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Boppard

Die Sache mit den 26 Stufen: Bopparder Bahnhof wird erst 2019 barrierefrei

Seit vielen Jahren ist bekannt, dass Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte, die auf Gleis 2/3 am Hauptbahnhof Boppard ankommen, auf Hilfe angewiesen sind. Eine gestrandete Rollstuhlfahrerin ist daher für Einheimische leider nichts Neues. Trotzdem sorgt die Geschichte der Touristin, die vor einigen Tagen drei Stunden lang auf dem Bahnsteig ausharren musste, mal wieder für Kopfschütteln in der Bevölkerung.

Längere Lebenszeit, Unternehmungslust auch im höheren Alter, allgemeine Fortschritte in der Medizin: Immer mehr Menschen bewegen sich mit Rollator oder Rollstuhl durch den Alltag und gehen auf Reisen. Mit ihrem Handicap fahren sie Auto, Bus und benutzen die Bahn – sofern sie die Bahnsteige erreichen...

Gähnende Leere herrschte am Dienstagmittag auf den drei Behindertenparkplätze auf dem Park-and-Ride-Parkplatz der Deutschen Bahn in der Säuerlingstraße in Boppard. Das ist nicht unüblich und absolut nachvollziehbar, denn das Reisen für Behinderte ab und nach Boppard ist schwierig, so lange kein Aufzug zwischen Bahngleis und Unterführung eingebaut ist. Das soll sich ändern.

Die Politik hat den Hauptbahnhof Boppard seit vielen Jahren im Visier. Der barrierefreie Ausbau und die Modernisierung sind auf den Weg gebracht. Der Stadtrat Boppard hatte dazu bereits im November 2015 grünes Licht gegeben.

Boppard ist durch den Wandertourismus, die Rheinschifffahrt und die mittelalterliche Burgenlandschaft bei Urlaubern sehr beliebt. Stetig steigen die Übernachtungszahlen.

Die Bahnstrecke am linken Rheinufer wird stark frequentiert und gehört zu den meistbefahrenen Strecken in Deutschland.

2014 wurden in Boppard rund 1500 Ein- und Aussteiger pro Tag am Hauptbahnhof gezählt, darunter viele Berufspendler und Schüler, die täglich die Bahn nutzen, um Richtung Koblenz oder Mainz zu fahren. Rund 83 Züge halten täglich in Boppard. Hinzu kommt der ein oder andere touristische Sonderzug, der an den Mittelrhein reist.

Einstimmig bei zwei Enthaltungen favorisierte der Rat die Variante 2b der Vorentwurfsplanung der DB Station & Service, Regionalbereich Mitte, aus Frankfurt. „An der Sachlage hat sich bislang nichts verändert“, sagt Boppards Bürgermeister Walter Bersch, der regelmäßig mit der Deutschen Bahn im Dialog steht.

Wer schon einmal mit der Bahn nach oder ab Boppard verreist ist, kennt das Dilemma:

Rollstuhlfahrer können ab oder bis Boppard mit dem Zug nicht reisen, es sei denn sie kämen aus Richtung Mainz und wollten nicht dorthin zurück. Denn lediglich auf Gleis 1 besteht die Möglichkeit, am nördlichen Ende des Bahnsteigs das Bahngelände barrierefrei zu verlassen. Danach ist allerdings größte Vorsicht geboten. Die viel befahrene Bundesstraße 9 müssen Rollstuhlfahrer am Zebrastreifen im Bereich Koblenzer Straße überqueren, um das Bopparder Stadtzentrum zu erreichen.

Auf Bahnsteig 2/3 lauern auf An- und Abreisende grundsätzlich lange Treppen, die irgendwie erklommen werden müssen, immerhin 26 Stufen. Das fällt auch nicht leicht, wenn man mit Kinderwagen, größeren Koffern, Fahrrad oder Rollator unterwegs ist.

Endstation Treppenanlage: Egal ob auf Gleis 1, 2 oder 3, die Treppenanlagen sind gleich – und steil. Aus diesem Grund hat der Stadtrat Anfang November 2015 einen Beschluss zur Modernisierung des Hauptbahnhofes in Boppard gefasst. In 2019 sollen Aufzüge am Hauptbahnhof Boppard Gehbehinderten den Weg frei machen zum Bahnfahren.
Endstation Treppenanlage: Egal ob auf Gleis 1, 2 oder 3, die Treppenanlagen sind gleich – und steil. Aus diesem Grund hat der Stadtrat Anfang November 2015 einen Beschluss zur Modernisierung des Hauptbahnhofes in Boppard gefasst. In 2019 sollen Aufzüge am Hauptbahnhof Boppard Gehbehinderten den Weg frei machen zum Bahnfahren.

