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    Bad Kreuznach

    Sozialbad ab 1950 - Der Anspruch hieß jetzt: Die Kur für alle

    Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945 und der Besetzung musste das ganze Kurviertel für die Besatzungstruppen geräumt werden. Bis zur Wiederaufnahme des Kurbetriebs in Bad Kreuznach nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es eine geraume Zeit. Lange hatten kein Zivilist und kein Vertreter der Kurverwaltung Zutritt zu den Kureinrichtungen. Die Folge war ein jahrelanger Stillstand.

    1967: Das umgestaltete Bewegungsbad in der Klinik für Rheumakranke. Rechts: Badeinspektor Gerhard Brehmer.
    1967: Das umgestaltete Bewegungsbad in der Klinik für Rheumakranke. Rechts: Badeinspektor Gerhard Brehmer.

    Das Heilbad lag darnieder, das Schicksal des Bades blieb einige Jahre ungewiss. Die Heilquellen waren indessen unversehrt geblieben.

    Anfang der 50er-Jahre begann man mit dem Wiederaufbau des Heilbades. Doch diesmal sollte Bad Kreuznach kein mondänes Bad für gut betuchte Bürger aus der Oberschicht werden, sondern ein Sozialbad, um kranken Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Gesundheit wiederzufinden. Die Kur für alle, so lautete der Anspruch: Nicht nur die Wohlhabenden, alle Bevölkerungsschichten sollten von der Kur profitieren. Um den Kurbetrieb wieder in Gang zu bringen, wurde 1950 die Gemeinnützige Aktiengesellschaft Radium-Heilbad Kreuznach (später Rheuma Heilbad AG) gegründet – eine wichtige Weichenstellung für die Kur in der Nachkriegszeit.

    Die Stadt brachte als Hauptaktionär ein: das Kurhaus, einen Teil des Kurparks, den Fürstenhofplatz und das Bäderhaus. Beteiligt waren außerdem das Land Rheinland-Pfalz sowie die Sozialversicherungsträger, Krankenkassen und Rentenversicherung. In der Satzung vom 30. Oktober 1950 heißt es: „Gegenstand des Unternehmens ist die Errichtung und der Betrieb eines Sozialbades, das im Rahmen seiner Indikation unter ärztlicher Aufsicht in besonderem Maße der Heilbehandlung der Mitglieder der Kranken-, Invaliden- und Angestelltenversicherung dienen soll“ (Rolf Ebbeke: „Bad Kreuznach: Kur- und Heilbad“, Seite 164). 

    Ein neuer Abschnitt in der Entwicklung des Bades wurde eingeleitet, als Anfang 1951 die ersten Badegäste in das neue Kurheim neben dem Bäderhaus einzogen. Der damalige Oberarzt Dr. Alfons Gamp erklärte den Vertretern der Presse bei einem Rundgang: „Wir sind mit allem gerüstet, was die physikalische Therapie hervorbrachte.“ (Werner Küstermann (Hrsg.): „150 Jahre Heilbad“, Seite 73). Die zum Radiumheilbad Kreuznach gehörende Klinik für Rheumakranke bezog 1958/1959 ihren Neubau. 1964 wurde auf dem Badewörth eine neue Heilschlammabteilung eröffnet, die ein Vielfaches der bisherigen Kapazität hatte. Im Mai 1965 eröffnete das neue Kursanatorium Salinental mit 172 Betten.

    Auch das 1945 zerstörte Radon-inhalatorium musste wieder aufgebaut werden, denn die Radontherapie gehört zu den wirkungsvollsten bei Rheuma, das bei Kur und Reha in den Vordergrund rückte.

    Im Bad Kreuznacher Protokoll aus dem Jahr 1957 wurden sowohl die Trinkkur mit Radonwässern als auch die Badekur mit Radonwässern und die Radon-Inhalation „als unbedenklich angesehen“. Durch diese wissenschaftlichen Aussagen wurde das Fundament der gesamten Radontherapie bestätigt (Ebbeke, Seite 137).

    1974 wurde der Radonstollen wiedereröffnet. Das bedeute einen weiteren wichtigen Schritt in der Kurentwicklung. 1988 ist die Rheuma Heilbad AG Eigentümerin der drei Kliniken Karl-Aschoff-Klinik mit 160 Betten, die 1976 eröffnet wurde als Schwerpunktklinik der BfA, die Prieger-Kurklinik mit 54 Betten für Sanatoriumskuren und die Klinik für Rheumakranke mit 127 Betten als Krankenhaus der Kassenpatienten und des Bäderhauses als Zentrum der physikalischen Therapie.

