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Schätze an der versteckten Ahr (35)

Stoisch steht er da, der Reiher, mittendrin im vor sich hinplätschernden Wasser der seichten Ahr. Um ihn herum singen Vögel, während andernorts Insekten auf der Wasseroberfläche tanzen und aufmüpfige Forellen aus dem Wasser emporspringen. Keine Frage: Idyllisch ist es im Langfigtal im Naturschutzgebiet Ahrschleife bei Altenahr. Verwunschen. "Herr der Ringe"-Fans könnten sich glatt so fühlen, als hätte es sie in den Auenwald verschlagen.

Das Besondere dieses Teilstücks der Ahr: Entlang der größten Mäanderschleife des Flusses um den lang gestreckten Umlaufberg der Engelsley verlaufen weder eine Autostraße noch eine Bahntrasse, sodass sich im wärmebegünstigten Langfigtal im Regenschatten der Hohen Eifel die Lebenswelt für viele seltene und bedrohte Pflanzen- und Tierarten erhalten konnte. Die Abgeschiedenheit zwischen den steilen Tonschieferfelshängen, die von der Ahr im Laufe der Erdgeschichte "herauserodiert" wurden, ist jedoch nur relativ: Ganz in der Nähe ist schon wieder das muntere Treiben der touristischen Rotweinahr zu erleben.

Der Ahrbogen am Fuße der Burgruine Are und der beeindruckenden Felswand Engelsley faszinierte schon Dichter und Denker wie Gottfried Kinkel und Ernst Moritz Arndt. Dieser schrieb 1846: "Das Wundersamste aber sind die Schlingungen des Stroms um und durch diese Felsenmauern, welche den Schauenden so täuschen, dass er mehrere Inseln zu sehen und den Strom drei bis vier Mal wieder wie zurücklaufend wähnt, wie ihm begegnet, dass er nicht weiß, ob er an dem linken oder rechten Ufer desselben wandelt: eine Täuschung, die bei dem seltsamen Laufe des Flusses auch die folgenden zwei Stunden Weges noch mehrmals wiederkehrt, doch nicht in derselben bunten fantastischen Art wie hier."

Auch die Künstler, allen voran die der Düsseldorfer Schule, konnten sich an dem wildromantischen Naturschauspiel nicht sattsehen. Doch noch in den 1960er-Jahren gab es Pläne, im Langfigtal die Ahr zur Trinkwassergewinnung aufzustauen. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Stattdessen wurde das rund 205 Hektar große Areal als Naturschutzgebiet ausgewiesen – und das mit guten Argumenten. In der Rechtsverordnung zum Naturschutzgebiet vom 14. Oktober 1983 wird der "Schutzzweck" näher erläutert: Aus wissenschaftlichen und naturgeschichtlichen Gründen sollte die Flusslandschaft mit ihren Felsbildungen erhalten werden, zum einen als Lebensraum seltener in ihrem Bestande bedrohter wild wachsender Pflanzen und Vögel, zum anderen "wegen ihrer besonderen landschaftlichen Schönheit und Eigenart".

Tatsächlich ist das Langfigtal ein Refugium für Flora und Fauna. Um einen herum kreucht und fleucht es, wohin man nur tritt – den mehr als 1000 verschiedenen Arten von Käfern sei Dank. Allein 475 Schmetterlingsarten sind hier heimisch, 91 Arten davon sind geschützt, 47 stehen auf der sogenannten Roten Liste, 20 haben hier ihren nördlichsten Verbreitungspunkt. 83 verschiedene Vogelarten wurden im Langfigtal gezählt. Graureiher und Eisvogel, der seltene Schwarzspecht und die wählerische Wasseramsel, ein Indikator für gute Wasserqualität, fühlen sich hier zu Hause.

Botanisch besonders interessant sind die Blaugras-Pfingstnelkenfluren mit der Pfingstnelke (Diantus gratianopolitanus), die hier die nordwestlichsten Vorkommen in Deutschland haben. An den steilen Südhängen im Langfigtal wurde über Jahrhunderte hinweg auch Wein angebaut, und die Weinberge wurden in mühsamer Handarbeit mit Trockenmauern terrassiert. Der Weinbau ist in diesem Bereich zwar bereits in den 1950er-Jahren aufgegeben worden, doch die Trockenmauern sind geblieben. Hier gibt es eine artenreiche und den oberhalb angrenzenden Felsbändern ähnliche Flora und Fauna. Auch seltene Farne, Flechten und Moose gedeihen im Langfigtal.

Seit 1992 wird das Naturschutzgebiet als Biotop betreut. Will heißen: Um der fortschreitenden "Verbuschung" vorzubeugen, wurde und wird eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt. Dazu gehören Schaf- und Ziegenbeweidung der Wiesen und Weinberge sowie Handmahd und Freischneidearbeiten. Ziele sind der Erhalt der Trockenhänge mit Eichentrockenwäldern, Felsenmispel- und Felsenbirnen-Gebüschen, Pfingstnelkenfelsfluren und Felsgrusgesellschaften sowie die Offenhaltung der Weinbergshänge und -mauern, des Halbtrockenrasens sowie des Magerrasens und der Zwergstrauchheiden auf dem Hochplateau. In der Talaue wechseln sich Wiesen, Pestwurzfluren und Flussauenwald ab.

Auch architektonisch hat die Ahrschleife bei Altenahr etwas zu bieten: die steinernen Überbleibsel eines Freischwimmbeckens, in dem einst im Ahrwasser gebadet werden konnte. Die Absprungböcke des Schwimmbads sind immer noch gut zu sehen. Petra Ochs

Bad Neuenahr-Ahrweiler
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