Nur durch den Einbau von zwei Aufzügen könnte der Bopparder Hauptbahnhof barrierefrei erschlossen werden.

Im Herbst 2019 könnte das Problem behoben sein

Wer allerdings glaubte, dass die Baumaßnahme schnell über die Bühne geht, hat sich getäuscht. Mehr als zweieinhalb Jahre Vorlaufzeit benötigt das Großprojekt seitens der Deutschen Bahn. Als frühester Baubeginn ist nun der März 2019 vorgesehen. Die Inbetriebnahme soll im September 2019 erfolgen. Vorher müssen laut Sascha Otten, DB-Arbeitsgebietsleiter Baumanagement, etliche wichtige Schritte erfolgt sein.

Wie die DB in der Stadtratssitzung vor zwei Jahren mitteilte, sind zum Beispiel die Bahnsteige zwar in einem guten baulichen Zustand, allerdings zu niedrig. Je nach Zug ist das für ein- und aussteigende ältere Fahrgäste schwierig. Auf einer Länge von ca. 250 Metern sollen die 400 Meter langen Bahnsteige nun angehoben werden.

Keine Angst vorm Umsteigen? Hier ein Tipp für Insider

Einen kleinen Lichtblick gibt es bis dahin für Rollstuhlfahrer, die keine Scheu vorm Umsteigen haben: Auf dem Bahnsteig 2/3 halten sowohl Züge in Fahrtrichtung Süden als auch die von Rhenus Veniro betriebene Hunsrückbahn, die von Emmelshausen runter an den Rhein kommt: An Schultagen gibt es dadurch für Rollstuhlfahrer die Möglichkeit, am Hauptbahnhof in den barrierefreien Hunsrückzug zu steigen, eine Station weiter zum Haltepunkt Boppard-Süd zu fahren und dort auszusteigen – und problemlos in die Stadt zu gelangen.

Von unserer Reporterin Suzanne Breitbach

Treppen-Barriere gibt's länger als vier Jahrzehnte: Suzanne Breitbach zu Erlebnissen am Bahnhof Boppard

Mehr als 44 Jahre lebe ich jetzt in der Perle am Rhein. Die Situation für Bahnreisende hat sich in vier Jahrzehnten kaum verändert, trotz zwischenzeitlichen Neubaus des Bahnhofs. Als ich noch zur Schule ging, besuchte uns immer unser Onkel, der in Bonn im Verkehrsministerium arbeitete.

Suzanne Breitbach 
Suzanne Breitbach 

Er war als junger Mann an Kinderlähmung erkannt und gehbehindert. Regelmäßig stieg er freitags mit Hilfe einer Begleitung am Bonner Hauptbahnhof in den Zug und wurde dann von unserer Familie am Bahnhof in Boppard in Empfang genommen.

Anfangs gab es noch eine Verbindung mit Planken über die Schienen zwischen Gleis 2 und 1, sodass der Onkel mit seiner starken Gehbehinderung die Rampe neben dem Bahnhofsgebäude erreichen konnte. Am unteren Ende, dort wo die Busse nach Buchenau abfuhren, war dann unser Auto geparkt. Im Zuge des Bahnhofsabrisses und Neubaus wurde diese wichtige Verbindung ersatzlos gestrichen. Unter Sicherheitsaspekten gesehen war das bestimmt eine nachvollziehbare Maßnahme.

Umso mühevoller und menschenunwürdiger gestaltete sich danach die Ankunft für unseren Onkel in Boppard. Nach dem Ausstieg aus dem Zug packte ihn meine Mutter unter den Achseln, mein Bruder und ich nahmen jeweils ein Bein, um ihn die 26 Treppenstufen hinunter zu tragen. Wir schleppten ihn mühsam hinunter und waren froh, wenn wir die Unterführung erreicht hatten. Er selbst hat nie geklagt, aber seine Ankunft als Gehbehinderter in Boppard dürfte für ihn stets eine Tortur gewesen sein. Und unsereins hätte damals nicht damit gerechnet, dass dieser für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer mangelhafte Zustand am Bopparder Bahnhof auch nach mehr als 40 Jahren nach wie vor noch Bestand hat. Immerhin: In zwei Jahren soll die Treppenbarriere am Bopparder Bahnhof ja Geschichte sein, wenn alle Baumaßnahmen so verlaufen, wie geplant.

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