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Sinzig

Ein Durchbruch zum Rhein ist möglich (30)

Nahezu täglich besuchen interessierte Bürger die Ahrmündung und verfolgen mit Spannung, wie sich der Abstand des Flusses zum Rhein-Radweg in Richtung Kripp immer mehr verringert. Waren es vor dem Winter noch 40 Meter, sind es nach dem jüngsten Hochwasser nur noch 30 Meter. Bei der jetzigen Mäandrierung der Ahr sieht es so aus, als würde sie sich ihren Durchbruch zum Rhein schaffen.

Fast täglich besehen sich Interessierte die Stelle, an der die Ahr sich weiter in Richtung des Rheinradweges frisst. Die beiden Herren hier markieren seit Wochen die Kante mit einem Holzpflock, der regelmäßig weggerissen wird, wenn die Ahr wieder näher gekommen ist. Foto: Judith Schumacher
Fast täglich besehen sich Interessierte die Stelle, an der die Ahr sich weiter in Richtung des Rheinradweges frisst. Die beiden Herren hier markieren seit Wochen die Kante mit einem Holzpflock, der regelmäßig weggerissen wird, wenn die Ahr wieder näher gekommen ist.
Foto: Judith Schumacher

Von unserer Mitarbeiterin Judith Schumacher

Mittlerweile hat sich die Wucht der Ahr auf den Prallhang in Richtung Radweg allerdings wieder etwas verringert, der Flussverlauf orientiert sich wieder mehr in Richtung Kripper Brücke. Schon im Januar besahen sich Vertreter der Oberen und Unteren Wasserbehörde, des Wasser- und Schifffahrtsamtes, des Naturschutzverbands und der Stadt Sinzig die Situation vor Ort. Bauamtsleiter Norbert Stockhausen hatte festgestellt: "Ein Durchbruch der Ahr hin zum Rhein ist langfristig denkbar. Akuten Handlungsbedarf gibt es aber nicht. Wir wollen uns aber auch nicht vom Fluss überraschen lassen. Daher wird schon jetzt über geeignete Maßnahmen nachgedacht." Denkbar sei ein direkter Durchbruch zum Rhein und eine Kurvenverstärkung durch Stein- oder Geröllaufschüttungen. Inwieweit hier überhaupt eingeschritten werden muss, würden die Fachbehörden untereinander klären. Die Rhein-Zeitung hat zur aktuellen Entwicklung Josef Groß von der Regionalstelle Wasserwirtschaft der Struktur- und Genehmigungsbehörde (SGD) Nord in Koblenz und Florian Krekel, stellvertretender Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamt Bingen, das für die Unterhaltung des Rheins als Bundeswasserstraße zuständig ist, befragt.

Hochwasser gehören zu den Erscheinungen von Fließgewässern, wenn sie aus ihren normalen "Betten" steigen.
Hochwasser gehören zu den Erscheinungen von Fließgewässern, wenn sie aus ihren normalen "Betten" steigen.

"Schon im Jahr 2001 war die Situation im Grunde genau dieselbe – nur circa 100 Meter weiter in Richtung Sinzig hatte sich die Ahr bis auf 30 Meter an den Radweg herangefressen. Damals setzte man sich mit allen maßgeblichen Behörden, Kommunen und Naturschutzverbänden zusammen und erstellte einen Gewässerentwicklungsplan für die Ahrmündung, der auf Antrag der Kreisverwaltung Ahrweiler von der SGD Nord rechtsverbindlich festgesetzt wurde. Dieser Gewässerpflegeplan sieht vor, dass man erst dann, wenn die Ahr bis auf 15 Meter an den Betriebsweg herangekommen ist, entscheiden soll, was zu tun ist", so Groß.

