese Idee gründlich zu unterlaufen. 

    Trügerische Geschlossenheit

    Doch im Sommer 1338 lagen die Dinge noch anders. Die wahlberechtigten Fürsten, die in der Goldenen Bulle von 1356 endgültig als Kurfürsten legitimiert werden sollten, stellten sich im Juli geschlossen hinter Ludwig – unter ihnen auch Erzbischof Balduin von Luxemburg, der zu diesem Zeitpunkt keine Chance sah, einen Verwandten aus dem eigenen Haus zum mächtigen Gegengewicht auszubauen. Erst als 1346 mit Karl IV. ein Großneffe für den Königsthron bereitstand, wechselte Balduin die Seite.

    Der Trierer Erzbischof hatte sich bereits früh auf die Seite Ludwigs gestellt, weil sein erst 17-jähriger Neffe Johann von Luxemburg, ein Sohn Kaiser Heinrichs VII., wegen fehlender Erfolgsaussichten auf die Königswahl verzichten musste. Balduin verstand es, sein Territorium durch Verwaltungs- und Finanzreformen zu modernisieren und Widersacher auszuschalten. Der Hoftag in Koblenz kam Balduin sicherlich nicht ungelegen. Er konnte sich den Großen des Reichs als guter Gastgeber und loyaler Gefolgsmann präsentieren. 

    Der Kurverein zu Rhense

    Doch in Koblenz ging es um mehr als um Repräsentation. Vor allem sollte aus dem, was wenige Wochen zuvor im Kurverein zu Rhense formuliert worden war, Rechtspraxis werden. Eigentlich wollte Ludwig zu diesem Zeitpunkt weiter sein. Bereits für August hatte er zu einer Zusammenkunft in Frankfurt geladen. Doch weil zu wenige Fürsten erschienen waren, um eine starke Allianz gegen das Papsttum zu schmieden, musste schließlich in Koblenz verhandelt werden. In diesen möglichen Bund sollte auch der englische König eingebunden werden. 

    Bündnis mit England

    Und so gab es nicht nur für Eduard gute Gründe, an den Rhein zu reisen. Auch Kaiser Ludwig wollte das Inselreich an sich binden. Krone und Machtanspruch Eduards wurden bestätigt. Dem Engländer wurde sogar das Reichsvikariat angetragen. Im Falle des Todes des Kaisers hätte er die Regierungsgewalt so lange übernehmen können, bis ein Nachfolger gewählt war.

    Im Gegenzug musste Eduard anerkennen, dass der Kaiser über allen anderen Monarchen stand. Das dürfte ihm recht einfach gefallen sein, denn das Kaisertum war zu diesem Zeitpunkt längst nur eine Idee, die im aufstrebenden England keine Rolle mehr spielte. Die Zeit der Nationalstaaten war längst angebrochen, das Reich als loser Verbund von Territorien und Stämmen wirkte schon fast wie ein Anachronismus. Bezeichnenderweise sollte das Bündnis zwischen Ludwig und Edward nur bis 1341 halten. Da weder Geld noch militärische Hilfe kam, arrangierte sich Karl vorübergehend mit dem französischen König Philipp VI. Der Pakt von Koblenz war somit Geschichte. Dennoch sollte der Hoftag für einen Wendepunkt in der deutschen und europäischen Geschichte stehen. Leitete er doch das Ende der Schicksalsgemeinschaft von Papst und König ein. Auch wenn sich Karl V. 1530 als letzter deutscher König vom Papst krönen ließ, stehen der Kurverein zu Rhense und der Koblenzer Hoftag für einen Neuanfang. 

    Rücksichtslose Politik

    Ludwig scheiterte letztlich an seiner eigenen Machtgier. Auch wenn seine Initiativen für die damalige Zeit hochmodern waren, schaffte er sich wegen seiner rücksichtslosen Hausmachtpolitik viele Feinde. 1346 wurde er abgesetzt. Am 11. Oktober starb er völlig isoliert und mit dem Kirchenbann belegt in Puch bei Fürstenfeldbruck. Den Koblenzern war das wahrscheinlich gleichgültig. Sie lebten ständig in der Angst vor dem „Schwarzen Tod“, der zwischen 1347 und 1353 ein Drittel der Europäer auslöschte.

    Nach dem Tod Balduins (1354) sollte Koblenz im Kurstaat weiter eine wichtige Rolle spielen. Die Basilika St. Kastor wurde sogar eine wichtige Begräbniskirche der Erzbischöfe. So fanden dort Kuno von Falkenstein (1388) und Werner von Falkenstein (1418) ihre letzte Ruhe. Das zeigt: Koblenz war als Hauptstadt des Niedererzstiftes ein wichtiges regionales Zentrum geworden. Dennoch flammten die Konflikte mit der Obrigkeit immer wieder auf. So etwa am 9. Mai 1430, als Bürger mit dem neuen Erzbischof Raban von Helmstadt aneinandergerieten, der wegen der ausufernden Gewalt auf den Ehrenbreitstein fliehen musste. Schon mit dem Vorgänger Otto von Ziegenhain waren sie aneinandergeraten. Die Gründe: landesherrliche Baumaßnahmen zur militärischen Sicherung, an denen die Bürger beteiligt werden sollten. 

