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Boppard/Koblenz

Bluttat in Bopparder Flüchtlingsheim: Lügt das Opfer?

Sie floh vor Krieg und Gewalt aus Afghanistan – und wurde in Deutschland Opfer einer brutalen Bluttat: Maryam L. (Name von der Redaktion geändert) kämpfte nach elf Messerstichen um ihr Leben, verlor fast drei Liter Blut und konnte nur durch eine Notoperation vor dem Tod gerettet werden.

Symbolbild: dpa​
Symbolbild: dpa​

Jetzt, fast acht Monate später, hat die 19-Jährige am Landgericht Koblenz über das sprechen sollen, was ihr am 16. Juni 2017 in einem Bopparder Flüchtlingsheim wiederfahren ist. Doch mit ihren Aussagen irritierte sie die Richter – und erzürnte den Staatsanwalt. Der bezichtigte die junge Frau der Lüge und will nun prüfen, ob er ein Ermittlungsverfahren gegen sie einleitet.

Angeklagt ist kein geringerer als Maryam L.s Ehemann (23). Er soll sie aus Eifersucht mit einem Messer attackiert und ihr die Klinge in Rücken, Bauch und Arme gerammt haben. So hatte es die junge Afghanin Ärzten, Polizisten und Familienangehörigen erzählt. Doch im Dezember verweigerte sie ihre Aussage vor Gericht und sagte zitternd, sie wolle immer noch mit ihrem Ehemann zusammenleben. Ende Januar die erneute Kehrtwende: Die 19-Jährige schreibt einen Brief an die Kammer und bittet darum, nun doch noch im Prozess aussagen zu dürfen.

So betrat sie nun, am siebten Prozesstag, erneut den Zeugenstand. Ihren Ehemann verbannte das Gericht für die Dauer ihrer Vernehmung aus dem Saal. Der beteuert seit Prozessbeginn seine Unschuld: Er sei zum Tatzeitpunkt nicht im Flüchtlingsheim gewesen, sondern auf dem Weg zu einem Supermarkt. Als er zurückkehrte, habe er seine Ehefrau blutend am Boden ihres Zimmers vorgefunden.

Anders als noch im Dezember wirkte Maryam L. diesmal deutlich gefasster. Sie trug eine bunt gestreifte Strickjacke, pinke Turnschuhe und ein locker sitzendes Kopftuch. „Ich möchte ein bisschen was sagen“, ließ sie einen Dolmetscher übersetzen. Zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als wolle die 19-Jährige nun endlich zur Aufklärung der an ihr verübten Bluttat beitragen. Ein Irrtum. Denn in der Folgezeit wich sie immer wieder den Fragen der Prozessbeteiligten aus. Immer wieder lieferte sie schwammige Antworten auf konkrete Fragen.

Wer ihr die Verletzungen zugeführt hat, wollte das Gericht wissen. Ihre Antwort: „Ich habe die ersten Stiche in den Rücken bekommen und bin danach zu Boden gefallen. Ich weiß nicht, wer mir das angetan hat.“ Ob sie nach dem Vorfall mit jemandem darüber gesprochen habe? „Nein.“ Ob sie ihrem Ehemann die Tat zutrauen würde? „Das tue ich nicht. Wenn ich Schmerzen hatte, hat er sich immer sehr liebevoll um mich gekümmert.“

Ihre Aussage widersprach nicht nur ihren eigenen Angaben aus der jüngsten Vergangenheit, sondern auch denen zahlreicher Zeugen. So schilderten Ärzte, Sozialarbeiter und ihr eigener Bruder, dass die Frau ihnen erzählte, ihr Ehemann habe sie mit dem Messer attackiert. Auch dass sie den Täter nicht gesehen haben will, weckt Zweifel. Denn: Die Schnittwunden an ihren Händen und Armen seien laut eines Rechtsmediziners als Abwehrverletzungen zu werten. Dies deute darauf hin, dass sie den Täter sehr wohl gesehen habe.

Der Vorsitzende Richter Andreas Bendel versuchte Maryam L. zum Umdenken zu bewegen: „Es könnte sein, dass der ein oder andere den Verdacht hat, dass Sie uns in Teilen nicht die Wahrheit gesagt haben. Wenn das so war, haben Sie jetzt die Möglichkeit das richtig zu stellen und damit den Folgen einer Falschaussage zu entgehen.“ Doch die 19-Jährige blieb bei ihrer Version. Der Staatsanwalt reagierte genervt: „Da ich einer von denen bin, die glauben, dass Sie lügen, habe ich keine Fragen.“ Nach Informationen unserer Zeitung will er nun ein Ermittlungsverfahren wegen uneidlicher Falschaussage gegen die junge Afghanin einleiten. Sollte sich der Vorwurf bewahrheiten, würde ihr eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren drohen.

Die Bluttat vom 16. Juni bleibt also weiterhin ein Rätsel – das vermutlich nicht aufgeklärt werden kann. Warum aber sollte Maryam L. lügen? Wieso sollte sie jemanden decken, der ihr mit einer 13 Zentimeter langen Klinge eine Niere durchtrennte und die Milzarterie verletzte? Der ihr auf brutale Weise beinahe das Leben nahm? Wir werden weiter über den Prozess berichten.

Von unserem Reporter Eugen Lambrecht

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