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Sinzig

Sinzig: Barbarossa, Rhein, Ahr und die Plaatefabrik (50)

Viel wird es in diesem Jahr über Sinzig zu hören geben, dafür werden die Feierlichkeiten zum Jubiläum "750 Jahre Stadtrechte" schon sorgen. Aber auch jenseits dieses Jubiläums lohnt ein genauerer Blick auf die kleine Stadt, die schon immer außergewöhnlich gewesen ist.

Impressionen aus Sinzig: Die spätromanische Pfarrkirche St. Peter dominiert den Kirchplatz.
Impressionen aus Sinzig: Die spätromanische Pfarrkirche St. Peter dominiert den Kirchplatz.
Foto: Petra Ochs

Das kam vor allem durch die exponierte Verkehrslage: Den Rhein vor der Haustür, lag das seit dem Jahr 762 mit einer Königspfalz ausgestattete Sinzig direkt an der "mittelalterlichen A61" – der Krönungsstraße, die auch Aachen-Frankfurter-Heerstraße genannt wird.

Sinzig bezeichnet sich zwar gern als das "Tor zum Ahrtal", doch von der Kernstadt aus ist die Ahr noch ein ganzes Stück entfernt. Am Sinziger Teilstück der Ahr angesiedelt ist so etwas wie das Naherholungs- und Freizeitgebiet der Stadt: Die Sportplätze, das Sportzentrum, aber auch das Schulzentrum liegen an der Ahr, die noch im Sinziger Stadtgebiet in den Rhein mündet. "Direkte Anbindung an die Ahr haben wir aber so wenig wie an den Rhein – wir hocken halt hier auf dem Hügel", formuliert Bernd Linnarz, Ur-Sinziger und Stadtführer in Sinzig.

Als solcher wird er im gerade beginnenden Jubiläumsjahr des Öfteren als Barbarossa unterwegs sein – und das nicht ohne Grund: Sinzig trägt als eine von fünf deutschen Städten den Namen Barbarossastadt, weil Friedrich I. Barbarossa (1122-1190), Kaiser des römisch-deutschen Reiches aus dem Hause der Staufer, wiederholt hier weilte. Urkundlich verbürgt sind vier Aufenthalte des mächtigen Kaisers mit dem roten Bart.

Bernd Linnarz hat als Barbarossa im Jubiläumsjahr besonders viele Auftritte.
Bernd Linnarz hat als Barbarossa im Jubiläumsjahr besonders viele Auftritte.
Foto: Bernd Linnarz

Auch schon vor Barbarossas Zeiten diente Sinzig regelmäßig als Zwischenstation bei der Krönungsreise der in Frankfurt gewählten deutschen Herrscher nach Aachen. Erstmals erwähnt wurde Sinzig in einer von König Pippin unterzeichneten Urkunde von 762. Gute 500 Jahre später ist in einer Urkunde von 1267 erstmals von der Stadt Sinzig die Rede.

Schon zuvor war Sinzig ein staufisches Reichsgut. Will heißen: Mit seinen Weinbergen, landwirtschaftlichen Flächen und Waldgebieten war Sinzig einiges wert – soviel, dass es zu nachstaufischen Zeiten öfter mal von den jeweils Herrschenden verpfändet wurde, wenn sie in Geldnot gerieten. Weitere Besonderheit: Ungewöhnlich viele Adelsgeschlechter waren in Sinzig ansässig, das man deshalb auch als "Wiege des Rheinischen Adels" bezeichnete. Der war auch dafür verantwortlich, dass die Stadtmauer, die ab 1297 errichtet wurde, so groß und "luftig" um die Stadt gebaut wurde – der Adel wollte mit seinen Höfen schließlich auch von der Mauer umschlossen sein.

Sinzigs ältestes Haus, das unten links zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1666 und ist in der Kirchgasse zu finden.
Sinzigs ältestes Haus, das unten links zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1666 und ist in der Kirchgasse zu finden.
Foto: Petra Ochs

Das älteste Haus von Sinzig steht aber sehr zentral in der Kirchgasse: Das kleine Fachwerkhäuschen stammt aus dem Jahre 1666 und hat den Stadtbrand von 1758 überstanden. Schon 1583 hatte ein Feuer Sinzig in Schutt und Asche gelegt. Erhalten blieben damals nur Bauwerke mit fester Bauweise, darunter die Kirche, einige Adelshöfe und die Stadtmauer.

