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    Bacharach

    In Bacharach landen drei Jahrhunderte im Glas: Altweinprobe wird zu historischem Erlebnis

    Jungweinproben sind dieser Tage beliebt. So sehr dabei für den Jahrgang 2015 geschwärmt wird, erlaubt doch erst der Blick in die weinbauliche Historie die wahren Schwelgereien. Eine Altweinprobe des Bacharacher Winzers Rolf Heidrich entführte nicht nur die Bacharacher Weinzunft und fachkundige Experten, sondern vor allem auch die Sinne in die große Vergangenheit.

    Probe mit einzigartiger Erlebnisgarantie: Rolf Heidrich (vordere Reihe, Mitte) und seine Frau Inge luden befreundete Winzer und Mitglieder der Bacharacher Weinzunft zu einer außergewöhnlichen Verkostung ein und entführten ihre Gäste auf diese Weise sogar bis ins 19. Jahrhundert zurück.
    Probe mit einzigartiger Erlebnisgarantie: Rolf Heidrich (vordere Reihe, Mitte) und seine Frau Inge luden befreundete Winzer und Mitglieder der Bacharacher Weinzunft zu einer außergewöhnlichen Verkostung ein und entführten ihre Gäste auf diese Weise sogar bis ins 19. Jahrhundert zurück.
    Foto: Volker Boch

    Von unserem Chefreporter Volker Boch

    Wenn Teilnehmer zum Start in einer Weinprobe eine Liste erhalten, auf der all das steht, was sie probieren können, sorgt dies immer wieder für Zungenschnalzer. Die Liste aber, die Rolf Heidrich an diesem Abend in seiner Wirtsstube an die rings um den großen Tisch gereihten Freunde, Kollegen und Mitstreiter für das Gute im Glas verteilt, ist etwas ganz Besonderes. 21 Weine hat der Bacharacher Winzer und Brenner in eine Reihenfolge gebracht, die für das ein oder andere Aha-Erlebnis sorgen wird. Lange hat Heidrich darüber nachgedacht, wie er eine solche historische Probe gestalten soll, mit wem und vor allem: wie.

    Hinter den Weinen dieser Liste steht kein Jahrgang - das soll die Runde selbst erschmecken. Es ist eben nicht immer der gleiche Jahrgang wie bei einer Jungweinprobe. Heidrich hat als langjähriger Sammler eine ganze Reihe Weine liebevoll umsorgt und behutsam eingelagert, um einen solchen Abend zu organisieren. Der Begriff "Raritäten" ist dabei eine höfliche Untertreibung. Der Titel "Weinprobe über drei Jahrhunderte aus der Schatzkammer von Rolf Heidrich" spricht bereits Bände. Aber der Reihe nach.

    Um die seit mehr als 50 Jahren bestehende Partnerschaft zwischen Bacharach und Santenay in Burgund zu würdigen, beginnt Rolf Heidrich den Abend mit Burgundern aus der Partnerregion. Es sind Weine, die darlegen, welche Tiefe gerade Spätburgunder haben können - und welches Vergehen es sein kann, diese zu früh zu trinken. Es gibt schließlich eine zweite, tiefere Ebene des Genusses und Erlebens, die sich beim Wein oft erst nach Jahren erschließt. So ist der Eröffner dieses Abends ein Santenay Spätburgunder Corton Grand Cru aus dem Haus Mestre, mit dem die Familie Heidrich freundschaftlich verbunden ist. Es wird im weiteren Verlauf noch so manche Anekdote geben, die mit dem Mittelrhein, aber auch mit Burgund zu tun hat. So erzählt Heidrich unter anderem, dass er vor zwei Jahren mit einem Freund als Lesehelfer in Santenay mit dabei war. "Da musst du dich ständig bücken", sagt er lachend, denn die flachen Parzellen haben im Vergleich zu den mittelrheinischen Steillagen ganz andere Tücken. "Dann musst du dir beim nächsten Mal eben einen Stuhl mitnehmen", gibt Helmut Mades aus der Runde lachend zurück, als Heidrich von den Leseerlebnissen berichtet.

    Youngtimer aus dem Jahr 1983

    Es gibt viel zu schmunzeln bei dieser Probe, die mit Santenay beginnt. Der erste Wein des Abends würde - wäre er ein Automobil - fast als Youngtimer durchgehen, Baujahr 1983. Es ist der jüngste Rotwein der Verkostung, die bei den Roten weiter in die Jahre 1976, 1975, 1971 und dann in die Extraklasse entführt: Aus dem Jahr 1959 kommen zwei der roten Stars, einmal aus Santenay und einmal aus Bad Hönningen. Letzterer Wein ist ein Schloß Arenfelser Berg Spätburgunder Natur des Weinguts Schloß-Arenfels. Es ist ein Genuss mit Sternchen. Wer bis dato dachte, dass sich Mittelrhein-Rotweine nicht zum jahrzehntelangen Reifen eignen, sieht sich arg getäuscht. Über das Jahr 1947 im Burgund geht es zum Abschluss der roten Köstlichkeiten nach Spanien: Ein Rotwein der ehemals in Steeg ansässigen Weinhandlung Mall und Prass aus dem Jahr 1936 erinnert an einen Portwein und hat acht Jahrzehnte lang vielleicht auf genau diesen Moment gewartet.

