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    Kastellaun

    In Trümmern spielte er Musik der Hoffnung: Pianist Aeham Ahmad kommt nach Kastellaun

    Leipzig, Wien, Kassel, Gent, Neapel – die Liste seiner Auftrittsorte ist ebenso lang wie international. Am kommenden Samstag, 18. November, reiht sich Kastellaun in diese Liste ein. Denn dann spielt Aeham Ahmad, bekannt geworden als der „Pianist aus den Trümmern“, ein Benefizkonzert zugunsten der Syrienhilfe Vorderhunsrück in der Aula der Integrierten Gesamtschule (IGS). Zudem wird an diesem Abend die Hunsrücker Gruppe Misch-Masch auf der Bühne stehen.

    Ein Bild, das um die Welt ging: Sein altes Klavier lud Aeham Ahmad auf einen Rollwagen und spielte in den Ruinen seines Viertels, um den Menschen Hoffnung zu geben.
    Ein Bild, das um die Welt ging: Sein altes Klavier lud Aeham Ahmad auf einen Rollwagen und spielte in den Ruinen seines Viertels, um den Menschen Hoffnung zu geben.
    Foto: Niraz Saied

    Auch wenn der 29-Jährige mittlerweile die großen Konzertsäle Europas füllt, sind es doch die kleinen, intimeren Auftritte, die ihm am meisten Freude bereiten. „Ich hatte nie den Traum, berühmter Konzertpianist zu werden“, sagt Ahmad. Viel wichtiger sei ihm der unmittelbare Kontakt zu seinen Zuhörern. Dass im Auditorium auch geflüchtete Landsleute aus Syrien Platz nehmen können, darauf legt er besonderen Wert. „Wenn es nicht möglich ist, dass mindestens zehn, lieber 20 geflüchtete Syrer meine Konzerte kostenfrei besuchen können, dann spiele ich nicht“, sagt er. Denn er will Deutsche und Syrer zusammenbringen. Er will, dass sie sich begegnen, miteinander ins Gespräch kommen. Und er hofft, dass dadurch Gräben zugeschüttet werden, die nach wie vor zwischen Deutschen und Geflüchteten, zwischen Christen und Muslimen bestehen.

    Seit zwei Jahren lebt Ahmad in Deutschland und seither geht es steil bergauf mit seiner Karriere, nicht nur als Musiker. Nach seinem Debütalbum „Yarmouk“ ist im Oktober die CD „Keys to Friendship“ erschienen, die er gemeinsam mit dem Kasseler Pianisten Edgar Knecht und dessen Trio eingespielt hat. Dabei treffen 100 Jahre alte syrische auf deutsche Volkslieder, die als zeitlose Jazzbearbeitungen große Wirkung entfalten. Zudem hat der Frankfurter Fischer-Verlag Anfang Oktober Ahmads Autobiografie unter dem Titel „Und die Vögel werden singen – Ich, der Pianist aus den Trümmern“ veröffentlicht. Nun schließen sich den zahllosen Konzertterminen auch noch Lesungen an.

    „Bilder erzählen nie einen Anfang. Und sie verschweigen, was nach ihnen kommt. So auch jenes Foto von mir, auf dem ich am Klavier sitze und singe, inmitten der Ruinen meines Viertels. Zeitungen in aller Welt haben es gedruckt. Bis heute höre ich raunend sagen, dass es eines jener Fotos sei, die man vom syrischen Krieg erinnern werde. Weil es größer als der Krieg sei.“ So beginnt Ahmads Geschichte, seine Geschichte von Krieg und Flucht, von Widerstand und Zuversicht. Mitten in die Bombenkrater seines Viertels Yarmouk, einem Stadtteil von Damaskus, schob Ahmad damals sein Klavier, und spielte und sang gegen Hunger und Terror an. Kinderlieder, Jazz, Beethoven und Mozart, eigene Kompositionen und Volkslieder erklangen in den Trümmern der Stadt und ließen die Menschen für ein paar wenige Minuten Leid und Elend vergessen. „Das war meine Art der Revolution“, sagt Ahmad heute, ein Aufbäumen gegen den Terror. Seine Freunde nahmen ein Video ihres „Pianisten aus den Trümmern“ auf, das schnell zum viralen Hit wurde und Ahmad in der ganzen Welt berühmt machte. Bis die Terrormiliz IS sein Klavier in Brand steckte. „Musik sei verboten, sagten sie mir, sie sei unrein“, erzählt Ahmad und schimpft: „Das sind ungebildete Menschen!“

    Der damals 27-Jährige sieht nur einen Ausweg, die Flucht. Nach zwei Monaten erreichte er über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute im September 2015 München. Ein Jahr später konnten seine Frau und seine beiden kleinen Söhne nach Deutschland nachkommen. Sie auf der Flucht mitzunehmen, kam für den jungen Familienvater nicht infrage. „Ich wollte lieber nur mich selbst in Lebensgefahr bringen“, sagt er.

    Heute ist er besonders stolz darauf, dass er seinen Lebensunterhalt in Deutschland von Anfang an mit der Musik bestreiten konnte. „Ich kann arbeiten, ich kann alles zahlen und ich brauche kein Geld vom Jobcenter“, erzählt Ahmad. Außerdem sei er völlig frei in der Entscheidung darüber, was er tut, sagt er zufrieden. Und wenn er dabei auch noch vermitteln kann zwischen Christen und Muslimen, zwischen Deutschen und Geflüchteten, dann ist das mehr, als er sich je hätte erträumen lassen.

    Das Konzert mit Aeham Ahmad und der Gruppe Misch-Masch in der Aula der IGS Kastellaun am Samstag, 18. November, beginnt um 20 Uhr, Einlass ist um 19.30 Uhr. Die Karten kosten 12 Euro, Schüler und Studenten zahlen 7 Euro, und sind erhältlich beim Kulturverein Kukuk unter Telefon 06762/5877, bei der Tourist-Info unter Telefon 06762/ 401698, in der Buchhandlung Müller unter Telefon 06762/969900 und unter www.kukuk-kastellaun.de

    Von unserer Reporterin Charlotte Krämer-Schick

    Aeham Ahmad: Mit Videos aus den Trümmern Damaskus' wurde der Pianist weltberühmt

    Aeham Ahmad, geboren 1988 in Damaskus, gehört der palästinensischen Minderheit in Syrien an. Seit seinem fünften Lebensjahr spielte er Klavier, in Damaskus und Homs studierte er Musik. International bekannt wurden Ahmads Auftritte mit einem verstimmten transportablen Klavier in den im Bürgerkrieg verwüsteten Straßen seines Stadtviertels Yarmouk.

    2015 floh Ahmad über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland, heute lebt er mit seiner Frau und zwei Söhnen in Wiesbaden und gibt zahlreiche Konzerte. 2015 wurde ihm der erste Internationale Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden und Freiheit verliehen. Zudem erhielten Ahmad und Edgar Knecht, mit dem er Anfang Oktober die CD „Keys to Friendship“ veröffentlichte, vergangene Woche den Creole-Festival-Preis, einen Bundeswettbewerb für globale Musik. ces

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