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Oberwinter

Ein Boot für jede Not: Oberwinterer Tüftler baut Hochwasserboote

In den Tagen des Rhein-Hochwassers waren sie fast pausenlos im Einsatz. Mit ihnen wurden Menschen von Rettungskräften versorgt und transportiert, mit ihnen hat die Feuerwehr inmitten der Flut das Geschehen überwacht. Die Rede ist von den Aluminium-Hochwasser-Booten der Oberwinterer Metallverarbeitungsfirma von Werner Schäfer.

Die Aluminium-Hochwasser-Boote der Oberwinterer Metallverarbeitungs-Firma von Werner Schäfer haben sich bewährt.
Die Aluminium-Hochwasser-Boote der Oberwinterer Metallverarbeitungs-Firma von Werner Schäfer haben sich bewährt.
Foto: Judith Schumacher

Sechs der ausgeklügelten und leicht zu bedienenden Boote gehören der Remagener Feuerwehr, vier sind in Privatbesitz. Unlängst hatte Hans Diedenhofen aus Kripp sich einen Tag, bevor sein Weinkontor am Rheinkilometer 630 überschwemmt wurde, eins der sogenannten Uniboote liefern lassen. Bei der Erläuterung der Funktionen wurde schnell deutlich: Hier ist jedes Detail durchdacht.

Das Hochwasserboot ist wendig und lässt sich dank seiner stabilen Räder und seines geringen Gewichts von nur einer Person bewegen und lenken. Hochwasserfreie Stellen können leicht überwunden werden. Selbst wenn das Boot voll Wasser gelaufen sein sollte, trägt es bis zu sechs Personen, die sicher ein- und aussteigen können. Der Tiefgang beträgt nur 18 Zentimeter, und die Retter können im Flachwasserbereich im Boot bleiben. Die Sitzbänke können zur Treppe umfunktioniert werden.

Die abnehmbare Reling ist schwimmfähig, die Ruder sind sicher befestigt. „Bei den Unibooten wird nichts geschraubt, alles wird geclipst und gesteckt“, so Schäfer. Angetrieben wird das Boot entweder durch einen kleinen 2,5-PS Außenbordmotor oder einen Drucklüfter, wie man ihn von Booten der Everglades kennt.

In 20 Jahren 400 Boote ausgeliefert

„Seit dem Baubeginn des Uniboots im Jahr 1993, als das Jahrhunderthochwasser die Rheingemeinden so arg gebeutelt hatte, musste keines der Boote repariert werden“, betont Seniorchef Schäfer zufrieden. Bislang gab es keinerlei Reklamationen. Und das, obwohl in den vergangenen 20 Jahren aus Oberwinter 400 der hochwertig verarbeiteten Hochwasserboote ausgeliefert wurden. Insbesondere bei den Feuerwehren in Deutschland und der österreichischen Wasserrettung steht das sinksichere Uniboot hoch im Kurs. Von der Nordsee bis hinunter nach Regensburg, Kitzbühel und Kufstein sowie bei der niederösterreichischen Feuerwehrschule bei Wien hat sich die Erfindung Werner Schäfers durchgesetzt.

Wie er auf die Idee kam? „Ich bin ein fauler Mensch“, sagt er schlicht. Und Faulheit denke eben scharf. Als bei dem Jahrhunderthochwasser die zwei bleischweren Kähne, die an der Oberwinterer Bleiche lagerten, transportiert werden mussten, kam er zu dem Schluss: „Boote tragen tu ich nicht.“

Und so entwickelte er nach seinem solarangetriebenen Boot „Sonni“, das sein Unternehmen bereits seit 30 Jahren baut, das Uniboot. Zum einen als Typ Oberwinter, besonders für den Rettungseinsatz in engen Gassen geeignet, da es mit 4,30 Meter Gesamtlänge sehr leicht und wendig ist. Der Typ Rolandseck kann mit bis zu 14 Personen besetzt werden und ist mit seiner Länge von 5,60 Metern eher für Situationen geeignet, in denen auf längeren Strecken nach und nach Hilfesuchende eingeladen werden müssen.