Damals sah es so aus, als würde sich die Ahr weiter in Richtung Sinzig bewegen. "Aber genau das Gegenteil ist der Fall – insgesamt gesehen hat sie sich über die Jahre weiter in Richtung Kripp entwickelt", so der Experte. 2001 habe man als Konsequenz im Bereich des ehemaligen Sendemastes ahraufwärts durch Renaturierungsmaßnahmen bewirkt, dass sich die Fließgeschwindigkeit und damit die Dynamik auf den Rheinradweg im Mündungsbereich reduzierte. "Niemand kann verlässlich berechnen, wie sich die Ahr letztlich ausbreiten wird. Deshalb ist es müßig, jetzt schon zu spekulieren", so Groß. Im Moment bestehe keine Notwendigkeit, Gesteinsaufschüttungen vorzunehmen.

Ganz dem bindenden Gewässerschutzplan entsprechend, solle abgewartet werden, bis sich die Ahr auf die 15 Meter Schutzstreifen bis zum asphaltierten Betriebsweg herangeknabbert hat. Aber im Grunde, so Groß, sei es nur von Vorteil, einen etwaigen Durchbruch der Ahr zuzulassen. Sollte es dazu kommen, sieht der Fachmann darin nur Pluspunkte für die Region: "Die Ahr hat als einziges der 42 Nebengewässer des Rheins einen Mündungsbereich, der weitestgehend naturbelassen ist – das ist nicht nur ökologisch höchst wertvoll, sondern auch ein riesiges Pfund für den Tourismus."

Würde sich die Ahr tatsächlich eine zweite Mündung schaffen, indem sie sich ihren Weg über den Rheinradweg sucht, wäre das eine Wendung, die in vielerlei Hinsicht nur zu begrüßen ist: "Denn was spräche dagegen, dass dieses wundervolle Naturschutzgebiet mit dem Fahrrad an der Ahr entlang umfahren werden würde? Ab Kripp in Richtung Sinziger Kläranlage könnte der Weg über die dortige kleine Brücke am Sportplatz geleitet und auf der anderen Seite wieder zum Rhein hinunter geführt werden. Das ist im Übrigen ebenfalls in dem Gewässerpflegeplan berücksichtigt und vorgeschlagen worden", so Groß. Würden hier noch Aussichtskanzeln mit Infotafeln installiert, wäre das ein Naturerlebnis, das für die Städte Sinzig und Remagen nur von Vorteil sein könnte.

Auch die Holzbrücke über die heutige Ahrmündung stünde dann keineswegs an falscher Stelle. "Im Gegenteil – sie würde direkt ins Herz des einzigartigen Mündungsdeltas führen, von dem aus Besucher sich das ganze Schauspiel beispielsweise von einer Aussichtskanzel anschauen könnten." Vom Gesichtspunkt des Gewässer- und Naturschutzes ist die SGD Nord also klar für eine freie Gewässerentwicklung. Aber neben diesen naturschutzfachlichen Belangen gilt es auch die der Rheinschifffahrt zu berücksichtigen.

Für die spricht Krekel: "Seitens des Wasser- und Schifffahrtsamtes gibt es die Besorgnis, dass bei einem Durchbruch der Ahr mit hoher Fließgeschwindigkeit und hohem Geschiebetransport verstärkt Steine, Kies und Sand unkontrolliert in die Fahrrinne gelangen und dort eine Kies- und Sandbank entsteht. Diese kann zu Grundberührungen und Festfahrungen der Schifffahrt führen und muss unbedingt verhindert werden." Zwar befinde sich die Fahrrinne eher in Richtung des rechten Rheinufers – weiter entfernt von der Sinziger Seite. Wie sich die Situation nach einem Durchbruch der Ahr aber tatsächlich entwickeln würde, könne niemand mit Sicherheit sagen.

Die im Gewässerpflegeplan festgelegten 15 Meter seien nicht viel, und wenn man dann erst ins Planfeststellungsverfahren einsteige, könne es sein, dass die Ahr bis zu dessen Abschluss schon Fakten geschaffen habe. Deshalb sei es wichtig, bereits heute Handlungsalternativen zu entwickeln.

Bad Neuenahr-Ahrweiler
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