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Bad Neuenahr-Ahrweiler

Bad Neuenahr-Ahrweiler: Gut behütetes Leben im Mauerrund (41)

In Ahrweiler kommt niemand an der Geschichte vorbei. Sie ist überall, wohin man auch blickt. Doch genau das ist auch das große Kapital des zweitgrößten Stadtteils von Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Erst aus der Luft werden die Ausmaße der Ahrweiler Stadtmauer so richtig deutlich. Rund 1000 Bürger leben im Mauerrund, Zigtausende besuchen jährlich das mittelalterliche Kleinod. Architektur, Atmosphäre, Tradition und nicht zuletzt der Rotwein haben Ahrweiler zu einer Tourismushochburg gemacht.
Erst aus der Luft werden die Ausmaße der Ahrweiler Stadtmauer so richtig deutlich. Rund 1000 Bürger leben im Mauerrund, Zigtausende besuchen jährlich das mittelalterliche Kleinod. Architektur, Atmosphäre, Tradition und nicht zuletzt der Rotwein haben Ahrweiler zu einer Tourismushochburg gemacht.
Foto: Hans-Jürgen Vollrath

Von unserer Mitarbeiterin 
Petra Ochs

„Wir leben zu großen Teilen vom Tourismus. Und von der Weinwirtschaft, was allerdings auch mit dem Tourismus einhergeht“, sagt Ortsvorsteher Peter Diewald. Im Grunde reicht es schon, sich mitten auf den Marktplatz – dem früheren Hofgelände des Reichsklosters Prüm und damit die Keimzelle von Ahrweiler – zu stellen und das Auge schweifen zu lassen: Mit der gotischen Pfarrkirche St. Laurentius, der Zehntscheuer, die heute den Pfarrsaal beherbergt, dem Pfarrhaus und der Stadtwache, beide vom Rokoko-Baumeister Johann Georg Leydel erbaut, und der alten Kellnerei, die heute ein Restaurant ist, bietet sich dem Auge ein Ensemble von Solitärgebäuden der verschiedensten historischen Epochen.

Das Besondere ist aber die Geschlossenheit der Stadtmauer. „Das ist es, was die Leute hier suchen“, davon ist Ahrweilers Ortschronist Hans-Georg Klein überzeugt. Wenn man aus einem der vier mächtigen Stadttore hinaustritt, weiß man garantiert, dass man die Altstadt hinter sich lässt. Was aber schade ist, denn diese Altstadt kann sich bis in ihre kleinsten Gässchen hinein sehen lassen.

Dass an den Wochenenden in Ahrweiler eine Menge los ist, ist fast schon eine Untertreibung. „Das war früher nicht so“, erinnert sich Klein. Da habe sich der Publikumsandrang vorwiegend auf den Herbst beschränkt, also die Zeit der Weinlese und der Weinfeste. Erst die Altstadtsanierung brachte die Wende. „Das war die Weitsicht in den 70er- und 80er-Jahren“, lobt Ortsvorsteher Diewald die Entscheidung der politisch Verantwortlichen, die sich damals aber auch Kritik gegenübersahen. Dass der Verkehr verbannt und große Teile der Altstadt zur Fußgängerzone werden sollten, war vor allem den Gewerbetreibenden nicht recht: Sie fürchteten um ihre Kundschaft – doch ihre Sorgen erwiesen sich als unbegründet.

Nichtsdestotrotz hat es der Einzelhandel in Ahrweiler schwer. Denn so schön die von Fachwerkhäusern gesäumte Fußgängerzone auch ist, so schwierig ist es für die Geschäfte, sich langfristig zu halten. „Wir haben dieselben Probleme wie alle anderen Nicht-Oberzentren“, klagt Peter Diewald, „es herrscht eine gewisse Fluktuation hier.“ Ein Problem sei die Größe der Läden: „Gewisse Sortimente gehen nicht auf 60 Quadratmeter“, bringt es der Ortsvorsteher auf den Punkt. Dafür profitierten die Geschäfte von der Sonntagsöffnung in der Altstadt – das sei „eine Kompensation im kleinen Rahmen“. Einen großen Schnitt machen die unzähligen gastronomischen Betriebe. Denn wer etwa als Besucher einer Busgruppe nach Ahrweiler kommt, der kehrt mit Sicherheit hier ein.