Andere innovative Entwicklungen

Hinsichtlich Nachrüstungen gibt es bei den Oberwinterer Metallbauern keinen Stillstand. Für Taucher entwickelte Schäfer eine Leiter, die es ihnen ermöglicht, in voller Montur mit Equipment samt Flossen leicht ins Boot zu gelangen. „In Filmen sieht man immer nur, wie sich Taucher elegant hinterrücks ins Wasser fallen lassen“, so der Seniorchef. Wie sie aber wieder ins Boot kommen, werde nicht gezeigt, das sei nämlich eine ziemliche Prozedur. Für die Rettung von im Eis eingebrochenen Personen entwickelte Schäfer eine „Eisgabel“. Die Gerätschaft ermöglicht es einer Einzelperson, einen Menschen, der doppelt so schwer ist wie der Retter selbst, sicher ins Boot zu bergen. Auf den Spezialanhängern des Oberwinterer Unternehmens lässt sich das Uniboot direkt zum Einsatzort transportieren.

Auch auf Bahnschienen ist das Gefährt als Rettungsgerät mittels Umrüstung auf spezielle Spurkranzräder einsetzbar. „Hierdurch können Reisende fernab von Straßen und Gehwegen aus Tunneln und von Eisenbahnbrücken rasch und sicher aus dem Zug geborgen werden“, erläutert Schäfer.

Als weitere Tüftelei in Sachen Schifffahrt hat Schäfer eine vollautomatische Bootshebeanlage samt Persenning sowie ein Bugstrahlruder entwickelt. Bei einem Besuch in Singapur war ihm langweilig geworden, und er entwickelte einen Katamaran, der im vorderen Bereich aufklappbare Elemente hat, die für die Reinigung von Oberflächenschmutz auf Seen eingesetzt wird.

Von unserer Mitarbeiterin Judith Schumacher

Aufträge aus aller Welt - und auch vom Arp Museum

Bereits in der vierten Generation wird der Metallbaubetrieb Schäfer in Oberwinter geführt. Als wahrer Künstler war Georg Schäfer, der Großvater des jetzigen Seniorchefs Werner Schäfer, bekannt. Die Schmiede- und Intarsienarbeiten, die Georg Schäfer seit der Gründung seiner Kunst- und Bauschlosserei im Jahr 1908 geschaffen hat, zeugen noch heute von handwerklicher Qualität und großer Formschönheit.

Die Metallbaumeister Christian Schäfer und Werner Schäfer leiten den Betrieb in Oberwinter. 
Die Metallbaumeister Christian Schäfer und Werner Schäfer leiten den Betrieb in Oberwinter. 
Foto: Judith Schumacher

1973 erweiterte Schlossermeister Werner Schäfer den Familienbetrieb auf dem Gelände der ehemaligen Apfelsaftfabrik erheblich. Heute arbeiten dort 20 Angestellte, hiervon 2 Auszubildende zum Metallbauer Fachrichtung Konstruktionstechnik. Werner Schäfers Sohn Christian ist hier Meister im Metallbauhandwerk. Das Hauptgeschäft des Betriebes sind neben individuellen Einzelarbeiten Serienprodukte wie Waschanlagen für Nutzfahrzeuge. Diese werden auf der gesamten Welt bis nach Australien, Kanada oder den Fernen Osten vertrieben. Außerdem werden hier ein einbruchssicherer Zigarettenschrank, das Solarfreizeitboot Sonni und das Hochwasser-Uniboot produziert oder eine schwimmende Bootshalle aus Aluminium, wie sie etwa im Kölner Rheinauhafen zu finden ist. 1998 erhielt das Unternehmen den Innovationspreis des Landes Rheinland-Pfalz. Zu den Kunden gehören seit Jahrzehnten die Sinziger Firma Steinbrückner oder auch das renommierte Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Für bekannte Künstler konzeptionierte Werner Schäfer unter anderem die Skulpturen des „Regenfängers“, die „Seven Steps“ auf dem Leinpfad, die Schlafboxen „Rhein-Schlafen“ oder auch die Skulpturen, die in den Geheimen Gärten Rolandswerth zu finden sind. Darüber hinaus hat Werner Schäfer eine spezielle Corbér-Uhr entworfen. Sogar für die Brücke von Remagen hat sich der Schlossermeister etwas einfallen lassen. Bereits vor 18 Jahren konstruierte er eine bogenförmige Brücke, die Besucher von einem Brückenturm zum anderen führen könnte. Doch dieses Unterfangen ist aus Gründen des Denkmalschutzes nicht über das Stadium einer Computeranimation hinausgekommen. i

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