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Bad Breisig

Als Dieter Klaus Klein im Breisiger Kurpark von Neonazis ermordet wurde

Jan Lindner

Sie suchten Randale, lärmten, brüllten „Sieg Heil“ durch den Bad Breisiger Kurpark. Dieter Klaus Klein wollte nur in Ruhe auf der Bank am Brunnen schlafen und fühlte sich obendrein durch dieses Nazigezeter belästigt. Der Rest ist bekannt: In einer Sommernacht Ende Juli des Jahres 1992 wurde der 51-jährige Wohnungslose von zwei 17-jährigen Neonazis erst brutal zusammengeschlagen und dann erstochen.

Vor gut 25 Jahren wurde Dieter Klaus Klein in Bad Breisig von zwei Neonazis ermordet. Die Journalistin Heike Kleffner hat jetzt zu Todesopfern rechter Gewalt einen Vortrag gehalten.
Vor gut 25 Jahren wurde Dieter Klaus Klein in Bad Breisig von zwei Neonazis ermordet. Die Journalistin Heike Kleffner hat jetzt zu Todesopfern rechter Gewalt einen Vortrag gehalten.
Foto: Jan Lindner

Bis heute erkennt die Bundesregierung Klein nicht als Opfer rechter Gewalt an – wie auch viele andere Opfer nicht. Dies legte die Journalistin Heike Kleffner bei ihrem Vortrag im Bad Breisiger Hotel Rheinischer Hof dar. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Bündnis Remagen nazifrei, das sich vor einigen Jahren wegen des alljährlichen Neonazi-Aufmarsches in der Römerstadt gegründet hat. Mitglied im Bündnis sind vor allem Jugendorganisationen (Gewerkschaftsjugend, SJD – Die Falken, Jusos, Solid, Grüne Jugend).

Da die Neonazis am Samstag zum neunten Mal in Folge in Remagen aufkreuzen, war das Datum für den Vortrag bewusst gewählt. 30 Zuhörer waren gekommen, aus dem Ahrkreis, aus Koblenz, Neuwied und dem Westerwald. Die Zusammenkunft könnte auch dem Vorhaben neuen Schwung verleihen, dass Dieter Klaus Klein am Tatort einen Gedenkstein erhält. In Koblenz und Hachenburg sind 2014 solche Gedenksteine aufgestellt worden: für einen Kurden und einen Antifaschisten, die beide von Neonazis ermordet worden sind. Den Anstoß zum Mahnmal hatten jeweils Initiativen gegeben, die Kommunalpolitik hatte es überparteilich umgesetzt.

In Bad Breisig erinnert bis heute nichts an den schrecklichen Gewaltakt von vor gut 25 Jahren. Nach 2010 hatten Aktivisten und Linken-Kommunalpolitiker zuletzt am 31. Juli 2017 eigenmächtig gehandelt – ohne Genehmigung und Absprache mit der Stadt Bad Breisig. Sie hatten Stauden aus dem Beet am neuen Brunnen gerissen und dort einen Gedenkstein samt Tafel angebracht. Die Stadt ließ beides sofort entfernen und teilte mit, dass der Rat vor zwei Jahren entschieden habe, nach Abschluss der Arbeiten im Kurpark eine Gedenkstele zu errichten im Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus in der Quellenstadt – vor, während des Zweiten Weltkriegs und danach.

In ihrem Vortrag setzte Journalistin Kleffner den Mord an Klein in den Kontext zur Stimmung der frühen 1990er-Jahre. Gewaltverbrechen von Neonazis an Flüchtlingen, Gastarbeitern, Migranten, Linken und Wohnungslosen waren beinahe an der Tagesordnung. Die Taten von Rostock-Lichtenhagen, Solingen, Hoyerswerda und Mölln haben sich als deutsche Schande eingebrannt.

Kleffner sagte: „Die Täter hielten mit ihrem Hass nicht hinterm Berg. Für viele war die SS ein Vorbild. Sie fühlten sich als politische Soldaten gegen den vermeintlichen Multikulti-Wahn.“ Und sie gingen von gesellschaftlichem Rückhalt aus. Auch, weil die Strafverfolgungsbehörden bei einigen Gewaltakten wie in Rostock gar nicht oder erst nach Tagen eingriffen.

Ein Abschlussbericht zu den Taten des NSU-Trios kommt zu dem Ergebnis: „Die mangelnde Strafverfolgung nach schwersten Straftaten hat das Trio ermutigt.“ Die Journalistin sagt: „Das gilt auch für andere Täter und generell für die frühen 90er-Jahre. Die Generation Pogrom war der Ansicht, dass sie schwerste Straftaten begehen konnte, ohne bestraft zu werden.“

Die beiden Mörder von Dieter Klaus Klein, ein Hilfsarbeiter aus Sinzig und ein Azubi aus Bad Breisig, wurden zu acht respektive sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Während sich einer der beiden von der Neonaziszene losgesagt und bemüht haben soll, dass sein Stiefsohn nicht auch abdriftet, soll der andere nach wie vor in der rechten Szene verkehren.

Von unserem Redakteur Jan Lindner

Zur Person: Heike Kleffner

Heike Kleffner (Jahrgang 1966) arbeitet als Freie Journalistin und Buchautorin in Berlin. Seit den 1990er-Jahren schreibt sie über rechte Gewalt, Neonazis und die Situation von Geflüchteten, etwa für die taz, Tagesspiegel und Frankfurter Rundschau. Anfang der 90er-Jahre recherchierte sie zu Todesopfern rechter Gewalt.

Ihr Eindruck, der sich immer mehr verfestigte: In offiziellen Statistiken wird kaum ein Opfer rechter Gewalt als solches geführt; dafür ist die Dunkelziffer sehr hoch. Auch das Bad Breisiger Mordopfer Dieter Klaus Klein wird vom Bundesinnenministerium nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt. jl

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