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Kirchberg

Jetzt mahnen Stolpersteine auch in Kirchberg

Werner Dupuis

Als Symbol wider des Vergessens der Kirchberger Opfer des Naziterrors wurden am Dienstag 22 Stolpersteine vor vier Häusern verlegt. Stolpersteine erinnern an Menschen, die einst dort lebten und in Zeiten des Nationalsozialismus deportiert und meist Opfer des Holocaust wurden.

Einstimmig hatte der Kirchberger Stadtrat im Dezember 2016 der Verlegung von Stolpersteinen zugestimmt und gleichzeitig ein überparteiliches Planungsteam gebildet, an dem neben Mitgliedern des Rats und der politischen Parteien, die Kirchen, die Kooperative Gesamtschule (KGS) und das Jugendzentrum „Am Zug“ einbezogen wurden. 84 Jahre nach Machtergreifung der faschistischen NSDAP wird an alle Opfer des Nationalsozialismus durch das Verlegen dieser Symbole erinnert.

Quadratisch und goldglänzend stechen sie mittlerweile in mehr als 1100 deutschen Städten aus dem Grau der Bürgersteige heraus. In über 20 Ländern sind bisher Stolpersteine von ihrem Schöpfer, dem Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig, verlegt worden. Die Oberseite der 10 mal 10 Zentmeter großen Betonsteine bilden Messingplatten mit den Namen der Opfer. Verlegt wird auf Straßen und Gehwegen, vor deren einstigen Häusern und Wohnungen.

Durch diese besonderen Steine soll die Erinnerung im Alltag präsent bleiben. Demnigs will, dass der Passant regelrecht über die Vergangenheit stolpert. Seine Kunstaktion hat sich zwischenzeitlich zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. Im Rhein-Hunsrück-Kreis gibt es Stolpersteine in Kastellaun, Boppard, Oberwesel, Budenbach, auf Burg Waldeck und jetzt in Kirchberg. Im Rahmen eines Bürgerentscheids wurde deren Verlegung von der Mehrheit der Wahlberechtigten in Gemünden 2016 abgelehnt.

„Kein Opfer soll vergessen werden“, kündigte Kirchberger Stadtbürgermeister Udo Kunz an. Künftig würden noch weitere Stolpersteine verlegt werden. Darüber hinaus sei ein Erinnerungspfad geplant, der an markanten Stellen der Stadt auf die jüdische Vergangenheit aufmerksam machen soll.

„Unsere Generation ist für die Verbrechen der Nazis nicht verantwortlich“, sagte Ernst-Ludwig Klein, Beigeordneter und Sprecher des Planungsteams. „Aber wir sind verantwortlich dafür, dass sie nicht vergessen wird und sich niemals wiederholen darf, weder hier noch anderswo“, so Klein. Die Stolpersteinen und der Pfad der Erinnerung sollen manifestieren, dass Kirchberg sich seiner Vergangenheit stellt. Rund 90 Menschen jüdischen Glaubens lebten Anfang der 1930er-Jahre in Kirchberg. Niemand sei nach 1933 freiwillig weggezogen. Alle Juden hatten vor Beginn des Krieges und der Massendeportationen bereits ihren Heimatort verlassen, niemand sei direkt aus dem Hunsrück deportiert worden, schreibt Christof Pies in einer Publikation, die zur Stolperstein-Verlegung erschienen und im Rathaus erhältlich ist.

Indizien deuten darauf hin, dass weit mehr als die 27 Personen, die auf dem Gedenkstein am Rathaus aufgeführt sind, den Naziterror mit ihrem Leben bezahlt haben. Auch wenn wichtige Akten im Stadtarchiv fehlen, beschloss die AG Stolpersteine und die KGS, alle Lebensgeschichten der von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft betroffenen Personen weiter zu erforschen.

Viele Einwohner, interessierte Gäste und Schüler folgten Gunter Demnig gestern Morgen bei seiner Verlegeaktion durch die Kirchberger Innenstadt. 8 Stolpersteine erinnern zukünftig in der Kappeler Straße Nr. 3 an die Familie Haimann. Aus München war eigens Harry Raymon als direkter Nachkomme und Zeitzeuge angereist. Er ist im Januar 1926 ein Haus weiter als Sohn der jüdischen Kaufmannsfamilie Heymann in der Kappeler Straße 5 geboren. Mit seiner Familie emigrierte er 1936 in die Vereinigten Staaten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er nach Deutschland zurück, wurde Schauspieler, Choreograf und Autor. Seit 1963 lebt er in München. Er gehört zu den wichtigsten lebenden Zeitzeugen, wenn es um Nazizeit und Verfolgung der Juden in seiner Heimatstadt geht. 5 Stolpersteine verlegte Demnig hier.

5 weitere Stolpersteine wurden auf dem Marktplatz Nr. 8 vor dem ehemaligen Haus der Familie Gerson verlegt. Zwei Familienangehörige wurden in Ausschwitz ermordet. Den drei weiteren gelang rechtzeitig die Flucht in die USA.

In der Glöcknergasse 6, wo die 1972 abgerissene Synagoge stand, wurden weitere 5 Gedenksteine für die Familien Gerson und Friedberg verlegt. Vier von ihnen starben nach einem Aufenthalt im Ghetto in Lodz im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno). Ernst Gerson überlebte in de USA.

Nach der Verlegung fand in der KGS-Aula ein von Schülern gestalteter Empfang statt. (Bericht folgt)

Von unserem Reporter Werner Dupuis

Werner Dupuis zur Verlegung der Stolpersteine

Aufforderung zum Vergessen ist abzulehnen

Muss das wirklich sein mit den Stolpersteinen so viele Jahrzehnte nach der Nazizeit und dem Ende des Zweiten Weltkrieg, lautet immer wieder die Frage, die ich zum Beispiel am Montag beim Besuch eines Kirchberger Supermarktes zu hören bekam. Formuliert wurde sie nicht von einem dumpfen Neonazi, sondern von einem wohl situierten Bürger aus der Mitte der Gesellschaft. Angesichts des unbeschreiblichen Elends und Leids, den der Naziterror über Europa und die Welt brachte und der Millionen Menschen – vom Säugling bis zum Greis – verrecken ließ, ist diese Aufforderung zum Vergessen und Verdrängen mit aller Vehemenz abzulehnen.

Deshalb sind symbolische Aktionen wie das Verlegen der Stolpersteine in Kirchberg unverzichtbar, als Stück gelebter Erinnerungskultur, die uns auf Schritt und Tritt begleiten. Besonders in der aktuellen politischen Situation, in der nationalistisches Gedankengut wieder salonfähig wird, und Politiker, die am rechten Rand auf Stimmenfang gehen, europaweit erfolgreich sind, müssen demokratische und humanistische Ideale gepflegt werden. Sie sind die Basis unserer freiheitlichen Gesellschaft. Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten. Die Stolpersteine sind ein Beitrag dazu.

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