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Bad Neuenahr-Ahrweiler

Gedenkstätte Lager Rebstock: Zweifel an den Fakten

Müssen die Texttafeln an der Gedenkstätte Lager Rebstock in Marienthal geändert werden? Nach der Eröffnung der Gedenkstätte im November 2017 waren Zweifel aufgekommen, ob die genannten Fakten zu den Ereignissen in den Jahren 1943/1944, als in den Tunneln bei Marienthal ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald existierte, den Tatsachen entsprechen. Jetzt verdichten sich die Hinweise, dass etliche vermeintliche Fakten tatsächlich falsch sind.

Wolfgang Gückelhorm (2. von rechts) erläuterte den Grünen-Landtagsabgeordneten die Gedenkstätte.  Foto: Vollrath
Wolfgang Gückelhorm (2. von rechts) erläuterte den Grünen-Landtagsabgeordneten die Gedenkstätte.
Foto: Vollrath

Namentlich der in der Kreisstadt lebende Heimatforscher Matthias Bertram hatte – unter anderem bei einem öffentlichen „Faktencheck“ im Januar dieses Jahres in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler – auf Fehler hingewiesen, die dem mit der Texterstellung betrauten Bad Breisiger Hobbyhistoriker Wolfgang Gückelhorn unterlaufen seien. Gückelhorn ist auch Verfasser einer Infobroschüre zum Lager Rebstock, die 2016 in der Reihe „Blätter zum Land“ der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) erschienen war. Jetzt hat die Landeszentrale die Verbreitung dieser Broschüre gestoppt.

Hinweise, dass die im Auftrag der LpB verfasste Infobroschüre von 2016 aus der LpB-Reihe „Blätter zum Land“ zur Geschichte des „Lagers Rebstock“ Fehler beinhaltet, hätten sich leider bestätigt, heißt es dazu in einer Pressemitteilung. Die Fehler bedauere dies Landeszentrale außerordentlich. „Einige methodisch-handwerkliche Fehler des mit der Schrift beauftragten Autors wie unkorrekt wiedergegebene oder sprachlich veränderte Zitate und eine bislang wissenschaftlich nicht belegbare Interpretation der Quellen und der Forschungsliteratur bei der Frage, ob im Lager Rebstock bewusst und regelmäßig kranke Häftlinge getötet wurden, führen dazu, das entsprechende Heft in dieser Form nicht mehr anzubieten.“

In Kürze, so kündigt die LpB an, werde die Landeszentrale eine umfassende geschichtswissenschaftliche Studie über das „Lager Rebstock“ in Auftrag geben. Für diese wissenschaftliche Aufarbeitung des historischen Komplexes „Rebstock“ in den Jahren 1943/44 sei man dabei, einen ausgewiesenen Historiker auszuwählen. Die Studie soll Grundlage für eine „notwendige Neufassung“ der Infobroschüre sein. Die LpB werde diese Aufarbeitung des historischen Komplexes „Rebstock“ mit einer wissenschaftlichen Bewertung des Geschehens in den Jahren 1943/44 dann veröffentlichen. „Eine Neuausgabe des ,Blattes zum Land‘ wird erst danach in Abstimmung mit der Autorin oder dem Autor der neuen Studie erarbeitet und einen wissenschaftlich fundierten ersten Überblick für interessierte Bürger bieten“, sagt die LpB.

Gückelhorn selbst zeigte sich am Rande eines Informationsbesuchs der Grünen-Landtagsabgeordneten Pia Schellhammer und Katharina Binz am Mittwoch betroffen von den gegen seine Arbeit erhobenen Vorwürfen. Indes, der Vorwurf, eine nicht geschichtswissenschaftliche Studie erstellt zu haben, treffe ihn nicht besonders: „Ich bin ein Hobbyhistoriker und kein Wissenschaftler“, betonte Gückelhorn. Er bleibt dabei: Seine Angaben seien „korrekt, unverzerrt und durch Primärquellen belegt“. Lediglich beim großen Foto am Eingang des Trotzenbergtunnels gestand er eine kleine Schwindelei: Es zeigt nämlich den Eingang des gegenüber liegenden Kuxbergtunnels, dem Eingang des späteren Regierungsbunkers. Vom Trotzenbergtunnel habe kein passendes zeitrelevantes Foto vorgelegen, sodass man sich entschlossen habe, das des Kuxbergtunnels zu verwenden, erklärte Gückelhorn.

Uwe Bader vom NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz sieht dagegen Korrekturbedarf. Zwar attestiert er der Arbeit Gückelhorns, diese sei gekennzeichnet durch großes Detailwissen, umfangreiche Quellenrecherchen in Archiven und die Nutzung zahlreicher Primärquellen. Der Stopp der Broschüre sei nach Hinweisen von Matthias Bertram gleichwohl vor allem aufgrund von methodischen Mängeln notwendig. „Durch den Sprachfluss und Aussagen des Autors, alles sei belegt, wurde dies nicht rechtzeitig erkannt.“ Sollten auch an der Gedenkstätte Fehler zu korrigieren sein, werde die Landeszentrale dem Bürgerverein Synagoge Ahrweiler als Träger der Gedenkstätte bei eventuell erforderlichen Veränderungen behilflich sein, erklärt Bader.

„Lieber spät als nie“ kommentiert Matthias Bertram die Erkenntnisse der LpB. „Ich bin froh, dass man mich in Mainz endlich ernst nimmt.“ Das Ergebnis seiner Forschung hatte er im April in Buchform veröffentlicht. Darin legt er auf 154 Seiten dar, was in seinen Augen tatsächlich die Fakten sind. fbl/tar

Fakten statt "Fake News"

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die Gedenkstätte Lager Rebstock hat ihre Berechtigung. Hier wurden in der NS-Zeit Menschen gegen ihren Willen festgehalten, gequält, gedemütigt. Der Ort steht beispielhaft für einen Unrechtsstaat, der für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich ist.

Das Ungeheuerliche dieses Verbrechens enthebt indes nicht von der Notwendigkeit, sich so genau wie möglich an belegbare Fakten zu halten. In Zeiten von „Fake-News“ dient das der Glaubwürdigkeit. Da erscheint es schon erstaunlich, dass die Landeszentrale für politische Bildung bislang ungeprüft das Werk eines Hobbyhistoriker verbreitet hat. Texte und Abbildungen für die Tafeln der Gedenkstätte seien ihr nicht zur Prüfung oder Stellungnahme vorgelegt worden, sagt sie. Düpiert ist jetzt der Synagogenverein, der die Trägerschaft übernommen hat. Mehr Sorgfalt im Vorfeld der Gedenkstätte wäre gut gewesen.

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