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Paradoxer Konflikt: Naturschutz kontra Energiewende

Moderne Zeiten bringen offensichtlich auch paradox klingende Konflikte mit sich, wie das Beispiel Gilligs Mühle zeigt. Die Mühle war über 300 Jahre immer eine Getreidemühle, die vom Wasser der Ahr angetrieben wurde. Seit 1912 – als die zwei Wasserräder durch eine Francisturbine ersetzt wurden – erzeugt sie aber auch Strom, der bis 1948 das Dorf Antweiler versorgte.

Für Ewald Gillig ergibt der Rückbau der Wehre keinen Sinn.
Für Ewald Gillig ergibt der Rückbau der Wehre keinen Sinn.

In der Schulchronik steht unter dem Datum 27. Oktober 1912: „Mehr Licht! Antweiler steht im Zeichen des Fortschritts. Kann es sich doch rühmen, den meisten Eifeldörfern voraus, ein Elektrizitätswerk aufzuweisen, das sein Licht in Häuser und Straßen leuchten lässt." Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Stromkonzession an RWE. Fortan wurde die Turbine neben dem Mahlbetrieb nur zur privaten Stromerzeugung benutzt.

1976 wurde der Mahlbetrieb der Mühle eingestellt und der alte Glockenradantrieb der Turbine durch ein modernes Getriebe ersetzt. Gleichzeitig wurde der Gleichstromgenerator durch einen Drehstrom-Asynchron-Generator ersetzt. Seitdem wird der erzeugte Strom ins öffentliche Netz der RWE eingespeist. (380 Volt Kraftstrom). Jetzt sieht Ewald Gillig sein „Elektrizitätswerk" ausgerechnet durch den staatlich verordneten Naturschutz bedroht. Die Wehre an der Ahr werden so umgebaut, dass die Nutzung der Wasserkraft stark eingeschränkt wird. Begründet wird diese Maßnahme mit der Wiederherstellung der ganzjährigen Durchgängigkeit für die Gewässerfauna – insbesondere für die Wanderfische wie Lachs, Forelle, Äsche. Ewald Gillig weiß: „Um 1900 gab es über 90 Wehre an der Ahr und der Fischreichtum, und die Artenvielfalt der Ahr war größer als heute. Es ist immer wieder ein besonderes Schauspiel, wenn Äschen im Frühjahr und Forellen im Herbst an der Wehranlage hochschwimmen, um ihren Laich abzulegen, und sich dann wieder vom Wasser abtreiben lassen. Zudem werden Schmarotzer wie der Schwarzmeergründling und der amerikanische Flusskrebs daran gehindert, sich weiter zu verbreiten."

Würde die Wehranlage der Mühle zu einer lang gezogenen Rampe und damit fischgängig umgebaut, stünde laut Gillig die Turbine für etwa drei Monate im Jahr still. Den materiellen Schaden durch den Ausfall im Strombereich will ihm niemand ersetzen. Aus Sicht von Gillig ist der Rückbau der Wehre nicht nötig. Mit dem Einbau einer Fischtreppe und der dadurch benötigten geringeren Mindestwassermenge würde die weitere Nutzung der Wasserkraft im bisherigen Maße möglich sein. Diese Überlegungen sind aber nach den bisherigen gesetzlichen Vorgaben nicht förderfähig, und Gillig müsste die Kosten dafür selbst tragen. Ein Konflikt nicht nur zwischen Ökonomie und Ökologie, sondern auch einer zwischen Naturschutz (Wanderung der Fische) und Umweltschutz (regenerative Energie). Laut Gillig ist der aus Wasserkraft erzeugte Strom der günstigste aus erneuerbaren Energien. „Die Turbine hat eine CO2-Ersparnis von jährlich 160 Tonnen. Dies entspricht der CO2-Absorbation von 30 Hektar voll ausgewachsenem Wald pro Jahr." Zudem habe die Wasserkraft als Energieträger eine Sonderstellung, da sie Grundlastträger ist. Die Verfügbarkeit ist im Gegensatz zur Windkraft berechenbar, dass die Wasserkraft immer am Netz ist. Es bedarf somit keiner Vorhalteleistung aus fossilen Energieträgern.

„Wir stehen durch die Energiewende an einem Punkt, an dem eine verbesserte Nutzung der Wasserkraft und des noch ungenutzten Potenzials erfolgen muss", ist Gillig der festen Auffassung. Eine Minderung der Jahresproduktion elektrischen Stroms für „ökologische Fantasien" wäre für ihn absurd und kontraproduktiv. Eine Lösung der Situation ist im Augenblick nicht in Sicht. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie von 2000, die bis zum Jahre 2027 erfüllt sein muss, wird mittelfristig eine wie auch immer geartete Lösung herbeiführen müssen.

Winfried Sander

Bad Neuenahr-Ahrweiler
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