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Oberwesel

Zeitzeugin zu Gast an Schule: Esther Bejarano überlebte die Naziverbrechen

Die Schüler der Video AG der Heuss-Adenauer Mittelrhein-Realschule plus haben zusammen mit ihrem Lehrer Marcel Griesang die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano zu einem Interview getroffen.

Die Schüler waren tief beeindruckt von Esther Bejarano, deren Familie von den Nazis ermordet wurde. Erschreckend: Bejarano und ihr Mann wurden in Deutschland noch in der jüngsten Vergangenheit wegen ihrer jüdischen Herkunft angefeindet. Die alte Dame spricht über ihr Schicksal, damit so etwas nie wieder passiert. Fotos: Realschule plus
Die Schüler waren tief beeindruckt von Esther Bejarano, deren Familie von den Nazis ermordet wurde. Erschreckend: Bejarano und ihr Mann wurden in Deutschland noch in der jüngsten Vergangenheit wegen ihrer jüdischen Herkunft angefeindet. Die alte Dame spricht über ihr Schicksal, damit so etwas nie wieder passiert. Fotos: Realschule plus
Foto: Realschule plus

Ihre Schulfreunde kehrten Esther Bejarano den Rücken

Bejarano berichtete den Schülern von ihrem schier unglaublichen Martyrium während der Nazizeit, das sie unter anderem in das Vernichtungslager Auschwitz und das ebenfalls gefürchtete Frauenlager nach Ravensbrück bei Berlin führte. Zu Beginn des rund zweistündigen Gesprächs erzählte die alte Dame den Schülern auf deren Nachfrage von ihrer weitestgehend unbeschwerten Jugend bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Ab diesem Zeitpunkt wendeten sich Mitschüler von ihr ab, und eine schleichende Ausgrenzung aus dem alltäglichen Leben wurde spürbar. So entdeckte sie in Parks Schilder, die den jüdischen Bürgern das Benutzen der Bänke verboten oder aber auch den Besuch von öffentlichen Einrichtungen untersagten. Außerdem war auch der Einkauf in vielen Geschäften nicht mehr erwünscht. Bejarano und ihre Familie fielen zumindest teilweise unter den Paragraphen der sogenannten Mischlinge, da ihr Vater einen nicht jüdischen Großelternteil besaß. Jedoch erfuhren sie auch schon früh die gleiche Ausgrenzung wie der Rest ihrer Leidensgenossen. Auf ihre alte Schule konnte Bejarano irgendwann nicht mehr gehen, da für Juden ein Besuch auf öffentlichen Schulen untersagt wurde. Von ihren früheren Freunden wurde sie oftmals gehänselt und man ließ sie die vom neuen Staat gewollte Ausgrenzung täglich spüren.

Die Familie war mittlerweile aus Saarlouis weggezogen, wo Esther auch geboren wurde, und sie besuchte das jüdische Landschulheim Herrlingen bei Ulm. In der Reichspogromnacht 1938 musste sie miterleben, wie ihr Vater von der SA abgeholt und eingesperrt wurde. In Ulm musste sie mit ansehen, wie jüdische Bürger um einen Brunnen laufen mussten und dabei von SA-Männern geschlagen wurden. Wie in vielen anderen deutschen Städten wurde auch hier die Synagoge niedergebrannt.

