40.000
Aus unserem Archiv
Kreis Ahrweiler

Mit Hightech in die Führerscheinprüfung: Wie Prüflinge betrügen

Der Pfusch kann lebensgefährlich sein – für den Prüfling, den Fahrlehrer und andere Verkehrsteilnehmer. Bei der theoretischen Führerscheinprüfung betrügen immer wieder Prüflinge mit Hightechgeräten. Wenn sie dann zu Fahrstunden auf die Straße dürfen, aber keine Verkehrsregeln kennen, kann es schnell brenzlig werden.

Mit selbst gebastelten Apparaten tauchen manche Prüflinge bei der theoretischen Führerscheinprüfung auf. Dafür zahlen sie bis zu 1500 Euro Leihgebühr.  Foto: Archiv Jan Lindner
Mit selbst gebastelten Apparaten tauchen manche Prüflinge bei der theoretischen Führerscheinprüfung auf. Dafür zahlen sie bis zu 1500 Euro Leihgebühr.
Foto: Archiv Jan Lindner

Dabei braucht man für die theoretische Führerscheinprüfung heute nicht mal einen Kuli – sondern nur den Personalausweis. Immer mehr Prüflinge aber, beobachtet der TÜV Rheinland, gehen derzeit auch im Kreis Ahrweiler lieber auf Nummer sicher: Sie sind am ganzen Körper verkabelt und ausgestattet mit Minikamera in Brille oder Knopfloch, Sender, Empfänger und Antenne. Draußen haben sie einen Komplizen am Laptop postiert, der sich mit den Verkehrsregeln deutlich besser auskennt und dem Prüfling bei den Fragen hilft.

Heiner Etzkorn nimmt für den TÜV Führerscheinprüfungen in und um Koblenz ab. Dabei fällt ihm auf, dass immer mehr Prüflinge mit Hightech tricksen und dazu am ganzen Körper verkabelt sind.
Heiner Etzkorn nimmt für den TÜV Führerscheinprüfungen in und um Koblenz ab. Dabei fällt ihm auf, dass immer mehr Prüflinge mit Hightech tricksen und dazu am ganzen Körper verkabelt sind.
Foto: Jan Lindner

Das Phänomen ist nicht neu. Heiner Etzkorn, TÜV-Leiter regionale Fahrerlaubnis, gibt seit drei Jahren keine Theorieprüfung mehr frei, bevor er nicht jeden Prüfling mit einem Detektor kontrolliert hat. Schon damals waren vermehrt Hightechbetrüger in der Region aufgefallen. Dann blieb es längere Zeit ruhig – bis jetzt.

Etzkorns Detektor schlägt an, wenn Handys Daten übertragen. Bei manchen Prüfungen muss er jeden Dritten bitten, das Handy auszuschalten. Das heißt noch lange nicht, dass jeder Dritte verkabelt ist und betrügen will. Aber es heißt auch nicht, dass alle erwischt werden. Die Dunkelziffer ist nicht bekannt.

Denn die Technik entwickelt sich rasant weiter. Und die Betrüger wechseln regelmäßig die Frequenzen, um dem Detektor auszuweichen. Dazu werden die Geräte immer kleiner und ausgefeilter. Etzkorn hat schon Geräte gesehen, die aussahen, als seien sie wie ein Chip in die Haut gepflanzt. Die einzelnen Teile besorgen sich die Hintermänner im Elektronikmarkt, kleben und löten sie zu einem komplexen Apparat zusammen.

Im Internet oder direkt vor Prüfgebäuden bieten sie ihre Apparatur an und kassieren zwischen 600 und 1500 Euro Leihgebühr. Ärgerlich (und noch teurer) wird es für alle Beteiligten, wenn ein ertappter Prüfling die Ausstattung im Gebäude vergisst oder sie von der Polizei einkassiert wird. Die Motivation für den Betrug, der im rechtlichen Sinn keiner ist, ist vor allem Faulheit. Denn die Theorieprüfung bietet der TÜV in zwölf verschiedenen Sprachen an.

Die Betrüger gehen fast immer gleich vor: Der Prüfling fährt am Computerbildschirm mit der Maus über die Antwortkästchen des Fragebogens. Die Mikrokamera in Brillenscharnier oder Knopfloch sendet den Prüfbogen live an den Laptop des Gehilfen außerhalb des Prüfgebäudes. Bei richtigen Antworten gibt er ein Signal, das der Prüfling als leichte Vibration auf seinem Empfängergerät registriert.

So kann es passieren, dass einer beim ersten Versuch kläglich mit 65 Fehlern scheitert – und beim nächsten Mal nach wenigen Minuten ganz entspannt mit 0 Fehlern aus dem Raum spaziert. Und es kann sein, dass verschiedene Prüflinge dieselbe Lederjacke mit verarbeitetem Equipment in der einen Woche in Sinzig tragen und in der anderen in Koblenz.

Die Beweisführung ist für den TÜV schwierig. Die Prüfer dürfen Verdächtige nicht anfassen, durchsuchen oder im Raum festhalten. Ihnen bleibt, die Polizei zu rufen. Aber die kommt nur, wenn die Situation zu eskalieren droht. Denn die Täuschung wird nicht als Straftat (Betrug) gewertet, da kein Vermögensschaden entsteht.

Erwischte Täuscher werden in Rheinland-Pfalz in der Regel mit einer Prüfungssperre von sechs Monaten bestraft. Zudem müssen sie eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) ablegen. Es wird auch ein Strafverfahren eingeleitet, das meist aber schnell wieder eingestellt wird. Denn an die Hintermänner kommt die Polizei noch schlechter ran. Aus Angst vor Rache werden sie von den Prüflingen nicht verraten.

Richtig gefährlich kann es werden, wenn die Täuscher nach bestandener Theorie auf die Straße dürfen. Wenn sie aber kein Wort deutsch sprechen, sich mit den Verkehrszeichen und -regeln kein bisschen auskennen und dann auf die Autobahn fahren. TÜV-Prüfer Etzkorn sagt: „Das gleicht einem Himmelfahrtskommando.“ Er hat auf dem Beifahrersitz erlebt, wie ein Prüfling auf der A 61 fast in die Mittelleitplanke steuerte. Ein anderer fuhr fast schnurstracks in eine Baustelle, wieder ein anderer überfuhr eine rote Ampel.

Von unserem Redakteur Jan Lindner

Bad Neuenahr-Ahrweiler
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Online regional
Nina Borowski

Nina Borowski

Regio-CvD Online

 

Mail

Anzeige
epaper-startseite
Regionalwetter Bad Neuenahr-Ahrweiler
Freitag

9°C - 15°C
Samstag

11°C - 18°C
Sonntag

13°C - 18°C
Montag

13°C - 20°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach