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Kreis Ahrweiler

Suche nach Hebamme wird im Kreis Ahrweiler immer schwerer

Sofia Grillo

Mindestens zwei Mal täglich bekommt Andrea Mausberg Anrufe von Frauen, die sie als Hebamme brauchen. Mausberg muss dann ablehnen, so viele Kundinnen kann sie nicht bewältigen. Sie ist eine von 44 im Kreis Ahrweiler tätigen Hebammen. „Ich bin mit Herzblut Hebamme und deswegen tut es mir auch so weh, den Frauen am Telefon absagen zu müssen.“ Zumal ihr einige Frauen am Telefon erzählen würden, dass sie schon 50 Hebammen angefragt hätten.

Die Zahl der Geburten steigt. Doch es fehlt an Hebammen.  Foto: picture alliance/dpa
Die Zahl der Geburten steigt. Doch es fehlt an Hebammen.
Foto: picture alliance/dpa

Warum wird es für werdende Eltern immer schwieriger eine zu finden? „Der einzelne Betreuungsbedarf pro Frau ist heutzutage wesentlich höher als noch vor wenigen Jahren“, schreibt der Deutsche Hebammen Verband. Das hat verschiedene Gründe: Frauen werden nach der Geburt früher, nämlich nach drei Tagen anstatt nach sieben, aus dem Krankenhaus entlassen. Eltern können zudem mehr Hebammenhilfe in Anspruch nehmen und der Bedarf steigt, da die Eltern immer mehr Wissen über das Recht auf Hebammenhilfe haben. Auf dieses Recht sind sie auch deswegen angewiesen, weil Unterstützung aus der Familie abgenommen hat. „Die tatsächliche Kapazität von Hebammen sind nie überprüft worden, trotzdem sind die Leistungen durch die Krankenkassen ausgeweitet worden. Zudem gibt es steigende Geburtenraten“, so der Deutsche Hebammen Verband weiter.

Andrea Mausberg ist mit Herzblut Hebamme.  Foto: Sofia Grillo
Andrea Mausberg ist mit Herzblut Hebamme.
Foto: Sofia Grillo

Die Kapazität der Hebammen ist begrenzt, weiß Andrea Mausberg aus eigener Erfahrung. Vor 17 Jahren kehrte sie zurück nach Ahrweiler und bietet im Kreis unter anderem Wochenbettbetreuung an. Außerdem arbeitet sie seit 25 Jahren fest angestellt im Kreißsaal der Unifrauenklinik Köln und gibt dort Wochenendkurse zur Geburtsvorbereitung für Paare. Die Betreuung einer Frau könne für sie über ein Jahr hinausgehen und dann mehr als 30 Besuchstermine bedeuten, wenn die Frau durch Schwangerschaft und Wochenbett begleitet werde, erklärt die 51-Jährige. „Ich möchte mir auch Zeit für die Eltern mit ihren Neugeborenen nehmen, die ja nicht nur auf die Untersuchungen, sondern vor allem auch auf fachliche Beratung und unterstützende Gespräche angewiesen sind“, sagt Mausberg. Ein Besuch dauere rund eine Stunde. Ihren Beruf übt sie in Teilzeit aus, um Zeit für ihre eigene Familie zu haben. Und auch hier liege ein Grund für den Hebammenmangel: „Der Beruf wird fast nur von Frauen ausgeübt, die dann, wenn sie selber Kinder bekommen, meist in Teilzeit weiterarbeiten“, erklärt sie.

Und sie findet weitere Gründe für die Knappheit in ihrem Berufsstand: „Die Krankenkassen haben erfreulicherweise das Angebot ausgeweitet, das Frauen von Hebammen in Anspruch nehmen können. Das heißt aber auch, dass sich Hebammen spezialisieren und nicht jede Hebamme alle Leistungen auch tatsächlich anbietet.“ So ist es auch bei ihr: Mausberg hat sich auf Hypnose spezialisiert, um den Frauen dadurch Ängste vor der Geburt oder Belastendes nach negativer Geburtserfahrung zu nehmen. Dafür hat sie sich zur Heilpraktikerin für Psychotherapie ausbilden lassen und bereitet sich derzeit auf ihre Prüfung vor. Durch die neue Ausrichtung muss sie sich aus Zeitmangel aus der Schwangeren- und Wochenbettbetreuung zurückziehen. Die wenigsten Hebammen können noch wegen der hohen Prämien an die Haftpflichtversicherung Geburtshilfe anbieten. Der jährliche Beitrag hierfür ist von 30 Euro in Jahr 1981 auf 8.174 Euro im Jahr 2018 angestiegen, führt der Deutsche Hebammen Verband auf. Das ist für die Hebammen kaum zu bezahlen.

Und nicht nur die Suche nach Hebammen gestaltet sich für werdende Eltern immer schwieriger, auch die nach Krankenhäusern mit Geburtsstationen. Im August musste im Bad Neuenahrer Krankenhaus Maria Hilf der Kreißsaal für zehn Tage geschlossen werden. Grund dafür war Personalmangel. In dem Krankenhaus mit neun fest angestellten Hebammen kommen jährlich über 400 Kinder zur Welt. Es zeichnet sich ab, dass 2018 rund 450 bis 460 Kinder in Bad Neuenahr geboren werden.

Auch in der Umgebung wird es immer schwieriger, ein Krankenhaus mit Geburtsstation zu finden. Jüngst schloss das Malteser Krankenhaus in Bonn die Entbindungsstation dauerhaft – ebenfalls wegen Personalmangel. Im Rhein-Sieg-Kreis gibt es mit dem Sankt Josef Hospital in Troisdorf nur noch ein Krankenhaus mit Geburtsstation. 2017 schloss die Asklepios Klinik in Sankt Augustin den Kreißsaal dauerhaft.

Andrea Mausberg weiß aus ihren Geburtsvorbereitungskursen, dass die werdenden Eltern vielfach verunsichert sind. Viele hätten Angst davor, bei der Entbindung von einer Klinik in die nächste geschickt zu werden. „Frauen brauchen zum Gebären eigentlich Ruhe und Sicherheit, aber dies sind gerade eher unruhige Zeiten“, sagt die Hebamme aus der Kreisstadt. „Ich arbeite nicht als Hebamme, ich bin Hebamme – und daher bewegt es mich sehr zu sehen, wie alleine junge Familien oft dastehen und welche Herausforderungen unser Berufsstand künftig zu meistern hat.“

Von unserer Reporterin Sofia Grillo
Bad Neuenahr-Ahrweiler
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