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Kreis Ahrweiler

Die Ahr: Wie aus einem lieblichen Flüsslein ein reißender Strom werden kann

An und für sich ist die Wasserführung der Ahr und ihrer Nebenbäche gering. Das kann sich nach Gewittern, anhaltendem Regen und bei Schneeschmelze aber allzu schnell ändern. Sprunghaft werden aus den lieblichen Bächen dann reißende Ströme, die über die Ufer treten und für Überschwemmungen sorgen.

Die Hochwasserkatastrophe von 1910: 52 Menschen kamen ums Leben.
Die Hochwasserkatastrophe von 1910: 52 Menschen kamen ums Leben.
Foto: Stadtarchiv

Von unserer Mitarbeiterin Petra Ochs

In vielen Urkunden und Chroniken sind solche Hochwasser überliefert. Gar katastrophale Ausmaße hatten die Ahr-Hochwasser in den Jahren 1804 und 1910. In schrecklicher Erinnerung ist das Hochwasser vom 21. Juli 1804 zur Zeit der napoleonischen Besatzung: Samstagnachmittags um 3 Uhr stürzte der Regen bei „einem erschrecklichen Gewitter von Norden in Strömen aus den Wolken", steht auf einer alten Holztafel geschrieben, die ehedem im Pfarrhaus und heute im Bürgerhaus von Dorsel hängt.

Das ganze Gebiet sei mehrere Stunden „in Feuer und Wasser verwandelt" gewesen, schreibt der Heimatforscher Dr. Hans Frick, der das Hochwasser von 1804 im Jahre 1929 als Erster umfassend darstellte. Jede Vorsorge war nutzlos, denn so hoch hatte die Ahr bis dahin noch nie gestanden. Über der Steinbrücke bei Rech soll sie eine Höhe von acht Fuß (etwa 2,50 Meter) erreicht haben. Doch los ging's anderswo: Vom weit oberhalb der Ahr gelegenen Dörfchen Dorsel waren die vom Regenwasser aufgeweichten Erdmassen mitsamt Pflanzen und Bäumen hinunter in die Ahr geflossen.

Die Stahlhütte unterhalb von Dorsel wurde von der Flut „ausgelöscht", Mühlen, Hüttenglausen und die Steinerbrücke wurden mitgerissen. Und das war erst der Anfang. 63 Menschen kamen infolge der Flut um. Im Ahrtal samt Nebentälern wurden 129 Wohnhäuser, 162 Scheunen und Ställe, 18 Mühlen und 8 Schmieden vollständig vernichtet. Schwer beschädigt wurden 469 Wohnhäuser, 234 Scheunen und Ställe, zwei Mühlen und eine Schmiede. Was an Vieh verloren ging, ist gar nicht erfasst. Zum Verhängnis wurden den talabwärts gelegenen Häusern und Brücken die vom Wasser mitgerissenen Bäume: Fast alle Ahrbrücken – einer Aufstellung nach 30 Stück – stürzten ein, auch die aus Stein.

Zudem zerstörte das sintflutartige Hochwasser für die Menschen im Ahrtal einen Großteil ihrer Erwerbsquellen: Neben Obstbäumen wurden Weinberge in den Niederungen fortgeschwemmt und Felder, Gärten und Wiesen mit Sand und Kies zugeschüttet. Die Auswirkungen in den einzelnen Ortschaften an der Ahr waren recht unterschiedlich: Manche Dörfer, darunter Insul, Dümpelfeld, Liers und Hönningen, kamen „glimpflich" davon. Nicht so Müsch, das vollkommen überschwemmt war. Auch in Antweiler und Schuld waren die Schäden enorm. In Brück, abwärts der Einmündung des Kesselinger Bachs in die Ahr, wurde ein Dutzend Häuser so dem Erdboden gleichgemacht, dass von ihnen keine Spur blieb. In Altenburg gab es wie im kleinen Laach 14 Tote, in Altenahr und Reimerzhoven kamen alle Bewohner mit dem Leben davon. In Rech starben fünf Menschen – allesamt im Pfarrhaus, darunter auch der Pfarrer selbst, der erst nach einem Jahr „unversehrt im Schlamm bei Marienthal aufgefunden wurde".