    "Schon mein Vater hat alte Weine gesammelt", sagt Rolf Heidrich, der in der Runde immer wieder für Erstaunen sorgt. Auch wenn mehr als ein halbes Dutzend Bacharacher Winzerklasse am Tisch sitzt, hat keiner bislang eine ähnliche Probe erlebt. Es passt zu den historischen Wurzeln der auf das Jahr 1328 zurückgehenden Bacharacher Weinzunft, dass Heidrich in diesem Rahmen eingeladen hat. Außerdem geht es jetzt an die Rieslinge, und damit kennen sie sich in Bacharach eben ganz hervorragend aus. Von einer noch sehr frischen und jugendlichen 2011er Spätlese feinherb Jacob 1505 führt Heidrich seine Gäste zu einigen herausragenden Weinen, die von seiner Familie im Laufe der Jahre und Jahrzehnte in die Flasche gebracht worden sind. Der fünf Jahre alte Wein ist dabei nur der Einstieg in ein Reifekarussell, dass sich bald immer schneller dreht. Über die Paradejahre 2003 und 1999 geht es bald durch die verschiedensten Lagen und alle Jahrzehnte bis zum Zweiten Weltkrieg.

    Winzer halten Jahrgänge problemlos auseinander

    Wie gut die Winzer heute noch einschätzen können, welcher Wein aus welchem Jahr ist, verdeutlicht der Genuss einer Beerenauslese aus dem Bacharacher Hahn: Rolf Heidrich erklärt, dass es ein Wein aus dem Hause Toni Jost ist - und der, der ihn einst gemacht hat, Peter Jost, sitzt am Tisch. Er riecht, probiert und sagt direkt, dass es sich hierbei um das Jahr 1989 handelt, das er zu kosten bekommen hat. "Das war ein extremes Jahr", fügt er lachend hinzu. Es gab jede Menge Beerenauslese und Trockenbeerenauslese. "So etwas haben wir seither nicht mehr erlebt."

    Grandioser Sprung durch die Jahrzehnte rheinischer Rieslingkunst: Edelsüße Bacharacher Weine aus den Jahren 1989 und 1964 wirkten im Vergleich zum strahlenden 1893er Riesling aus der Toplage Marcobrunn im Rheingau geradezu jugendlich.
    Grandioser Sprung durch die Jahrzehnte rheinischer Rieslingkunst: Edelsüße Bacharacher Weine aus den Jahren 1989 und 1964 wirkten im Vergleich zum strahlenden 1893er Riesling aus der Toplage Marcobrunn im Rheingau geradezu jugendlich.
    Foto: Volker Boch

    Prägnant in Erinnerung ist auch das Jahr 1976, das bei dieser Probe nicht fehlen darf. Heidrich will seine Kollegen allerdings etwas testen und spielt zwei verschiedene Weine aus dem gleichen Jahr in die Liste ein, die einmal rechts des Rheins und einmal links des Flusses auf unterschiedlichen Böden gewachsen sind. In einem Fall ist der Restzucker ausgeprägter, im anderen Fall gibt eine bemerkenswerte Säure dem Riesling ein festes Rückgrat. Es sind Weine, die jahrzehntelang schmecken.

    Dramaturgisch perfekt vorbereitet sind die fünf finalen Weine dieser absolut einzigartigen Probe. Aus dem ehemaligen Weingut Altes Haus in Bacharach hat Heidrich eine Spätlese Natur aus dem Jahr 1967 vom Siegellack befreit, die sich dank ihrer feinen Säure als frisch und präsent erweist. Es ist sozusagen der Einstieg in eine unvergessliche Schlussrunde, in der zwei grandiose Bacharacher Wolfshöhle-Auslesen folgen, aus den Jahren 1964 und 1959. Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden für solche Weine, die einen Hauch von der Idee vermitteln, was hinter dem Begriff "Ewigkeit" stecken könnte. Gerade 1959 zeigt sich als Jahrgang zum Schwärmen.

    Entführung ins 19. Jahrhundert

    Spätestens bei den beiden letzten Weinen dieses Abends legt sich eine Art Schatten über die Runde. Es ist pure Ehrfurcht, die den vorletzten Wein aus dem Kröver Engelberg im Glas schwenken lässt, einen Riesling aus dem Jahr 1949. Die Flasche hat etwas Kork, wenngleich dennoch deutlich wird, welche Substanz noch immer in diesem Riesling steckt, der, es ist schwer nachzuvollziehen, fast 70 Jahre alt ist. Umso erfüllender gestaltet sich der Abschluss, es ist nach dem Ausflug an die Mosel eine Einkehr im Rheingau, in der herausragenden Lage Marcobrunn, westlich von Erbach gelegen.

    Es ist ein Riesling aus der ehemaligen Weinhandlung Jacob Hütwohl in Steeg. So steht es auf der Liste, und jeder im Raum weiß, was das bedeutet. Denn die Weinhandlung ist seit vielen Jahrzehnten Geschichte, es muss sich also um einen wirklich sehr alten Wein handeln. Der Marcobrunner wird bald darauf enthüllt, er ist aus dem um die Jahrhundertwende gefeierten Jahrgang 1893 - und ein unfassbares Erlebnis. Grandios seine Fülle, stabil sein Gerüst, ein wirklicher Genuss. Keiner in der Runde hat je zuvor einen so alten Riesling probiert, der einen Moment zum Innehalten erfordert und eigentlich auch ein Anlass ist, um sich zu kneifen: Kann dieser Wein wirklich so alt sein?

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