Apropos Kirche: St. Peter ist ein spätromanischer Prachtbau, der für damalige Sinziger Verhältnisse eigentlich überdimensioniert war – wäre da nicht der Kaiser gewesen. Er gab das Geld für den Bau, der wohl um 1225 begann. 16 Jahre später, am 15. August 1241, wurde die Kirche an Mariä Himmelfahrt geweiht – seitdem wird in Sinzig immer am Wochenende nach diesem Feiertag Kirmes gefeiert.

St. Peter bietet neben seiner prächtigen Ausstattung zwei besondere Hingucker: Zum einen die vom Komponisten und Organisten Peter Bares konzipierte Walcker-Orgel, zum anderen das in der ehemaligen Taufkapelle aufgebahrte "Ledermännchen": Der mumifizierte Leichnam des 1691 verstorbenen Johann Wilhelm von Holbach, seinerzeit Vogt der Jülicher Herzöge in Sinzig und Remagen, ist ein Kuriosum und wird von den Sinzigern fast wie eine Reliquie verehrt.

Das Bild oben rechts zeigt einen Blick in den Innenhof des Zehnthofs, der auf den Grundmauern der alten Königspfalz errichtet wurde.
Das Bild oben rechts zeigt einen Blick in den Innenhof des Zehnthofs, der auf den Grundmauern der alten Königspfalz errichtet wurde.
Foto: Petra Ochs

Wer um den Kirchplatz kreist, wird weitere Sehenswürdigkeiten von Sinzig entdecken. Etwa das Rathaus, das im Gebäude der alten Schule angesiedelt ist. Der Bereich davor ist neuerdings eine beliebte Anlaufstelle für alle, die auf freies WLAN aus sind. Nicht weit entfernt ist der alte Zehnthof zu finden. Das Gebäudeensemble mit großem Innenhof, Garten und Orangerie, das auf den Grundmauern der alten Königspfalz steht, ist ein architektonisches Sammelsurium: Barocke Gebäudeteile sind hier in direkter Nachbarschaft zu neugotischen Gebäudeteilen zu finden. Das Schöne: Der Zehnthof lebt – gleich mehrere Wohnungen gibt es hier inmitten des historischen Ambientes.

In der Zehnthofstraße zwischen Kirche und Pfarrheim wird die Stadtgeschichte aber (aus der Not heraus) im wahrsten Wortsinne mit Füßen getreten: Die Reste einer altrömischen villa rustica, die 2011 bei Kanal- und Straßenbauarbeiten gefunden wurden, befinden sich genau unter der heutigen Straße – der Grundriss des antiken Gebäudes wurde im Gegenzug sichtbar in der Straßenpflasterung nachempfunden. Andere römische Relikte waren schon in den Jahrhunderten zuvor immer wieder auf dem "Scherbenacker" zutage gekommen: Bruchstücke von Terra-Sigillata-Töpferwaren.

"Wir haben immer Tonwaren aller Art gebrannt", sagt Stadtführer Bernd Linnarz nicht ohne Stolz. Schon die Römer betrieben am Rhein eine Ziegelfabrik und fertigten besagte Terra-Sigillata-Töpferwaren, in der Neuzeit trat die Sinziger "Plaatefabrik" prominent in den Vordergrund. In vielen privaten und öffentlichen Gebäuden in der Region finden sich noch heute alte Mosaik- und Wandplatten, die die Vielfalt und Qualität der Sinziger Platten unter Beweis stellen. Und die Fliesengeschichte ist längst noch nicht abgeschlossen: "Rund 80 Prozent der Fliesen, die heute in den deutschen Discountern ausliegen, wurden in Sinzig gefertigt", weiß Linnarz.

Von unserer Mitarbeiterin Petra Ochs

Bad Neuenahr-Ahrweiler
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