    Und noch ein Reichstag

    Die enge Integration von Koblenz in das Kurtrierische Territorium im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts sollte schließlich dazu führen, dass die Stadt keine Bühne der großen Politik mehr war. Allerdings rückte sie im Zuge der Reformen des Habsburgers Maximilians I. kurz noch einmal in den Mittelpunkt: Für September 1492 wurde in Koblenz ein Reichstag eingesetzt. Und wieder stand ein möglicher Konflikt mit Frankreich auf der Tagesordnung. Erneut war eine englische Delegation zugegen. Denn für die Engländer war der Hundertjährige Krieg 1453 noch nicht zu Ende – auch weil es nie einen Friedensschluss gegeben hatte. Und so kam es, dass Engländer in den Jahren 1474, 1488 und 1492 in Frankreich einfielen. Und jetzt brauchten sie Geld. Vom Reich erhofften sie Hilfe, weil auch der Kaiser Gründe hatte, skeptisch nach Frankreich zu schauen. Denn das Herzogtum Burgund galt nicht unbedingt als sicher – obwohl Maximilian mit der Erbherzogin Maria verheiratet war. Dennoch erreichte die Delegation Heinrichs VII. von England in Koblenz wenig. Der Zuschuss des Reichs war eher symbolisch, weil die Reichsstände mit Sitz und Stimme im Reichstag ein größeres Engagement verweigerten.

    Die Ereignisse von Koblenz zeigen: Eine neue Zeit war angebrochen. Das Reich sollte zentrale Einrichtungen haben, die das fragile Gefüge zusammenhalten sollten. Die Macht der Fürsten blieb jedoch ungebrochen.

    Jahre des Umbruchs

    1337 Beginn des sogenannten Hundertjährigen Krieges, der bis 1453 dauern soll. Kriegsgrund sind vor allem die Ansprüche der englischen Krone auf den französischen Thron. König Eduard III. von England sucht auch in den deutschen Staaten Verbündete, was seine Anwesenheit beim Koblenzer Hoftag von 1338 erklärt. 1340 fallen die Engländer schließlich in Frankreich ein. Hintergrund des Konfliktes: Die Geschicke Frankreichs und Englands sind seit der Normannenzeit eng miteinander verbunden.

    1338 In der Nachbarstadt Rhens wird deutsche Geschichte geschrieben. Der Kurverein zu Rhense legt fest, dass eine Königswahl keiner päpstlichen Bestätigung mehr bedarf. Weitere Details der Königswahl werden in der berühmten „Goldenen Bulle“ von 1356 festgelegt, die gern als erste deutsche Verfassung bewertet wird. Seitdem ist amtlich: Die Könige werden in Frankfurt durch die Kurfürsten gewählt und in Aachen gekrönt. Sie sind zugleich erwählte römische Kaiser, wobei der Titel erst seit 1508 offiziell geführt wird. Das „Reichsgrundgesetz“ stärkt vor allem die Kurfürstentümer, die quasi voll ausgebildete Staaten werden.

    1348 In Prag wird die erste deutsche Universität gegründet. Damit nimmt eine Entwicklung schnell deutliche Konturen an, die mit der Krönung von Karl IV. (1346) eingeleitet worden war. Die Schwerpunkte des Reichs verlagern sich nach Osten, Karl macht Böhmen zu seinem Kernland.

    1378 Tod Karls des IV. Seine Söhne Sigismund und Wenzel teilen sich die Herrschaft. Beide sind aber zu schwach. Fürsten, Ritter und Städtebünde sind die wahren Herrscher im Reich.

    1400 Ruprecht von der Pfalz wird am Rhenser Königsstuhl (heute ein „Neubau“ aus dem Jahr 1842) zum König erhoben. Auch Ruprecht agiert in seiner zehnjährigen Amtszeit glücklos und kann das alte Ansehen der Krone nicht wiederherstellen.

    1414 König Sigismund, der 1410 zum König gewählt worden war, hält sich fast vier Wochen in Koblenz auf. Am 5. November des gleichen Jahres beginnt das Konzil von Konstanz, das erst im April 1418 zu Ende gehen sollte. Ein trauriger Höhepunkt: die Verurteilung und Verbrennung des böhmischen Reformators Jan Hus am 6. Juli 1415.

    1430 Der Philosoph Nikolaus von Kues (1401–1464) ist Stiftsherr im Koblenz Stift St. Florin. Der Universalgelehrte sollte eine glanzvolle kirchliche Karriere machen. Unter anderem wurde er Fürstbischof von Brixen (Südtirol) und Kardinal.

    1486 Noch zu Lebzeiten seines Vaters Friedrich III. wird Maximilian am 9. April in Aachen zum König gekrönt. Am 26. Juni halten sich Vater und Sohn in Koblenz auf.

    1492 Im September findet in Koblenz ein Reichstag statt. Und wie bereits 1338 ist eine englische Delegation mit dabei, um Stimmung gegen Frankreich zu machen. Die Hoffnung auf eine hohe finanzielle Unterstützung durch das Reich und seine Fürsten erfüllten sich nicht. 

    1495 Reichstag zu Worms und Verkündung des Ewigen Landfriedens. Das Fehdewesen wird beseitigt, das Reichskammergericht entsteht. Maximilian (seit 1508 Kaiser) herrscht unangefochten bis zu seinem Tod im Jahr 1519, der in die Anfänge der Reformationszeit fällt.

     

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