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Bad Kreuznach

Wohnungsnot blockiert Familienzusammenführung: Ausländerpfarramt stellt Forderungen an die Politik

Désirée Thorn

Im Grunde ist Kirakus Astabanian wohnungslos. Die Unterkunft, die dem 53-jährigen Syrer vom Jobcenter vermittelt wurde, ist eigentlich ein Hotelzimmer – und damit nur eine Übergangslösung. Doch das ist momentan nicht sein größtes Problem.

Ehrenamtskoordinatorin Susanne Syren und der Ehrenamtler Mamoun Naim (links) wollen Menschen wie Kirakus Astabanian mit dem Arbeitskreis Wohnen bei der Wohnungssuche unterstützen.
Ehrenamtskoordinatorin Susanne Syren und der Ehrenamtler Mamoun Naim (links) wollen Menschen wie Kirakus Astabanian mit dem Arbeitskreis Wohnen bei der Wohnungssuche unterstützen.
Foto: Désirée Thorn

Der anerkannte Flüchtling, der bereits 2015 von Aleppo nach Deutschland kam, möchte seine Familie zu sich holen. Ein Visum ist seiner Frau und der 14-jährigen Tochter schon sicher, doch die Wohnungssuche steht der Familienzusammenführung im Weg.

Mit Fällen wie dem von Astabanian hat das Ausländerpfarramt in letzter Zeit sehr oft zu tun. Sowohl der Familiennachzug als auch die Wohnungssuche machen den Flüchtlingen in vielfältiger Weise auch im Kreis Bad Kreuznach große Schwierigkeiten.

„Wir fordern: Familien gehören zusammen“, betont Ausländerpfarrer Siegfried Pick. Für Flüchtlinge, die einen niedrigeren Aufenthaltsstatus haben als Astabanian und nur unter dem sogenannten subsidiären Schutz stehen, sieht es wesentlich schlechter aus. Für sie ist der Familiennachzug bislang ausgesetzt worden. Ab März dieses Jahres wird er komplett gestoppt. Nur in Härtefällen steht den Betroffenen eine Möglichkeit in Aussicht. „Das ist eine katastrophale Tendenz“, sagt Pick. Solche Einzelfallentscheidungen zeugten von „humanitärer Härte“, beurteilt er.

Die politisch und gesellschaftlich geforderte Eingliederung der Flüchtlinge rücke so in die Ferne. „Integration gelingt nur dann, wenn die Familien eine Perspektive haben“, erklärt der Pfarrer. Die psychische Belastung und die Sorgen um die Angehörigen setzten die Betroffenen zusätzlich unter Druck.

Und selbst die anerkannten Flüchtlinge, die das Recht haben, ihre Familie – und damit ist nur die Kernfamilie, also der Ehepartner sowie minderjährige Kinder, gemeint – nach Deutschland zu holen, stehen vor großen Hürden. Die im Heimatland verbliebenen Angehörigen müssen einen Termin bei der deutschen Botschaft beantragen, doch bis es zur Bestätigung eines Termins kommt, können zwischen 12 und 18 Monate vergehen. „Angenommen, ein Flüchtling würde heute anerkannt, dann ist seine Familie – wenn alles gut geht – 2019 in Bad Kreuznach“, rechnet Pick vor.

Außer öffentlich für Veränderungen in der Politik zu plädieren, kann auch das Ausländerpfarramt in solchen Fällen nicht viel ausrichten. Mehr Handlungsspielraum haben die Mitarbeiter beim Thema Wohnungssuche. Um Flüchtlinge zu unterstützen, die nicht nur Pro-bleme mit dem weitestgehend erschöpften Wohnungsmarkt haben, sondern zusätzlich mit einer Sprachbarriere kämpfen, hat die Ehrenamtskoordinatorin des Ausländerpfarramtes, Susanne Syren, den Arbeitskreis Wohnen ins Leben gerufen. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern versucht sie so, Wohnungsangebote und -anfragen zu bündeln und so eine Art Datenbank anzulegen. „Es ist generell schwer, eine preiswerte Wohnung zu finden – und für Flüchtlinge ist es noch schwieriger“, erklärt Syren.

Problematisch wird es insbesondere durch die Preisvorgaben des Jobcenters. Eine 60 bis 80 Qua-dratmeter große Wohnung für drei Personen in Bad Kreuznach, wie sie Kirakus Astabanian benötigen würde, darf laut den Richtwerten des Landkreises nur 471 Euro (Bruttokaltmiete) kosten. „Diese Richtwerte sind nicht mehr realitätsgerecht“, urteilt Pick. Er fordert „eine Wohnungspolitik, die günstigen Wohnraum erstellt“.

Nach Meinung des Ausländerpfarramts fehle es an Sozialwohnungen – nicht nur für die Flüchtlinge, sondern für alle wohnungssuchenden Bürger, die auf die Budgetvorgaben des Kreises angewiesen sind. So würde wohl auch Kirakus Astabanian nichts mehr im Wege stehen, um sich mit seiner Familie eine gemeinsame Zukunft aufzubauen – und unabhängig von Unterstützungen zu sein.

Wer sich im Arbeitskreis Wohnen engagieren möchte und zum Mittler zwischen Vermietern und Mietern werden will, kann sich an das Ausländerpfarramt wenden, Tel. 0671/845 91 52 , E-Mail wohnen@auslaenderpfarramt.de

Von unserer Reporterin
Désirée Thorn

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