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Simmern

Vorleseabend im Café Friends: Flüchtlinge erzählen erschütternde Geschichten

„Wie lange dauert es noch, bis die Taliban meine Familie entdeckt und sie abgeholt werden?“, lautet die bange Frage von Ali (Name von der Redaktion geändert), der als afghanischer Flüchtling im Hunsrück gestrandet ist und große Angst um Leben und Gesundheit seiner Frau und seiner Kinder hat. Neun Personen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und Äthiopien haben ihre Fluchtgeschichten aufgeschrieben und jetzt Auszüge davon während eines Vorleseabends im Café Friends dem Publikum präsentiert.

Reiner Engelmann hat die Geschichten der Flüchtlinge aufgeschrieben. Sie wurden nun im Café Friends in Simmern vorgestellt.  Foto: Werner Dupuis
Reiner Engelmann hat die Geschichten der Flüchtlinge aufgeschrieben. Sie wurden nun im Café Friends in Simmern vorgestellt.
Foto: Werner Dupuis

Initiiert vom Kulturbüro Rheinland-Pfalz fand ein Workshop statt, in dem die Migranten ihre Geschichten aufschrieben sollten. Ali arbeitete als Dolmetscher für die britische Armee. Als das Gros der britischen Soldaten aus dem Land am Hindukusch abzog, musste er als vermeintlicher Kollaborateur seine Heimat verlassen.

„In Afghanistan ist man nirgendwo sicher. Überall können die Taliban einen finden, besonders seitdem das biometrische System eingeführt wurde“, berichtet er. Bei dieser Methode werden biologischen Merkmale wie Fingerabdruck, Augen, Iris oder Stimme zur Identifizierung verwendet. Ein Scanner liest die biologischen Merkmale eines Benutzers und wandelt die Daten in digitale Informationen um. Kombiniert mit der Ausweisnummer ist der Aufenthaltsort einer registrierten Person leicht feststellbar.

Ali mochte seine Arbeit weil er dachte seinem Land einen Dienst zu erweisen. Anfang 2015 ändert sich die Situation schlagartig. Er erhielt Drohbriefe. Die Engländer versprachen ihm zu helfen. Aber nichts geschah. Er war auf sich selbst angewiesen. Er musste handeln, weil er nicht wollte, dass seine junge Frau als Witwe und seine Kinder als Waisen aufwuchsen. Er entschloss sich zur Flucht nach Deutschland.

Finanziert hat er die Reise ins Ungewisse durch den Verkauf von Grundstücken. Seine Familie musste er schweren Herzens in Afghanistan zurücklassen. Jeden Tag hat er Angst, dass auch ihnen etwas zustoßen könnte. Selbst seine Verwandten trauen sich nicht Frau und Kinder zu unterstützen. Ständig wechseln sie ihren Wohnort, sind selbst in ihrer Heimat ständig auf der Flucht. Über Skype hat er fast täglich Kontakt zu seiner Familie. Wenn er seine Kinder sieht, bricht es jedes Mal fast sein Herz.

Degol und Azeb sind ein Paar aus Eritrea. Wie alle jungen Männer war Degol zum Militärdienst verpflichtet, der Jahre dauern kann. Das bedeute nicht nur einen geringen Sold und wenig frei verfügbare Zeit. Urlaubsanträge werden nur willkürlich genehmigt. Ein geregeltes Familienleben ist unmöglich. Degol entfernte sich unerlaubt von der Truppe. Daraufhin wurde seine Frau festgenommen und gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn in Gefängnis gesperrt.

Als sich das mehrfach wiederholte beschlossen sie ihrer Liebe wegen und der besseren Chancen für den kleine Sohn aus der Heimat zu fliehen. Anfang März verließen sie Eritrea. Sie ahnten nicht, was auf sie zukam. Über den Sudan kamen sie nach Libyen. Dort wurde Degol verhaftet. Die Schleuserbande, der sich die Familie angeschlossen hatte, verlangte von ihm mehr Geld, als ursprünglich für die Überfahrt war. Deshalb musste er illegal arbeiten und ist dabei aufgeflogen. Sieben Monate sollte er im Gefängnis bleiben. Seine Frau und der kleine Sohn machten sich allein auf den Weg nach Europa. Nach einer gefährlichen Passage über das Mittelmeer gelangten beide über Italien und die Schweiz nach Deutschland. Degol folgte. Im Hunsrück traf sich die Familie endlich wieder.

Allen an dem Projekt beteiligten Migranten ist es ganz wichtig Deutsch zu lernen und sich weiter zu bilden. Sie lernen in Sprachkursen und durch private Kontakte. An der Volkshochschule bilden sie sich weiter, absolvieren Kurse zum Erlangen von Schulabschlüssen, suchen Praktika und Ausbildungsplätze.

Gemeinsam mit den Flüchtlingen schrieb der Hunsrücker Autor Reiner Engelmann die Geschichten auf. Engelmann wurde 1952 in Völkenroth geboren und lebt in Schneppenbach. Nach dem Studium der Sozialpädagogik war er im Schuldienst tätig, wo er sich besonders in den Bereichen der Leseförderung, der Gewaltprävention und der Kinder- und Menschenrechtsbildung tätig. Er ist Herausgeber zahlreicher Anthologien zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen. Für Schulklassen und Erwachsene organisiert Engelmann regelmäßig Studienfahrten nach Auschwitz.

Von unserem Reporter Werner Dupuis

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