    Die Rheinpfalzklinik (1993 eröffnet) mit 190 Betten als Klinik der Landesversicherungsanstalten ist angemietet. Dazu kam noch das Franziskastift, das vom Stadtkrankenhaus in eine Rehaklinik umgewandelt wurde, das Viktoriastift (Kinderreha) und die Augustaklinik in der Kurhausstraße, eine private, familiengeführte Einrichtung. Es ist heute übrigens noch die einzige Klinik, die weiter Kreuznacher Heilwasser abnimmt. In der Blütezeit gab es in Bad Kreuznach etwa 1500 stationäre Rehaplätze. Dazu kam ein ambulantes Angebot, überwiegend im Bäderhaus, das – wie auch das Thermalbad – von den Kur- und Salinenbetrieben geführt wurde. Diese wurden 1997 liquidiert und aufgeteilt in die Badgesellschaft und die Tourismus- und Marketing GmbH (TuM), die heutige GuT (Gesundheit und Tourismus für Bad Kreuznach GmbH).

    Anwendung im Bewegungsbad - und die Badekappe sitzt.
    Anwendung im Bewegungsbad - und die Badekappe sitzt.

    Nach einer Blütezeit Anfang der 1990er-Jahre, die der Rheuma Heilbad AG den höchsten Umsatz ihrer Geschichte brachte, folgten Rückschläge: Im Zuge der Seehofer’schen Gesundheitsreform kam es Mitte der 1990er-Jahre zu einer schweren Krise: Die Heilbäder in Deutschland wurden Opfer ihres eigenen Erfolges in Prävention und Rehabilitation. Die Bäder erlebten ab 1993 einen Einbruch bei den Kuren infolge der Leistungskürzungen im Gesundheitswesen. Die Kurgäste blieben weg.

    Die Auswirkungen des „Sparpaketes“ zeigten sich in Bad Kreuznach mit Beginn des vierten Quartals 1996: Die Zahl der Kurgäste war rückläufig, auch im klinischen Bereich gab es ein Minus. Neben dem Belegungsrückgang durch gesetzliche Eingriffe musste die Stadt auch noch mit den Folgen von zwei kurz aufeinanderfolgenden Jahrhunderthochwassern 1993 und 1995 fertig werden, die große Schäden im Kurgebiet und an vielen Kur- und Rehaeinrichtungen verursachten. Am Ende der Krise waren viele Plätze abgebaut, der weitaus größte Teil im Bereich der stationären Kur. Die Stadt verlor ein Drittel bei den Übernachtungen und ein Drittel bei den Klinikkapazitäten.

    Von unserem Redakteur Harald Gebhardt

    Tango nach Fango auch an der Nahe

    Die Kur in Bad Kreuznach hatte in 200 Jahren manches Hoch und Tief. Doch einen wahren Boom erlebte Bad Kreuznach mit den Sozialkuren nach dem Zweiten Weltkrieg, als nicht mehr die Reichen, sondern jedermann kurte. An diese Zeit, die mit den Gesundheitsreformen unter Horst Seehofer 1997 endete, erinnert sich mit Friedrich Dörtelmann (86) einer, der es wissen muss. War er doch 22 Jahre lang, von 1970 bis 1992, Geschäftsführer der Rheuma Heilbad AG Bad Kreuznach.

    Friedrich W. Dörtelmann war von 1970 bis 1992 Vorstandsvorsitzender der Rheuma Heilbad AG.  Foto: Gebhardt
    Friedrich W. Dörtelmann war von 1970 bis 1992 Vorstandsvorsitzender der Rheuma Heilbad AG.
    Foto: Gebhardt

    „Nach der Gesundheitsreform war die ambulante Kur in Bad Kreuznach tot“, sagt Dörtelmann. Das traf genauso andere Kurstädte – wobei Kreuznach mit einem blauen Auge davonkam, da es über eine Reihe von Kliniken verfügte, die von den Kostenträgern weiter belegt wurden. Nachteilig war laut Dörtelmann aber, dass in den neuen Bundesländern – politisch gewollt – mit Mitteln der Kostenträger neue Häuser gebaut wurden. „Die Kostenträger, die hierfür Kredite gegeben hatten, waren natürlich daran interessiert, ihre Häuser voll auszulasten.“