Aber auch noch heute sorgt die Ahr bei Hochwasser für Schäden, wie die Farbaufnahme unseres Fotografen Hans-Jürgen Vollrath zeigt.
Aber auch noch heute sorgt die Ahr bei Hochwasser für Schäden, wie die Farbaufnahme unseres Fotografen Hans-Jürgen Vollrath zeigt.

Nach der gleichen Quelle verschwand auch der 18 Fuß über normalem Wasserstand der Ahr gelegene Stotzheimer Hof bei Rech spurlos. Dernau verzeichnete die größte Anzahl schwer beschädigter Gebäude. In Ahrweiler trat der Strom durch das Obertor ein – neben Toten und Häusertrümmern riesige Baumstücke mit sich führend, die die Häuser der Stadt so beschädigten, dass mehrere einfielen und selbst mitgerissen wurden. Unter den sieben Ertrunkenen in Ahrweiler war ein Vater von sechs Kindern. Die ganze Stadt stand in der Nacht auf Sonntag bis zum zweiten Stockwerk unter Wasser. Zum Glück war ein Teil der Stadtmauer vom Holz durchstoßen worden, sodass wenigstens ein Ablauf vorhanden war.

Welche Schäden der Wasserstrom an der Unterahr anrichtete, ist nicht gut dokumentiert. Der damalige Sinziger Bürgermeister berichtete aber, dass von der „großen Brücke über die Ahr" nicht nur das Holz, sondern auch die Steinpfeiler fortgetragen wurden. Zum Wiederaufbau nach dem Ahr-Hochwasser gab der französische Staat 120.000 Francs und Holz aus den Gemeindewäldern im Wert von 40.000 Francs frei.

Napoleon stellte aus seiner Privatschatulle 30.000, die Kaiserin 4800 Francs zur Verfügung. Aus dem gesamten Departement wurden Hilfskräfte ins Ahrtal gerufen. So ist einmal von 832 Mann die Rede, von denen 472 nach Antweiler, Schuld und Mayschoß und 119 nach Ahrweiler beordert wurden. Das Hochwasser von 1910 war ähnlich tragisch: Es kostete 52 Menschen das Leben, vorwiegend Bahnarbeiter, die an der neuen Bahnstrecke zwischen Dümpelfeld und Jünkerath bauten. Auslöser der Flut waren Wolkenbrüche in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni. Und schon in den Wochen davor hatte es so viel geregnet, dass der Boden das ganze Wasser gar nicht mehr aufnehmen konnte. Ahrbach, Nohner Bach, Trierbach, Adenauer Bach und Ahr schwollen rasch an und traten über ihre Ufer. In Müsch erreichte die Flut gegen 3 Uhr morgens ihren Höchststand, im 29 Kilometer entfernten Altenahr gegen 7 Uhr.

Der Abfluss des Wassers wurde von Baumaterialien, Gerüsten und Baubuden des Bahnbaus behindert. Die Trümmer verursachten an vielen Stellen der Ahr einen Rückstau. Und nicht nur das: Durch den Druck des aufgestauten Wassers stürzten nach und nach die Brücken ein – immer wieder kam es dadurch zu meterhohen Flutwellen. Innerhalb weniger Stunden waren mehr als 20 Ahrbrücken zerstört. Weggeschwemmt wurden auch drei Kantinen, in denen die Bahnarbeiter aßen und zechten. Allein die Kantine Schober bei Antweiler wurde mit 40 Insassen fortgetrieben, obwohl sie hätte rechtzeitig geräumt werden können. Der Wirt hatte sich aber dadurch in Sicherheit wiegen lassen, dass das Wasser eine Zeit lang gefallen war. Die meisten der Bahnarbeiter stammten nicht aus der Region oder kamen sogar aus dem Ausland.

Am 15. Juni wurden sie in Antweiler und Schuld in Massengräbern beigesetzt. Viele der überlebenden rund 2000 Bahnbauarbeiter waren nach der Flut arbeits- und obdachlos. Die Gendarmerie wurde verstärkt, um Ausschreitungen zu verhindern, für die Aufräumarbeiten wurden Soldaten abkommandiert. Auch die allgemeine Hilfsbereitschaft war groß: In der Rheinprovinz und den Nachbarprovinzen wurde für die Flutopfer gesammelt. Fast 500.000 Reichsmark kamen so zusammen. Das war mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Der Gesamtschaden des Hochwassers wurde auf 2,7 Millionen Reichsmark geschätzt.

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