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Rhein-Hunsrück

Integration im Rhein-Hunsrück-Kreis: Berufliche Orientierung als Zukunftschance

Morgens wird gebüffelt, nachmittags geschraubt, gehämmert oder geschweißt im EBZ, dem Evangelischen Bildungszentrum Schmiedel nahe Ohlweiler. Seit 11. September bekommen dort Flüchtlinge ab 18 Jahre die Möglichkeit, einen Abschluss in Verbindung mit beruflicher Orientierung (ABO) zu erlangen.

Nachmittags geht es für Yohannes (links) und Mohamud in die Schreinerwerkstatt, wo sie den fachpraktischen Teil des Projekts ABO, dem Abschluss in Verbindung mit beruflicher Orientierung für Flüchtlinge ab 18 Jahren, am EBZ nahe Ohlweiler absolvieren.  Fotos: Charlotte Krämer-Schick
Nachmittags geht es für Yohannes (links) und Mohamud in die Schreinerwerkstatt, wo sie den fachpraktischen Teil des Projekts ABO, dem Abschluss in Verbindung mit beruflicher Orientierung für Flüchtlinge ab 18 Jahren, am EBZ nahe Ohlweiler absolvieren. Fotos: Charlotte Krämer-Schick
Foto: Charlotte Kräme

Aus der Not heraus entstand das Projekt, denn ursprünglich sollten 13 Asylbewerber ab dem laufenden Schuljahr die Berufsreife an der Berufsbildenden Schule Simmern (BBS) erreichen. Dort waren sie bereits angemeldet, doch das Bildungsministerium änderte kurzerhand die Zugangsbestimmungen. Schüler, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, seien nun auf die Integrationsangebote der Arbeitsagentur zu verweisen, hieß es. Die jungen Männer wurden also „ausgeschult“, erklärt Berthold Breit, Leiter des EBZ. Mitte August kamen er und Ute Friedrich, Leiterin der Volkshochschule Hunsrück (VHS), auf die Idee, für diese jungen Männer ein Projekt auf die Beine zu stellen. Keine vier Wochen später starteten bereits 18 Flüchtlinge mit ihrer Ausbildung am EBZ. Finanziert wird diese aus Eigenmitteln der EBZ, der VHS und aus Landesmitteln. Zudem fließen großzügige Spendengelder des Rotary Clubs Simmern in die Finanzierung ein, die Restfinanzierung der Projektkosten übernimmt der Rhein-Hunsrück-Kreis. Landrat Marlon Bröhr sicherte spontan seine Hilfe zu und befürwortete einen vorzeitigen Maßnahmenbeginn.

Hoch motiviert sitzen die jungen Männer aus den verschiedensten Nationen im Unterrichtsraum des EBZ, während Wolfgang Herbst erklärt, was eigentlich dahinter steckt, wenn die Deutschen bei der Bundestagswahl ihr Kreuzchen machen. An diesem Morgen steht Sozialkunde auf dem Lehrplan, Stimmzettel werden analysiert und aus dem Grundgesetz gelesen. Wählen dürfen sie dann auch mal. Mit der deutschen Sprache klappt es bereits richtig gut bei den meisten der 18 Schüler. Herbst, der lange Jahre als Rektor die Berufsbildende Schule in Simmern leitete, arbeitet nun, in seinem Ruhestand, als Honorarkraft für die Volkshochschule. Ihm zur Seite steht Ingo Noack, ebenfalls Pensionär und ehemaliger Konrektor der Paul-Schneider-Realschule in Sohren. „Die beiden sind das Geheimnis, warum der Unterricht so gut klappt“, sagt Ute Friedrich, „durch ihre Art kriegen sie die Jungs einfach.“ Sie holen sie da ab, wo sie sind, sagt Friedrich, und motivieren sie, zu lernen. Das sei auch der Grund für die gute Abschlussquote, wenn es darum geht, den Schulabschluss zu bekommen. Harte Regeln haben beide Lehrkräfte, sagt Noack, der sich mit den Problemen der Integration nur zu gut auskennt. Als die vielen Russlanddeutschen in den Hunsrück kamen, war er der Aussiedlerbeauftragte seiner Schule. „Da muss man sehr individuell arbeiten“, sagt Noack. Die verschiedenen Nationen hätten etwa unterschiedliche Arten zu rechnen, einer könne gut deutsch, der andere besser Mathe. „Diese Vielfalt muss man zulassen“, sagt der Lehrer.

Am Vormittag drücken die 18 Flüchtlinge die Schulbank. Wolfgang Herbst (links) unterrichtet die jungen Männer in Deutsch, Physik und Sozialkunde.
Am Vormittag drücken die 18 Flüchtlinge die Schulbank. Wolfgang Herbst (links) unterrichtet die jungen Männer in Deutsch, Physik und Sozialkunde.
Foto: Charlotte Kräme

Nach der Mittagspause geht es für die jungen Männer in die Lehrwerkstätten des EBZ, wo sie mit Jugendlichen zusammenarbeiten, die dort ihre Lehre oder eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme absolvieren. Die ersten Monate wechseln sie noch zwischen Schreinerei, Metall-, Malerwerkstatt und Küche, zum Jahreswechsel hin sollten sie sich für eine Richtung entscheiden. Anas Alkhalefa allerdings weiß schon genau, was er will. Er will Altenpfleger werden und nimmt daher am Nachmittag nicht am fachpraktischen Teil des Projekts teil. Stattdessen arbeitet er während dieser Zeit im Altenheim.

„Es ist jetzt schon interessant zu sehen, wie sich die Jungs entwickeln“, sagt Berthold Breit. Er habe sich anfangs ganz schön von Klischees leiten lassen, sagt der Leiter des EBZ und wundert sich etwa, dass sich mittlerweile fünf der Schüler für den Bereich Küche und Haushalt entschieden haben. Dass sich die Schüler durch das Projekt beruflich orientieren können und auch im Unterricht berufliche Fachkenntnis erlangen, darin sieht Landrat Marlon Bröhr eine große Chance für die Integration der jungen Männer. Der Landrat lobt das große Engagement des EBZ und der Volkshochschule, aber auch das der beiden Lehrer Noack und Herbst sowie seines Mitarbeiters Fredi Berg, Fachbereichsleiter Soziale Hilfen in allgemeinen Notlagen in der Kreisverwaltung. „Wenn die jungen Männer nach zwei bis drei Jahren einen Ausbildungsplatz gefunden haben, wird auch die gesellschaftliche Akzeptanz da sein“, ist Bröhr sicher. Denn alles, was zur Selbständigkeit führe, führe auch zu Anerkennung, sagt er. Die Geflüchteten in die Lage zu versetzen, sich selbst zu versorgen, darin sieht Bröhr den größten Schritt zur Integration.

Von unserer Reporterin Charlotte Krämer-Schick

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