    Im Gespräch mit Dörtelmann wird schnell deutlich, dass die Sozialkur, und hier insbesondere die ambulante Kur, nicht mehr viel gemein mit den heutigen Klinikaufenthalten zu tun hatte. So bestand die Möglichkeit, alle drei Jahre eine Kur anzutreten. Dörtelmann: „Bis in die 70er-Jahre zahlten die Versicherungsträger jedem Kurgast täglich 5 Mark Taschengeld.“ Damit waren die Abende gesichert. Er erinnerte sich noch gut, dass für „Tanzwütige“ die „Heilquelle“ in der Rossstraße eine der ersten Adressen war. Kur war in der Tat in den Zeiten des Wirtschaftswunders mehr als nur Fango, Bäder oder Massagen. Sie war für viele so etwas wie ein Muss, ein gesellschaftliches Ereignis, dass man sich alle drei Jahre gönnte.

    Nicht wegzudenken war das Kurorchester, das teilweise zwölf Musiker hatte. Heute teilen sich Bad Münster und Kreuznach gerade drei Musiker. Dreimal täglich morgens, nachmittags und abends trat das Orchester auf. Wobei morgens immer zuerst ein geistlicher Choral gespielt wurde. Neben der Kurmusik gab es für die Kurgäste Theateraufführungen, regelmäßige Führungen durch die Stadt und das Angebot von organisierten Busausflügen zu Sehenswürdigkeiten rund um Bad Kreuznach. Wenn man Dörtelmann so erzählen hört, kann man den Eindruck gewinnen, dass die Kur jener Jahre auch ein wenig an einen Urlaub erinnert.

    Dennoch waren die Anwendungen im Bäderhaus ausgebucht. In den Jahren, als die Sozialkur richtig boomte, hatte das Bäderhaus eine Auslastung von durchschnittlich 90 Prozent. In der Schlammabteilung wurde von morgens um 6 Uhr bis abends in mehreren Schichten gearbeitet. Die Zahlen der Kurmittelabgaben, die Dörtelmann noch hat, sprechen Bände: So wurden 1971 insgesamt 224.000 Kurmittel verabreicht, während es 1981 zum Rekordergebnis von 346.364 Anwendungen kam. „Entsprechend schwierig war es, geeignetes Personal zu finden“, berichtet der ehemalige Geschäftsführer. Immerhin beschäftigte 1992 die Rheuma Heilbad AG 393 Mitarbeiter.

    Von unserem Reporter Josef Nürnberg

    Zeittafel

    1817: Der Wiesbadener Arzt Dr. Johann Erhard Prieger aus Wiesbaden macht erste Versuche, die Solequellen zu Trink- und Badekuren zu verwenden

    • 1817: Der Wiesbadener Arzt Dr. Johann Erhard Prieger aus Wiesbaden macht erste Versuche, die Solequellen zu Trink- und Badekuren zu verwenden
    • 1832: Entdeckung der Elisabethquelle
    • 1834: Gründung der „Solbäder-Aktiengesellschaft“; Bau eines ersten Badehauses
    • 1842/43: Das erste Kurhaus wird erbaut
    • 1853: Die Kur in Bad Münster am Stein beginnt
    • 1858 bis 1860: Bau der Rhein-Nahe-Bahn (bringt weiteren Anstieg der Bäderreisenden)
    • 1904: Dr. Karl Aschoff weist in den Kreuznacher Quellen Radioaktivität nach, Beginn der Radonstollentherapie (das sogenannte „Kreuznacher Verfahren“)
    • 1912: Bau des Radon-Inhalatoriums vor dem Rudolf-Stollen
    • 1913: Bau des neuen Kurhauses
    • 1924: Verleihung des Badtitels
    • 1950: Gründung der Rheuma Heilbad AG
    • 1974: Wiedereröffnung Radon-Stollen
    • 1974 bis 1979: erster Therapieraum im Radonstollen
    • 1979. Bau des Thermalbades
    • 1987: 75 Jahre Radontherapie
    • 1999: Die Krankenhausgesellschaft Sana übernimmt 75 Prozent der Aktien der vor dem Konkurs stehenden Rheuma Heilbad AG
    • 2000: Das Bäderhaus wird zur Saunalandschaft
    • 2002 Neues Gesundheitszentrum für ambulante Kurangebote
    • 2003: Umwandlung in Sana Rheumazentrum Rheinland-Pfalz
    • Ende 2013: Die Acura-Kliniken übernehmen das Sana-Rheumazentrum
    Bad Kreuznach
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