Für ihren Vater, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, der in vielen jüdischen Gemeinden als Kantor gearbeitet und auch in Opern mitgesungen hatte, stand jedoch fest, dass er in seiner Heimat bleiben wollte. Er war entschlossen, sich von den Nationalsozialisten nicht verdrängen zu lassen, und hoffte insgeheim darauf, dass ihr Terror über kurz oder lang enden würde. Seinen vier Kindern jedoch versuchte er ein baldiges Entkommen zu ermöglichen. So schaffte es Bejaranos Bruder bereits 1938 nach Amerika und ihre Schwester nach Palästina. Während die jüngere Schwester bei den Eltern blieb, versuchte auch Bejarano über die Vorbereitung auf ländliche Arbeit im Landwerk Neuendorf ihre Ausreise vorzubereiten. Der Kriegsausbruch mit dem Überfall auf Polen im Jahr 1939 verhinderte dies jedoch. Bejarano besuchte die Schule bis 1941 weiter, bis die Nazis aus ihr ein Internierungslager machten und damit ein Entkommen unmöglich machten. Der Plan ihrer „Endlösung der Judenfrage“, den sie am 20. Januar 1942 auf der Wannseekonferenz in Berlin finalisieren sollten, nahm so langsam Konturen an. Bejarano musste von nun an in einem Blumengeschäft arbeiten. Mit ihrer Familie hatte sie jetzt schon keinen Kontakt mehr. Erst nach dem Krieg erfuhr sie, wie es ihnen ergangen war.

Esther Bejaranos Memoiren sind im Buchhandel erhältlich.
Esther Bejaranos Memoiren sind im Buchhandel erhältlich.
Foto: realschule plus

1943 wurde Bejarano von Berlin aus mit einem Sammeltransport ins Lager Auschwitz-Birkenau in Polen deportiert. Schon auf der Fahrt dorthin starben viele der in die Viehwaggons eingepferchten Menschen an Erschöpfung. Die Erleichterung war daher groß, als der Zug irgendwann in Auschwitz ankam. An der berüchtigten Rampe wurden sie von Männern in Zivil empfangen. Der Ton ihnen gegenüber war, so berichtet Bejarano, durchaus nett. Sie wiesen auf seitlich von der Rampe stehende Lkw hin, die dort von den älteren und kränkelnden Zuginsassen zum Transport genutzt werden sollten. Esther wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass man auf diese Weise die nicht mehr arbeitsfähigen Menschen aussortieren wollte und sie auf direktem Wege zu den Gaskammern brachte.

Esther, die von ihren Freunden aufgrund ihrer geringen Körpergröße bis heute nur Krümel gerufen wird, entschied sich, den Weg zum Stammlager zu Fuß anzutreten. In dem Moment, in dem sie und die anderen Frauen – von den Männern waren sie schon an der Rampe getrennt worden – das Lagertor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ durchquert hatten, wurden sie von SS-Frauen und Männern mit Schlägen und dem Ausspruch: „Jetzt werden wir euch Saujuden mal zum Arbeiten bringen“, empfangen. Sie wurden in den sogenannten Duschraum gebracht, um sich zu entkleiden. Besonders bedrückend für die Frauen war dabei, dass die SS-Männer ihnen beim Ausziehen zusahen und sich köstlich amüsierten. Anschließend wurde ihnen jegliche Körperbehaarung abgeschoren, bis einige bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren. In einem nächsten Raum wurden sie geduscht.

Das Leben im Lager war unvorstellbar. Die Menschen mussten hungern und auf Holzpritschen schlafen, und tagsüber sinnlose Arbeiten verrichten, die sie zermürben sollten. So mussten die Lagerinsassen Steine von einer Seite eines Ackers zur anderen tragen und am nächsten Tag wieder zurückschleppen.

Irgendwann hörte Bejarano, dass eine polnische Musiklehrerin mit der Gründung eines Mädchenorchesters für Auschwitz-Birkenau beauftragt wurde. Sie war schon immer sehr musikalisch gewesen konnte Klavier und Flöte spielen. Sie entschloss sich zum Vorspielen für das Orchester zu gehen. Auf die Frage, welches Instrument sie denn spielen könne, erwiderte sie die von ihr beherrschten Instrumente. Man teilte ihr zu ihrer anfänglichen Enttäuschung jedoch mit, dass kein Klavier vorhanden sei und auch die Flöte nicht mehr besetzt werden müsse. Jedoch habe man ein Akkordeon. Die Frage, ob sie dieses auch spielen könne, bejahte Esther in ihrer Not, denn eine Rückkehr zum Arbeitskommando wäre ihr sicherer Tod gewesen. Mit der Bemerkung, dass sie schon einige Jahre nicht mehr gespielt habe und sich daher zum kurzen Üben vor dem Vorspielen noch einmal zurückziehen wolle, machte sich Esther nun daran einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu finden. Hierbei kam ihr jedoch ihr musikalisches Verständnis zu gute. Den einen Teil der Tasten kannte sie vom Klavier und die Knöpfe auf der anderen, die für die Akkorde stehen, konnte sie sich durch Ausprobieren ebenfalls herleiten. Nach kurzem Üben schaffte sie es die Musiklehrerein von ihrem Nutzen für das Orchester zu überzeugen. Von nun an war sie Teil des Auschwitzer-Mädchenorchesters.

