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    Gegen Zirkus Belly-Wien in Simmern regt sich Protest – [Update mit Videos] Wir waren vor Ort

    Verletzungen und Entzündungen am Körper eines Kamels, ein am Kopf von beiden Seiten angebundenes Pferd und offenbar verhaltensauffällige Elefanten - das sind Bilder und Videos, die derzeit auf Facebook kursieren. Aufgenommen hat sie Jule Konrad, die den Zirkus Belly-Wien, der noch bis Sonntag in Simmern gastiert, am Freitag besucht hat. Auch wir haben uns am Samstagmittag ein Bild vor Ort gemacht.

    "Die Tiere werden unter extrem schlechten Bedingungen gehalten", schreibt die 19-Jährige in ihrer Veröffentlichung auf Facebook. "In viel zu kleinen Gehegen" seien sie "der Hitze ausgesetzt", die Pferde vegetierten vor sich hin, kritisiert Konrad. 

    Mit dem Post möchte die Kümbdchenerin dazu aufrufen, das Halten von Tieren zur reinen Unterhaltung von Menschen nicht zu unterstützen.  Damit findet sie viele Unterstützer im Netz. Noch keine 24 Stunden sind ihre Fotos und Videos im Internet zu sehen, doch bereits mehr als 500 Personen haben auf ihren Eintrag reagiert, knapp 700 Menschen haben ihn auf ihrer eigenen Chronik geteilt.

    [Update, Samstag, 16.30 Uhr] In seinem Wohnwagen dösend überraschen wir Roman Zinnecker, Direktor des Zirkus Belly-Wien. Doch ganz überraschend für ihn kommt unser Besuch dann doch nicht. Auch er hat den Eintrag auf Facebook bereits gesehen und ärgert sich maßlos. "Unsere Tiere sind unser Kapital", sagt Zinnecker, "warum sollten wir sie schlecht behandeln?"

    Seit fast 50 Jahren reisen die drei Elefantendamen mit dem Zirkus durch das Land. "Alle sind bei uns aufgewachsen", erzählt der Direktor. Gekauft hat sie seine Familie damals in einem Waisenhaus für Elefanten. Die Elefantenbabys nach der Aufzucht im Waisenhaus wieder auszuwildern, war damals unmöglich. "Die sind an Menschen gewöhnt und könnten in der Wildnis schlichtweg nicht überleben", macht Zinnecker deutlich.

    Ein Besuch im Zelt, in dem die drei Elefantendamen untergebracht sind, zeigt deutlich, wie zutraulich sie sind. Als Zinnecker ins Zelt kommt, freuen sie sichtlich über seinen Besuch und fangen sofort an zu betteln."Dann sind sie richtig ungeduldig", schmunzelt der Direktor und öffnet den Zaun. Neugierig begutachten sie die Eimer, die am Eingang des Zelts stehen und versuchen, sich das Brot zu stibitzen. Doch Zinnecker kommt ihnen zuvor und jede der drei bekommt eine Scheibe Brot nach der anderen ins Maul gesteckt.

    "Wenn wir unseren Zirkus auf einem Platz am Rande der Stadt stehen haben, gehen wir auch mit ihnen spazieren oder baden, wenn ein See in der Nähe ist", erzählt er. Dabei folgen ihm zwei der Damen auf Schritt und Tritt. Zinnecker zeigt auf das angebliche Abszess, das auf einem der Fotos auf Facebook zu sehen ist. "Das ist eine Warze", erklärt Zinnecker, "die hat sie schon ihr Leben lang. Warum sollte ich ihr eine Operation antun, um das Ding entfernen zu lassen?" Das wäre ihm der Schönheit Willen ein zu großer Eingriff für die alte Elefantendame.