Doch nicht nur in touristischer, auch in gesellschaftlicher Hinsicht hat die Geschichte in Ahrweiler ihre Spuren hinterlassen: Die Hutengemeinschaften und das Schützenwesen sind Alleinstellungsmerkmale der Stadt. Beides seien „wohlangesehene Einrichtungen“, betont Diewald – und als solche durchaus eine ernste Angelegenheit. Als „Heilige Kühe“ will der Ortsvorsteher die Schützen und Huten aber nicht verstanden wissen.

Doch was ist das Besondere an diesen Vereinigungen? Zunächst ein Blick auf die Schützen: Ehedem bei Kriegszügen in der Landesverteidigung im Einsatz, sind sie heute eine rein gesellschaftlich-gesellige Institution – ganz ohne Schützenwesen im herkömmlichen Sinne, denn Schießsport wird überhaupt nicht betrieben. Mit einer Ausnahme: Der Bürgerkönig muss alle drei Jahre den Vogel von der Stange schießen – allerdings erst, nachdem er vom Verwaltungsrat ins Amt gewählt wurde.

Ahrweilers Ortschronist Hans-georg Klein und Ortsvorsteher Peter Diewald kennen sich in Ahrwieler aus, wie in ihrer Westentasche.
Ahrweilers Ortschronist Hans-georg Klein und Ortsvorsteher Peter Diewald kennen sich in Ahrwieler aus, wie in ihrer Westentasche.
Foto: Petra Ochs

Aufgeteilt sind die Schützen in drei Vereine: die St.-Sebastianus-Bürger-Schützengesellschaft, gegründet im 15. Jahrhundert, die St. Laurentius-Junggesellen-Schützengesellschaft von 1612 und die Aloisius-Jugend von 1813. „Außerdem sind wir die einzigen Schützen in Europa, die eigenen Wein anbauen“, erzählt Hans-Georg Klein stolz.

Und die Huten? Mit dem Hüten von Vieh hätten diese gar nichts zu tun, betont Klein. Vielmehr sind sie die Überbleibsel der ehemaligen Wehrgemeinschaften von Ahrweiler. Denn die Verteidigung der Stadt war einmal Sache der Bürger selbst, und eingeteilt war sie eben auf die vier Bereiche Ahrhut, Niederhut, Oberhut und Adenbachhut. In den Huten wiederum übernahmen Rotten den Wachdienst. Je Rotte schoben fünf bis sechs wehrfähige Männer, manchmal auch Frauen, den Wachdienst auf der Stadtmauer.

Ein endgültiges Ende fand diese Form der Stadtverteidigung erst 1794, als die napoleonischen Truppen einzogen und einen Schlusspunkt unter das „Alte Reich“ setzten. Die Huten aber sind geblieben – als lebendiges nachbarschaftliches Brauchtum und soziale Institution, vor allen im Bereich der Seniorenarbeit. Und geblieben sind auch die Animositäten zwischen den Huten, die alljährlich zu St. Martin im Wettkampf der Junggesellenvereine um das schönste brennende Schaubild in den Weinbergen kulminieren. Das traditionsreiche Spektakel lockt stets Tausende Besucher in die Rotweinmetropole. Traditionen lebendig hält auch der Heimatverein Alt-Ahrweiler, der sich die Pflege des Ahrweiler Platts auf die Fahnen geschrieben hat, in den jüngsten Jahren aber vor allem als Trägerverein der Dokumentationsstätte Regierungsbunker in den Vordergrund getreten ist.

Natürlich ist Ahrweiler schon lange viel mehr als nur seine Altstadt – hier wohnen ja auch nur gut 1000 der 7500 Einwohner. Der Stadtmauer entwachsen ist die Stadt aber erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich wohlhabende Weinhändler, denen es innerhalb der Stadtmauern zu eng geworden war, außerhalb ansiedelten. Inzwischen sind Ahrweiler und Bad Neuenahr zusammengewachsen, und Wohnraum bleibt weiterhin begehrt.

Warum ist die Stadt als Wohnort so beliebt? Die gute Infrastruktur und die Nähe zur Autobahn sind das Eine. Zum anderen ist es die besondere Atmosphäre. „Ahrweiler hat eine sehr dörfliche Struktur. Hier kennt eigentlich noch jeder jeden“, meint Ortsvorsteher Peter Diewald. Doch er sieht auch ein Problem: „Durch die Tallage können wir uns nicht weiter ausbreiten.“ Neu gebaut wird deshalb eigentlich nur noch da, wo Baulücken geschlossen werden können.

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