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Emmelshausen

Arrata-Vortrag in Emmelshausen: Felszeichnung wirkte wie "altsteinzeitliche Litfaßsäule"

Der Hunsrücker Archäologieverein Arrata stellte im Alten Bahnhof Emmelshausen erstmals seine Forschungen zu den altsteinzeitlichen Felszeichnungen bei Gondershausen vor. Dabei ging es auch um die Authentizität des Sensationsfundes.

Zwei diagonal übereinander angeordnete Pferde heben sich bei seitlichem Lichteinfall deutlich von dem Schieferfelsen bei Gondershausen ab. Renommierte Wissenschaftler aus dem In- und Ausland sind überzeugt: Hier war ein altsteinzeitlicher Künstler am Werk. Fotos: dpa, Werner Dupuis
Zwei diagonal übereinander angeordnete Pferde heben sich bei seitlichem Lichteinfall deutlich von dem Schieferfelsen bei Gondershausen ab. Renommierte Wissenschaftler aus dem In- und Ausland sind überzeugt: Hier war ein altsteinzeitlicher Künstler am Werk. Fotos: dpa, Werner Dupuis
Foto: picture alliance

Von unserer Redakteurin Martina Koch

Eine Fettlampe, wie sie auch die Menschen in der Altsteinzeit verwendeten, wirft ein flackerndes Licht auf die Gondershausener Felszeichnungen. Mit jedem Zucken der kleinen Flamme scheinen die eingravierten Linien ihre Form zu verändern, die Umrisse der abgebildeten Tiere geraten in Bewegung. Ein kurzes Video dieses Spektakels zeigte der Hunsrücker Archäologieverein Arrata im Alten Bahnhof in Emmelshausen am Anfang seines Kolloquiums zu dem sensationellen Fund aus der Altsteinzeit.

Im Juli wurden die Felsgravuren, die laut Wissenschaftlern zwischen 20.000 und 25.000 Jahre alt sind, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Unter dem Titel "Paläolithische Felskunst von Gondershausen im Kontext europäischer Felsbildstätten" fasste der Norather Archäologe Wolfgang Welker jetzt die Erkenntnisse zusammen, die er und seine Vereinskollegen seit ihrer ersten Exkursion zu dem Felsen im Frühsommer 2006 gesammelt haben.

Fund ist nach wie vor einzigartig

Das Interesse an der besonderen Felszeichnung ist nach wie vor hoch: Für das Kolloquium hätte Arrata auch doppelt so viele Eintrittskarten verkaufen können – wenn der Veranstaltungsraum groß genug gewesen wäre. Viele Nachfragen zur altsteinzeitlichen Kunst aus dem Hunsrück erreichten Wolfgang Welker per Telefon oder E-Mail.

Auf einen Anruf wartete der Archäologe aber vergeblich: "Ich hatte die Hoffnung, dass das Telefon klingelt und jemand sagt: ,Ich habe da auch was entdeckt.' Das ist leider ausgeblieben." Die Gondershausener Felszeichnung bleibt bis jetzt einmalig – nicht nur für die Region sondern für ganz Deutschland.

Wolfgang Welker hat in den vergangenen Jahren mehrere Fundorte paläolithischer Kunst im europäischen Ausland besucht und Gemeinsamkeiten mit den Gondershausener Felszeichnungen dokumentiert. Die in der südfranzösischen Tropfsteinhöhle Pech Merle entdeckten Tierdarstellungen aus der Altsteinzeit ähneln etwa in einigen Merkmalen der Gondershausener Felskunst, erklärte Welker: Auch jene Tiere wurden mit einem kastenförmigen Kopf, steif herunterhängenden Beinen oder auch nur durch angedeutete Linien dargestellt.

Archäologische Forschung ist wie Polizeiarbeit

Immer wieder bekommt der Archäologe auch E-Mails von Skeptikern, die bezweifeln, dass die Hunsrücker Felszeichnungen aus der Altsteinzeit stammen. Ausführlich erläuterte Welker daher seinen Zuhörern, wie sorgfältig die Archäologen den Fund untersucht haben: "Das ist ein bisschen wie Polizeiarbeit. Man muss einen Indizienprozess führen."

Welker und eine Vereinskollegin hatten eigens einen Workshop belegt, um von Fachleuten zu lernen, wie man Felskunst fachgerecht abzeichnet. Der Fels selbst sollte dabei nämlich nach Möglichkeit nicht berührt werden, weil dieser oder die auf ihm wachsenden Flechten beschädigt werden könnten. Bei ihren Untersuchungen erfassten die Archäologen die geologischen Störungen im Fels, die Tiefengravuren und diese überlagernde Feinritzlinien.

Verwitterungsspuren geben Aufschluss über Alter

Insgesamt fünf in den Fels eingravierte Tiere, darunter drei Pferde, entdeckten die Forscher. Aufgrund der Verwitterungsspuren geht man davon aus, dass sie aus der Altsteinzeit stammen. Auch Bearbeitungen jüngeren Datums sind laut Welker an dem Fels erkennbar: Mit einem Meißel hat jemand die Ziffer "1" in den Stein gehauen. Die noch erkennbaren Feinstrukturen geben den Wissenschaftlern Aufschluss darüber, dass diese Gravur lediglich 50 bis 100 Jahre alt ist.

Dass sich die Felszeichnung den Augen des ungeschulten Betrachters verbirgt, war im übrigen nicht immer der Fall. In der Altsteinzeit könnte das Kunstwerk mit Farbe bearbeitet worden sein, vermutet Welker. Es handelte sich um öffentliche Kunst, die nicht in einer Höhle versteckt wurde. "Bei der Entstehung gab es hier noch keinen Wald. Die Felszeichnung war von weitem sichtbar – wie eine altsteinzeitliche Litfaßsäule."

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