    Jule Konrad erzählt bei einem Gespräch mit unserer Zeitung, sie habe Peitschenhiebe im Elefantenzelt gehört. Damit konfrontiert entgegnet Zinnecker: "Ja, wir haben eine Peitsche. Aber eine Peitsche ist nicht zum Peitschen da. Sie ist nur verlängerter Arm, um die Tiere zu dirigieren." Die kommt, wie in vielen Freizeitställen auch üblich, bei Pferden zum Einsatz.

    Die Pferde, die der Zirkus dabeihat, stehen in Boxen mit Freigehege. Angebundene Tiere sind nicht zu sehen. "Vorgeschrieben sind Boxengrößen von mindestens neun Quadratmetern Größe", weiß Zinnecker. Seine Pferde jedoch haben weitaus mehr Platz. "Etwa 18 Quadratmeter Platz hat bei uns jedes Pferd." Eine Dreiviertelstunde vor Vorstellungsbeginn werden die Pferde dann doch angebunden. "Zum Putzen und Fertigmachen für ihren Auftritt", erklärt Zinnecker, "wie es bei jedem Pferdebesitzer vor dem Reiten üblich ist." Auch sonst machen die Pferde einen guten Eindruck. Sie sind gut genährt und gepflegt. "Das hat uns auch die Tierärztin vom Veterinäramt bestätigt", sagt der Zirkusdirektor, denn eine Kontrolle durch das Kreisveterinäramt ist obligatorisch, wenn ein Zirkus Halt macht.

    Beim Besuch der Kamelherde weiß Zinnecker genau, welche Verletzung auf dem Foto in Facebook zu sehen ist. Zielstrebig geht er zu einem Kamel, das gemütlich auf dem Boden liegt und zeigt auf die Wunde. "Dass Tiere sich gegenseitig mal verletzen, ist nichts Ungewöhnliches", erklärt der Direktor, "zumal wir in unserer Kamelherde einen Hengst dabeihaben. Der beißt die weiblichen Tiere mal ganz gerne, damit sie sich niederknien", schmunzelt er. Männergehabe eben.

    Dass sich der Zirkus oft mit Anfeindungen konfrontiert sieht, ist Zinnecker bereits gewohnt. "Ganz ehrlich, manchmal habe ich überhaupt keine Lust mehr, darüber zu sprechen." Dass in der Nacht von Freitag auf Samstag auch in Simmern Tierschützer Eier auf die Wagen und Lkws des Zirkus' geworfen haben, lässt den Zirkusdirektor fast kalt. "Außerdem haben sie das Elefantenhaus mit Ketchup beschmiert." Plakate mit Beschimpfungen wurden geklebt, "Tierquäler" war auf einigen Wagen zu lesen.

    Interessierte Tierfreunde können den Zirkus jederzeit besuchen.

     "Die Leute, die sowas machen, sind für mich keine Tierschützer", sagt Zinnecker sauer. Denn auch er ist der Meinung: "Tierschutz muss sein." Und er setzt sich für seine Tiere ein. Davon kann sich jeder jederzeit selbst überzeugen. Der Platz ist nie abgeschlossen; Interessierte sind immer herzlich willkommen.

     An Futter und Wasser mangelt es den Tieren in Simmern jedenfalls nicht, in ihren Gehegen können sie sich frei bewegen. Auch Angst vor Menschen war keine spürbar. "Die müssten sie ja eigentlich haben, wenn wir sie so quälen würden, oder?" resümiert Zinnecker.

    Am Sonntag nach der Vorstellung in Simmern geht die Reise für den Zirkus weiter, nach Euskirchen. "Wir haben dort heute schon ein Zelt für die Elefanten und das Zeltdach für die Kamele aufgebaut", erzählt der Direktor. So können die Tiere nach der Fahrt sofort in ihr neues Domizil einziehen. Die Pferdeboxen, die jetzt noch in Simmern stehen, sind gleichzeitig auch ihre Transportboxen. Sie müssen für den Transport nicht extra verladen werden.

    Von unserer Reporterin Charlotte Krämer-Schick

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