Ihre Aufgabe war es, bei der Ankunft der Züge an der Rampe Musik zu machen, damit sich die Menschen ohne Vorahnung und mögliche Gegenwehr in ihr Schicksal ergaben. Nach einer schweren Typhuserkrankung kam Bejarano 1944 ins Frauenlager nach Ravensbrück. Dort wurde sie in den Siemenswerken zur Produktion von Schaltern für U-Boote eingesetzt. Mit Herannahen der russischen Armee wurde dann der Befehl zur Auflösung des Lagers gegeben. Zusammen mit allen noch verbliebenen Insassen musste sich Esther auf einen der sogenannten Todesmärsche begeben. Noch nicht einmal auf diesem zeigten die Nazischergen Erbarmen. So wurde jede Frau, die nicht mehr Schritt halten konnte, erschossen und am Wegesrand liegen gelassen. Eines Tages hörte Esther zusammen mit den anderen Frauen ihrer Gruppe, wie einer der SS-Männer zum anderen sagte, dass nicht mehr geschossen werden dürfe. Dies war für Esther ein klares Zeichen dafür, dass das Kriegsende und die damit einhergehende Befreiung kurz bevorstand. So entschlossen sie sich dazu, im nächsten Waldstück eine nach der anderen wegzulaufen. Wenige Tage später wurden sie von amerikanischen Soldaten aufgegriffen und damit befreit.

Für Esther stand fest, dass sie ihre Familie sobald wie möglich wieder treffen wollte. Da sie nicht wusste, wo ihre Eltern und die jüngste Schwester geblieben waren, entschloss sie sich dazu, zu ihrer älteren Schwester nach Palästina zu gehen. Im Kibbuz Buchenwald bei Fulda, das ein Vorbereitungslager für die Ausreise nach Palästina war, erhielt sie die nötigen Unterlagen. In Palästina lernte sie später ihren Mann kennen und bekam zwei Kinder. Das Schicksal ihrer Familie klärte sich erst vor einigen Jahren. Ihre Eltern wurden in einem KZ in Polen ermordet. Eine Schwester starb in Auschwitz. Bejarano hat diese Verluste nie verkraftet.

Lange nach dem Krieg gingen die Anfeindungen weiter

Auch später noch, als sie nach Deutschland zurückgekehrt waren, wurden Bejarano und ihr Mann in Deutschland mehrfach mit Antisemitismus konfrontiert. In ihrem ersten Wohnort Uetersen in Schleswig-Holstein wurde das Paar stark angefeindet, als sich im Dorf die Nachricht verbreitet hatte, dass der Besitzer der lokalen Disco ein Jude war. Man schickte ihm sogar Schlägertrupps vorbei, die für „Ordnung“ sorgen sollten.

Bejaranos Entschluss, über ihr Schicksal zu sprechen, fiel aufgrund von diversen rechten Anfeindungen, die sie noch lange Zeit nach Ende des Dritten Reichs ertragen musste. So war es der alten Dame eine Herzensangelegenheit, mit den Oberweseler Schülern ins Gespräch zu kommen,. Alle beim Gespräch anwesenden Schüler waren zutiefst von dieser starken Persönlichkeit angetan und dankbar für ihre Ausführungen. Man war sich einig, dass man mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in der Zukunft alles dafür tun wird, dass sich ein solches Geschehen nicht mehr wiederholen kann.

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